Der Pastoralpsychologe und Mönch über Schuld und Entschuldigung

Wie geht Vergebung, Pater Sebastian?

Ob man selber schuldig geworden ist oder ob einem großes Unrecht widerfahren ist: Wie wird man diese bedrückende Erfahrung wieder los? Pater Sebastian Debour ist Priester, Pastoralpsychologe und seit langer Zeit in der Lebensberatung tätig. Er gibt konkrete Hilfen, damit es heißen kann: Es ist wieder gut.

Pater Sebastian, was ist leichter: um Vergebung bitten oder vergeben?

Pater Sebastian: Beides bringt ganz eigene Schwierigkeiten mit sich. Wenn ich um Vergebung bitte, gestehe ich mir selber und dem Anderen ein, dass ich etwas falsch gemacht habe. Das hat mit Demnut und Demütigung zu tun. Wenn ich die Vergebungsbitte annehme und jemanden Vergebung zuspreche, dann ist das nicht unbedingt leichter. Es kommt da­rauf an, welche Gefühle ich für den Bittenden hege, was im Herzen los ist. Es kann durchaus sein, dass ich innerlich noch gar nicht dazu bereit bin. Je nachdem, wie versöhnlich ich gestimmt bin, kann ich sagen: Ich nehme deine Bitte an, aber ich brauche noch Zeit, um dir wirklich zu vergeben. Ich werde dran arbeiten.

Dran arbeiten?

Pater Sebastian DebourPater Sebastian Debour ist Mönch der Benediktinerabtei Gerleve, Pastoralpsychologe und seit langer Zeit in der Lebensberatung tätig. | Foto: Michaela Kiepe (pbm)

Vergebung und Vergebungsbitte haben beide mit Mühe, mit Arbeit zu tun. Versöhnung braucht das. Das bedeutet für den, der um Vergebung bittet: spüren und einsehen, was ich getan habe; sich überwinden, diesen „unteren“ Weg zu gehen; Fehler dem anderen gegenüber eingestehen. Für den, der um Vergebung gebeten wird, bedeutet es: mit den Kränkungsgefühlen, die der andere ausgelöst hat, umgehen und auch mit den eigenen Vergeltungsimpulsen. Die Reaktionen darauf sind ja recht unterschiedlich: Einige ziehen sich zurück, einige schlagen zurück.

Es geht dabei darum, wieder einen Ausgleich herzustellen, wenn die Beziehung durch eine solche Kränkung ins Ungleichgewicht geraten ist. Das ist ein ganz ursprüngliches Bedürfnis, das jeder hat. Je nachdem, wie die Menschen gestrickt sind, ziehen sie sich zurück, hegen innerlich aggressive Gefühle, grollen und schmollen und ärgern sich – und können nur auf diese emotionale Art etwas von dem Vergeltungswunsch leben.

Verstärkt Schmollen nicht den Rückzug in sich selbst?

Wenn man unversöhnlich bleibt, hält dies das Ungleichgewicht aufrecht. Das schadet sowohl der Beziehung selbst als auch den Beziehungspartnern. Durch das Schmollen halte ich die Kränkung in mir fest. Bildlich gesprochen: Es bleibt eine Wunde in mir, die weiter schwärt und eitert, und dieser „emotionale Eiter“ setzt sich in meinem Seelenorganismus ab und vergiftet ihn. Wenn ich mich nicht auf Versöhnung und die Arbeit daran einlasse, dann tue ich nicht nur dem anderen etwas an, sondern auch mir selber. Ich halte auch mich selbst von Harmonie, Wohlbefinden, Heil fern, also von dem, wonach ich mich eigentlich sehne. Es ist ein existenzielles Bedürfnis, zu einem Ausgleich zu kommen. Das kann auch heißen, sich zu Vergebung und Versöhnung durchzuringen. Vergebung hat immer etwas zu tun mit Herzensbildung und Geistesbildung.

Was meinen Sie damit?

Modern würde man von „Individuation“ sprechen. Gemeint ist das Herz als das Zentrum des Menschen, wo Geist, Gemüt und Verstand zusammenwohnen. Wenn man etwas für sein Herz tut, für seine Gefühlswelt und die emotionale Bearbeitung unterschiedlichster Erlebnisse, dann ist das eine Arbeit an der eigenen Bewusstheit: Wie bewusst lebe ich eigentlich? Verarbeite ich meine Erlebnisse? Das meine ich mit Herzensbildung.

Was geschieht mit mir, wenn ich jemandem vergebe?

Wenn ich Vergebung erlange und wenn ich Vergebung gewähre – beides hat mit Erleichterung, Befreiung, Harmonie, Frieden zu tun: Jetzt ist es wieder gut.

Vergeben und vergessen?

Vergessen nicht in dem Sinn, dass ich die Erinnerung, die Gedächtnisspur einfach ausradieren könnte. Und doch heißt Vergeben auch Vergessen – in dem Sinn, dass ich als der Vergebende nicht gleich bei der nächsten Kränkung die alte Geschichte wieder auf den Tisch bringe. Das zu versprechen, ist Teil der Vergebung.

Was heißt dann „Wiedergutmachung“?

Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt. Oft ist die Vergebungsbitte allein nicht ausreichend. Das hängt davon ab, was passiert ist. Derjenige, der um Vergebung gebeten wird, muss schon spüren, wie ernst es dem Anderen ist. Das kann dieser ganz unterschiedlich zum Ausdruck bringen:

1. Ich verspreche mit der Bitte um Vergebung: „So etwas will ich nie wieder tun. Auch wenn es mir wieder passieren kann, aber ich will es nicht.“ Das heißt nicht, sich ein Hintertürchen offen zu lassen.

2. Man kann etwas tun, das wieder gut macht, auch wenn es nicht ungeschehen machen kann. Das kann sehr konkret sein: Schulden zurückzahlen oder einen zerstörten Gegenstand ersetzen. Damit mache ich auch deutlich, wie sehr ich mich in den anderen hineingefühlt habe, wie es ihm gegangen sein muss mit dem, was ich ihm angetan habe.

Der heilige Benedikt verlangt in seiner Regel: „Nach einem Streit noch vor Sonnenuntergang Frieden schließen.“ Heißt das: Möglichst schnell drüber reden?
Es ist wichtig, mit dem eigenen Gefühl und der emotionalen Lage in einer Beziehung realistisch umzugehen. Es darf auch mal ein zweiter Tag vergehen, bis sich alles etwas abgekühlt hat. Aber ich denke, dass dieser Satz Benedikts, der ja aus dem Epheserbrief stammt, sehr weise ist: möglichst bald zu klären, weil dieses Ungeklärte sonst „unterirdisch“, unterschwellig weiterwirken und weitergären kann.

Was aber, wenn ich wirklich nicht vergeben kann?

Dann ist es wichtig, bewusst festzustellen: Ich will es jetzt nicht. Es tut noch so weh. Ich bin noch so sauer. Das war so mies und fies. Ich setze darauf, dass kein Mensch gern leidet, sondern sich danach sehnt, Leid zu überwinden und loszuwerden, schmerzfrei zu werden.

Kann man Vergeben lernen?

Es hat mit Lernen zu tun und mit Vorbildern. Was man in der Ursprungsfamilie gelernt hat, ist fundamental – wie man dort mit Verletzungen, mit Streit, mit Versöhnung umging, was man dort gelernt hat und was plausibel geworden ist. Wer an Jesus Christus glaubt, der selbst am Kreuz noch seinen Peinigern vergeben hat, kann vielleicht auch darin ein Vorbild sehen. Für mich scheint in solcher Vergebungsbereitschaft eine hohe Menschlichkeit auf. Aber ich spüre auch, wie sehr ich dahinter zurückbleibe. Ich glaube, dass ich nur im Glauben zu einer solchen Vergebungsbereitschaft heranreifen kann, die man aber nie ein für alle Mal hat, sondern neu aktualisieren und entwickeln muss, wenn es darauf ankommt.