Sommerserie "Geheimnisvolle Orte im Bistum" - Teil 3

Wo die Welt friedlich scheint

 "Hoch die Schornsteine, höher die Kirche" – dieser Leitspruch hat die Erbauer getrieben, als sie von 1901 bis 1905 den bis heute höchsten Kirchturm im Bistum Münster errichten ließen. Mitte des 19. Jahrhunderts wurden in Rheine auf der rechten Emsseite vier neue Textilfabriken eröffnet. Dementsprechend viele Arbeiter zogen in die Stadt. Schnell war klar, dass die Pfarrkirche für die vielen Menschen zu klein sein würde. So wurde 1901 der Grundstein für die St.-Antonius-Basilika gelegt. Mit der Vorgabe, dass der Turm die umliegenden Fabrikschornsteine weit überragen solle.

Heute sind die Schornsteine größtenteils verschwunden – Der Turm der St.-Antonius-Basilika aber ziert nach wie vor das Bild der Stadt. Weit sichtbar. Und dennoch verbirgt er einen geheimnisvollen Ort. "Eigentlich sind es geheimnisvolle Orte", sagt Friedel Theismann. Der langjährige Küster von St. Antonius kennt die Basilika wie kein zweiter.

Ein riesiger Dachboden

In der Sakristei öffnet er die Stahltür zum steinernen Treppenhaus. "350 Stufen sind es bis nach oben", kündigt er an. Theismann hat diese Stufen schon unzählige Male erklommen – er legt ein zügiges Tempo vor. Bereits nach den ersten paar Wendungen der sandsteinernen Wendeltreppe fällt die Orientierung schwer. Friedel Theismann biegt vom Treppenhaus ab, öffnet eine Tür und erreicht einen großen, hohen, rechteckigen Raum. Der Boden ist mit Dämmwolle bedeckt.

Holzstege führen zu Türen an den Seiten und Ecken des Raums. Zeit für eine Verschnaufpause. Theismann erklärt: "Wir stehen jetzt direkt über der Orgel. Und hier", er öffnet die Tür zu unserer Rechten, "ist die Zwischendecke über dem Mittelschiff". Ein einziger Blick genügt, um den Raum zu erfassen: Ein riesiger, gut aufgeräumter Dachboden.

Nächster Halt Glockenstuhl

Wir nehmen eine andere Tür. Theismann betätigt den Lichtschalter. Ein kurzer Lichtblitz erhellt das Treppenhaus. Dann wird es wieder dunkel. "Ich hoffe, dass das Licht weiter oben wieder funktioniert", sagt der Küster. In unvermindertem Tempo, steigt er die Stufen hoch. Die Augen gewöhnen sich bald an das Halbdunkel, das nur von Schießscharten artigen Fenster unterbrochen wird. Die gerade zurückgewonnene Orientierung ist wieder dahin.

Nächster Halt: der Glockenstuhl. Lichtdurchflutet luftig ist dieser Raum. Die Fenster sind mit dünnen Gittern versperrt. "Gegen die Tauben", erklärt Friedel Theismann. Mit etwas Stolz in der Stimme erzählt er, dass in St. Antonius noch dieselben Glocken erklingen wie zur Zeit der Erbauung – das ist nicht selbstverständlich, da zum Ende des zweiten Weltkriegs zahlreiche Glocken eingeschmolzen und zu Waffen  gegossen wurden. Da kam es den Rheinern zu Gute, dass die Kassen zur Zeit der Erbauung der Antonius-Basilika klamm waren: "Unsere Glocken sind aus Stahl", berichtet der Küster. "Für Kanonen sind sie nicht geeignet".

Stabil sieht anders aus

Es geht weiter hinauf. Über dem Glockenstuhl endet das steinerne Treppenhaus. Ab hier geht es über steile Holztreppen nach oben. Diese wurden nicht extra für die Basilika gefertigt, wie Friedel Theismann erklärt: "Viele Menschen hatten damals nur wenig Geld. Daher haben sie sich mit Sachspenden am Bau beteiligt."

Die erste dieser Holztreppen führt ins Dunkel des Dachstuhls in den Turm-Helm. Friedel Theismann öffnet eine schwere Dachluke – das Tageslicht durchströmt den Raum. Jetzt ist erkennbar, dass unter den Sachspenden offensichtlich auch zahlreiche alte Dachsparren waren: In dem Spinnennetz aus langen Balken, die auf mehreren Ebenen vom Dach in der Mitte zusammenlaufen, fallen einige besonders krumme ins Auge. Zahlreiche Löcher weisen auf eine vorherige Vernagelungen hin. Ein beeindruckendes Bild – doch stabil sieht anders aus. "Vor einigen Jahren wurden hier zusätzliche Stahlstreben eingezogen", beruhigt Theismann.

Aber die Aussicht...

Die nächste Treppe führt in die letzte Etage, die der Küster heute erklimmt. "Darüber geht es nur noch über Leitern weiter", erklärt er. "Das ist ohne Licht zu gefährlich." Auch hier müssen erst schwere Dachluken geöffnet werden, um etwas vom Raum sehen zu können: Große Leere mit dem Charme eines Dachbodens. Aber die Aussicht… "Bei mir gibt es keine Führung wie bei einem Verkehrsverein", sagt Theismann. Ihm sei es wichtig, seinen Gästen nahezubringen "worum es hier geht".

Eine Frühschicht im Advent habe er hier oben geleitet. Angelehnt an einen Text, der davon erzählt, wie friedlich die Welt, von weitem betrachtet aussieht. "Die Geschichte kann ich natürlich unten in der Kirche oder in der Krypta vorlesen", beginnt Theismann, "aber hier können sie es wirklich sehen". Wenn im Dunkeln des Dezembermorgens nur wenige Fenster erleuchtet seien. Kaum Autos auf der Straße. "Wenn die Menschen dann von der Frühschicht kommen, haben sie nicht irgendeine Geschichte gehört – Sie haben sie wirklich erlebt und können so ganz anders den Tag beginnen."