Pater Daniel Hörnemann über Wunder, Blindheit und neue Perspektiven

Auslegung der Lesungen vom 30. Sonntag im Jahreskreis (B)

Vordergründig geht es im Evangelium dieses Sonntags um eine Wunderheilung: Ein blinder Mann namens Bartimäus kann wieder sehen. Doch Pater Daniel aus der Abtei Gerleve entdeckt Wesentlicheres in dem, was Jesus tut.

„Wer nichts sieht, wird nicht gesehen. Wer nichts sieht, ist unsichtbar“, klagt „Der Blinde“ in Erich Kästners Gedicht von 1931. Er sitzt auf einer Mauer, achtlos gehen die Menschen an ihm vorbei, keiner kümmert sich um ihn. Ihn aber drängt es, ihnen mitzuteilen, dass sie ihn wegen seiner Behinderung nicht sehen (wollen). Vereinsamt und traurig erlebt er sich ausgeschlossen aus der Gemeinschaft der Sehenden.

Er hört zwar menschliche Schritte, kann aber aufgrund seiner Behinderung niemanden erkennen, und niemand erkennt ihn. Die Passanten sind ebenfalls blind und zudem herzlos. Sie wollen sein Schicksal nicht teilen: „Schritte kommen, Schritte gehen. Was das wohl für Menschen sind? Warum bleibt denn niemand stehen? Ich bin blind, und ihr seid blind. Euer Herz schickt keine Grüße aus der Seele ins Gesicht. Hörte ich nicht eure Füße, dächte ich, es gibt euch nicht.“

Schlimme Achtlosigkeit

Das Evangelium vom 30. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) zum Sehen und Hören auf unserem Youtube-Kanal.

Niemand zeigt Verständnis, das würde nämlich bedeuten, bei ihm stehen zu bleiben und Zeit für ihn aufzuwenden. So wird er halt übersehen. Blindheit ist nicht nur das offenkundige Problem des körperlich Blinden, sondern auch das einer Gesellschaft ohne Wahrnehmungsfähigkeit. So fordert der Blinde die anderen Menschen auf, sich in seine Situation hinein zu versetzen, sich das Befremdliche anzueignen: „Tretet näher! Lasst euch nieder, bis ihr ahnt was Blindheit ist. Senkt den Kopf, und senkt die Lider, bis ihr, was euch fremd war, wisst.“

Doch ganz rasch wird deutlich, dass sich niemand dafür Zeit nehmen will: „Und nun geht! Ihr habt ja Eile! Tut, als wäre nichts geschehn. Aber merkt euch diese Zeile: ‚Wer nichts sieht, wird nicht gesehn.‘“ Die Frustration bleibt, resigniert konstatiert der Blinde: „Wunder werden nicht geschehen. Alles bleibt so, wie es war.“

Doch der Blinde im Evangelium gibt sich mit dieser Nicht-Perspektive nicht zufrieden. Auch Bartimäus will wahrgenommen werden, daher macht er lauthals auf sich aufmerksam. Natürlich hört niemand gerne sein Geschrei, seine Umgebung will den Störenfried verärgert zum Verstummen bringen. Er lässt sich davon nicht beirren, sondern wird nur noch lauter. Es muss aus ihm heraus. Er ruft den an, auf den er gewartet hat: „Erbarme dich meiner!“

Der Blinde sieht den Messias

Der Anruf, Kyrie eleison, steht am Anfang jeder unserer Messfeiern. Ein Glaubenszeugnis und die Bitte um Zuwendung zugleich. Darüber hinaus nennt Bartimäus Jesus zweimal „Sohn Davids“. Der Blinde sieht in ihm den Messias, er schaut tiefer und erkennt ihn als den Gesalbten Gottes an.

Wenig später werden die Menschen beim Einzug Jesu in Jerusalem ihn genauso nennen „Hosanna dem Sohn Davids!“ Jesus lässt ihn zu sich kommen. Bartimäus wirft seinen Mantel ab. Ungeschützt und entblößt steht er vor Jesus, die Stunde der Wahrheit ist gekommen.

Der Wendepunkt seines Lebens

Der Autor
Pater Daniel Hörnemann OSBPater Daniel Hörnemann OSB ist Subprior der Benediktinerabtei Gerleve bei Billerbeck und Theologischer Berater von "Kirche+Leben". | Foto: Markus Nolte

Jesus stellt nicht einfach kurzerhand die physische Sehfähigkeit des Blindgeborenen wieder her, sondern stellt ihn vor die alles entscheidende Frage: „Was willst du, das ich dir tun soll?“ Bartimäus wird nicht durch eine rasche Heilung überrumpelt, sondern sein ganzes Leben ist plötzlich in Frage gestellt. Seine Zustimmung und sein inneres Mitwirken sind nötig, nur dann kann Heilung eintreten. Durch Jesu Zuwendung wird ihm nicht nur das Augenlicht neu geschenkt, ihm leuchtet zugleich ein ganz neuer Horizont auf. Der Wendepunkt ist da: „Dein Glaube hat dir geholfen!“ Er kann sehen, und er sieht weiter. Seine neue Sehfähigkeit ist nicht nur das Ende der Behinderung, sie hat den ehemals Blinden auf den Weg Jesu gebracht.

Diese Episode ist die letzte Wundergeschichte bei Markus, zugleich ein Bekenntnis zu dem Messias, der für die Menschen seinen Passionsweg antritt.

Umfassendes Mitgefühl

Bartimäus hat durch Jesus den Gott erfahren, von dem Jeremia in der ersten Lesung spricht: „Weinend kommen sie, und tröstend geleite ich sie. Denn ich bin Israels Vater.“ Jesus hat Mitgefühl mit all unseren menschlichen Schwächen und Einschränkungen. Er bringt für die Unwissenden und Irrenden Verständnis auf. Sein Vater hat Jesus zugesagt „Mein Sohn bist du“ (zweite Lesung) und damit allen Menschen die Gotteskindschaft geschenkt.

Wenn wir nur den Gedanken in uns tragen „Wunder werden nicht geschehen. Alles bleibt so, wie es war“, dann erfüllt sich allzu rasch die selbstgesetzte Vorhersage. Statt neue Aussichten zu erlangen, bleiben wir blind. Zur Heilung unserer Betriebs- und vor allem unserer Herzensblindheit gehört: „Halte ihm dein Herz entgegen, mit allem Leichten und Schweren darin, mit dem Hellen und dem Dunklen, mit dem Heilen und dem Verletzten in dir.“ Er schenkt Zukunft und Hoffnung trotz all unserer Defizite.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 30. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr B) finden Sie hier.