Auch Familie des Opfers und Mutter Teresa setzten sich für Mörder ein

Billy Moore entging der Todesstrafe – 67-Jähriger zu Gast in Münster

Er ist gerade erst 21 Jahre alt, da bricht Billy Moore in das Haus von Fred Stapleton in Fort Gordon im US-Bundesstaat Georgia ein. Es ist 1974. Billy ist verzweifelt, sucht nach Geld. Plötzlich schießt Fred Stapleton auf ihn, Billy schießt zurück – und tötet den 77-Jährigen. Gefasst erzählt der heute 67-Jährige seine Geschichte. Schülerinnen des Gymnasiums Marienschule in Münster hören ihm aufmerksam zu. Die Gemeinschaft Sant‘Egidio hat Billy Moore nach Deutschland eingeladen, um von seinem Kampf gegen die Todesstrafe zu erzählen.

Vor dem Gericht gesteht Billy seine Tat. Die Richter kennen keine Gnade: Das Urteil lautet Todesstrafe – ohne richtige Verhandlung. Sein Anwalt vergisst, ihm zu sagen, dass ein automatisches Gnadengesuch herausgegangen ist – und lässt Billy in dem Glauben zurück, er werde in wenigen Tagen hingerichtet. Als Billy das erfährt, feuert er seinen Anwalt. Von da an verteidigt er sich selbst.

Ein Brief an die Familie seines Opfers

Wenige Wochen vor einem weiteren Exekutionstermin beschließt Billy, der Familie des Mannes, den er erschossen hat, einen Brief zu schreiben. „Was schreibt man in so einem Brief?“, fragt Billy, ohne dass er von den Schülerinnen eine Antwort erwartet. Schließlich muss die Familie ihn ja hassen – ihn, den Mörder eines geliebten Familienmitglieds. Doch die Familie schreibt, dass sie ihm vergibt – und lässt Billy überrascht und tief beeindruckt zurück.

Das Leben in der Todeszelle ist trostlos, nicht auszuhalten. Getrennt von seiner Familie, verbringt der Häftling den Tag auf engstem Raum. Zum Waschen hat er nur ein kleines Waschbecken. Um 11 Uhr gibt es das letzte Essen für den ganzen Tag. Raus darf er nur, um transportiert zu werden – und das alles mit der andauernden Aussicht, auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet zu werden.

Sein Leben wandelt sich

Ständig verschieben sich die Exekutionstermine. Jeder seiner Schritte wird genauestens beobachtet und protokolliert: Er soll sich seiner Hinrichtung nicht durch Selbsttötung entziehen. Ärzte untersuchen ihn regelmäßig, damit er gesund bleibt.

Mit der Familie seines Opfers steht er im regen Briefaustausch. Sie geben ihm wieder Mut. Während seiner Haft studiert Billy Jura und Theologie. Er setzt sich für die Rechte der Todeskandidaten ein, hilft seinen Mithäftlingen – bringt einem Analphabeten das Lesen bei.

Das letzte Mahl?

Ein neuer Exekutionstermin. Diesmal sieht es so aus, als würde er wirklich hingerichtet: Ihm wird der Kopf rasiert. Er sucht sich sein „last meal“ aus, das letzte Essen. Sieben Stunden bleiben ihm noch, da stoppt ein Gericht seine Hinrichtung. Grund dafür: Ein befreundeter Pastor kennt Mutter Teresa und hat sie um Hilfe gebeten. Sie schaltet sich ein: Die Richter sollten Billy begnadigen, so wie Jesus es auch getan hätte.

Es gibt eine Anhörung, die ganze Familie des Opfers reist an. Sie setzt sich seit Jahren dafür ein, dass Billy der Todesstrafe entgeht. „Wir haben schon ein Familienmitglied verloren, wir werden kein weiteres verlieren“, sagen sie. Sechzehneinhalb Jahre haben sie nun schon Kontakt. Billys Urteil wird vermindert: Lebenslang statt Todesstrafe. Der Häftling, der in einem anderen Raum um sein Leben bangt, bekommt davon nichts mit: Alle wissen Bescheid, nur er nicht. Doch als die Wächter ihn wieder in die Zelle bringen, merkt er: Irgendwas ist anders. Er sieht sich selbst im Fernsehen und erfährt so, dass er dem Tod auf dem elektrischen Stuhl nach all den kräftezehrenden Jahren doch entkommen ist.

Braten und Püree für die Freiheit

25 Jahre soll er jetzt noch absitzen. Eine lange Zeit, doch besser als die Todesstrafe. 13 Monate später, im Jahr 1991, kommt Billy doch früher aus dem Gefängnis. Nach 17 Jahren ist er wieder frei. Der befreundete Priester holt ihn ab. Noch heute erinnert er sich an das erste Essen, das er wieder in Freiheit genießen konnte: ein saftiges Stück Rinderbraten, Bohnen und Kartoffelpüree. Der Priester nimmt ihn mit zur Kirche: Vor 500 Menschen, die über all die Jahre für ihn gebetet haben, erzählt Billy seine Geschichte. Gemeinsam reisen sie von Gemeinde zu Gemeinde.

Hätte er die Todesstrafe verdient? Anfangs dachte Billy Moore das schon. Doch mit der Zeit und durch die Vergebung der Familie seines Opfers hat er gelernt, sich selbst zu verzeihen. Noch heute setzt er sich für Todeskandidaten und gegen die Todesstrafe ein. Er ist in den USA bis heute der einzige Mensch, der geständig war und trotzdem später freikam.

Hintergrund
Die Gemeinschaft Sant’Egidio setzt sich gegen die Todesstrafe auf der ganzen Welt ein. Mit der Initiative „Cities for life – Cities against the death penalty“ (Deutsch: Städte für das Leben – Städte gegen die Todesstrafe) wird in über 2000 Städten in mehr als 100 Ländern am 30. November symbolisch ein Gebäude angestrahlt, um ein Zeichen gegen die Todesstrafe zu setzen.