Jesaja Michael Wiegard zur Kirche der Zukunft

Das kann die katholische Kirche in Deutschland von der EU lernen

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Die 27 katholischen Bistümer in Deutschland können trotz aller Defizite viel von der Europäischen Union lernen, sagt der Theologe Jesaja Michael Wiegard in seinem Gast-Kommentar.

Fühlt sich sehr europäisch an, was sich da gerade in der deutsch-römischen katholischen Kirche ereignet: 27 jeweils eigenständige Rechtskörper, nämlich die Bistümer, versuchen einen Weg der Einheit zu gehen. 

In der Europäischen Union schwankt die Zielformulierung zwischen „Vereinigte Staaten von Europa“ (SPD, seit 1925) und „Europa der Vaterländer“ (Nationalisten, seit langem). Inzwischen haben sich unterschiedliche Weggemeinschaften gebildet: Seit dem 1. Januar sind 20 Länder in der „Eurozone“, 25 der 27 EU-Staaten bilden den „Schengen-Raum“ ab, zu dem weitere Nicht-EU-Staaten gehören. Kompliziert? Es gibt zwar die Rede von einem „Europa der zwei Geschwindigkeiten“, aber es sind wohl eher mindestens drei oder vier Tempi.

Kontinent wächst trotz Defiziten zusammen

Der Autor
Jesaja Michael Wiegard (geb. 1967) ist politisch engagierter Christ und Theologe, arbeitet in der beruflichen Erwachsenenbildung und hat ein gutes Jahrzehnt im Sauerland als Benediktiner gelebt.

Und dennoch wächst seit mehr als einem halben Jahrhundert ein Kontinent in eine gemeinsame Zukunft hinein, der zuvor über mehr als ein Jahrtausend sich in inneren Kriegen selbst zerfleischt hat. Auf dem die Länder und Nationen und Regionen einander bekriegt haben: Wegen Land, wegen Geld, wegen Rohstoffen – und natürlich vorgeblich wegen Gott und Glaube.

Ein großes Gebilde mit demokratischen Defiziten, das Parlament bei weitem nicht so entscheidungsbefugt wie es sein möchte, die Vertretung der einzelnen Staaten nicht so mächtig wie es scheint – ein großes Hemmnis der Vergangenheit und Gegenwart: Einstimmigkeitswahn bei allen Entscheidungen.

Gleichschritt nicht unbedingt notwendig

Ein Europa, in dem immer solche sich mit bewegen, die auch nach längerem Betrachten eher in eine andere Richtung wandern wollen, erstaunlicherweise. Die sich das rauspicken wollen, was ihnen gefällt, und bei allem anderen dann versuchen, einen Grund zu finden, warum man hier und da nicht mitmachen will, darf oder kann. Das wird dann knifflig, wenn es um die gemeinsame Ausrichtung auf Werte, Grundhaltungen und elementare Menschenrechte geht.

Was können die 27 Diözesen in Deutschland nun in ihrer gegenwärtigen Sackgasse lernen von diesem Modell? Diese Grunderkenntnisse: Der Weg zu einem geeinten Kontinent bricht nicht ab, wenn die Tempi der Wanderung unterschiedlich sind. Der Preis für eine „Einheit in Einheitlichkeit“ ist extrem viel höher als der Gewinn. Das Ziel einer Anpassung an die Wirklichkeiten der Zukunft lässt sich auch und gerade dann verfolgen, wenn nicht alle im Gleichschritt marschieren.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.