Vor 25 Jahren erlebte der Missionar der Weißen Väter Grausames

Den Völkermord in Ruanda überlebte Pater Hürter nur knapp

Wie groß die Entfernung mittlerweile ist – zeitlich wie geografisch. Pater Hans-Michael Hürter schaut durch das Fenster in den Garten seines Pfarrhauses in Ladbergen. Die Frühlingssonne kämpft gegen den Nebel, der über dem Tecklenburger Land liegt. Die Schwüle und Hitze des Frühlingstags im April 1994 im afrikanischen Ruanda ist weit weg von hier. Und doch kann der Ordensmann noch etwas davon spüren. Von dem Klima, vom Geruch, von allem, was seine Sinne damals in der Missionsstation der Weißen Väter wahrnahmen. Damals, vor 25 Jahren, als er das Grauen des Völkermords in Ruanda hautnah erlebte.

„Manchmal sind die Dinge wieder sehr nah“, sagt der 57-Jährige nachdenklich. Die Dinge – damit fasst er Ereignisse zusammen, die für jeden unvorstellbar bleiben, der nicht dabei war. Und für jene, die dabei waren, bleiben sie von unglaublicher Brutalität, unfassbar, unmöglich zu verdrängen. Der Jahrzehnte währende Konflikt zwischen der großen Bevölkerungsgruppe der Hutu und der Minderheit der Tutsi explodierte förmlich, als am 6. April vor 25 Jahren der Präsident Ruandas ermordet wurde.

Konflikt schien weit weg zu sein

An jenem Tag ahnten die Weißen Väter in ihrer Missionsstation im Dorf Ruhuha südlich der Hauptstadt Kigali nichts davon. Pater Hürter war fünf Jahre zuvor, direkt nach seiner Priesterweihe, in die Mission nach Afrika gegangen. „Der Konflikt zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen war präsent“, sagt er. „Das war Land gezeichnet vom Bürgerkrieg.“ Das war einer der Gründe gewesen, warum er den Menschen dort vom Glauben erzählen wollte. „Und vom Frieden, den Jesus schenkt.“

Der bevorstehende Gewalt-Exzess überstieg seine Vorstellungskraft. Zu sehr hatte er erleben können, dass ein gemeinsames Leben von Hutu und Tutsi möglich war. Wenn er als Seelsorger, Lehrer, Handwerker und als Freund zu den Menschen in seiner bis zu 45 000 Katholiken zählenden Gemeinde unterwegs war – durch Dschungel und Flüsse, zu Fuß oder auf dem Motorrad, mit Nachtlagern auf dem Feldbett oder dem Boden. Angehörige beider Volksgruppen kamen zu seinen Gebetsrunden, in seine Pfarrgremien, zu den gemeinsamen Gottesdiensten. „Ich konnte oft nicht unterscheiden, wer welcher Gruppe angehörte.“ Noch kurz zuvor hatten sie einen Friedensmarsch von Kirche zu Kirche organisiert.

Die Atmosphäre wurde aggressiver

Zwar waren im Laufe des 7. Aprils einige verängstigte Tutsi-Familien in das Gemeindezentrum gekommen und hatten Schutz gesucht. „Wir spürten, dass die Atmosphäre im Land aggressiver wurde.“ Der Radiosender spielte hetzende Propaganda-Musik. Aber von Ruhuha, wo Tutsi und Hutu noch vor wenigen Tagen gemeinsam das Osterfest gefeiert hatten, schien das alles weit entfernt.

Pater Michael Hürter
Pater Hans-Michael war vor 25 Jahren Missionar in Ruanda. |Foto: Michael Bönte

Mit den Schüssen einer Horde Bewaffneter vor dem Tor des Pfarrzentrums endete dieses Gefühl. Kurze Zeit später war ein Mitbruder von den Hutus erschossen worden, und Pater Hans-Michael war in einen Bananenhain geflüchtet. Später wagt er sich wieder in die Kirche, um sich um die 250 Flüchtlinge zu kümmern, die sich dort versteckt hielten. Er feiert mit ihnen Eucharistie – die letzte ihres Lebens. Denn am nächsten Morgen rückten wieder Soldaten an – mit dem Ziel, diese Menschen zu töten.

Es war eine grausame Art zu töten

„Es waren kaum Schüsse zu hören, sie mordeten mit Macheten und Äxten“, sagt Pater Hürter. Auf dem Sofa seiner Wohnung in Ladbergen atmet er hörbar tief durch. Er wirkt mitgenommen, aber gefasst. „Eine schreckliche Art zu töten – der Täter steht Auge in Auge mit dem Opfer, es gibt keine Distanz, keine Anonymität.“ Einige Stunden später türmten sich die Leichenberge in und vor der Kirche. Kinder, Frauen, Männer, Greise – erschlagen, zerhackt, verstümmelt. Opfer und Täter gehörten zu seiner Pfarrgemeinde.

Pater Hans-Michael wurde verschont, weil eine ruandische Hutu-Ordensschwester die Angreifer zurückhielt: „Lass den Priester – den brauchen wir noch.“ Es sind solche Momente, die er heute noch so klar in den Ohren und vor Augen hat, dass er sie noch einmal durchlebt. Mit diesen Dingen kommt der Wahnsinn jener Stunden in aller Härte zurück: „Da war dieser Baum im Innenhof, im Schatten ein Soldat, vielleicht 30 Jahre alt.“ Der Ordensmann fragte ihn, ob er in die Kirche gehen dürfe, um nach Überlebenden zu schauen und die Toten zu bergen. „O.k.“, sagte der Hutu. „Wir haben jetzt genug getötet – wir sollten jetzt den Lebenden helfen.“ Dann sah er zu, wie der Pater sich Handschuhe anzog und die Leichen aus der Kirche trug.

Eine schwere Lebensaufgabe im Gepäck

Er funktionierte damals, besorgte Särge, beerdigte, tröstete. Bewusst war ihm das alles nicht. „Da schützt sich die Seele selbst.“ Auch als er drei Wochen später nach Deutschland zurückkehrte – lebend, aber von dem Erlebten wie betäubt. Und mit einer schweren Lebensaufgabe: „Nach alldem die Freude im Glauben wiederzufinden.“ Es sollte ein Jahr dauern, bis er an Ostern 1995 wieder eine heilige Messe feiern konnte.

In seiner Wohnung in Ladbergen erinnert kaum etwas an seine Zeit auf dem afrikanischen Kontinent. Auf dem Schrank steht ein ausgestopfter Fuchs, die Möbel sind rustikal, der große Eichentisch im Wohnzimmer dient den Pfarr-Gremien für Besprechungen. Die Zeit als Afrika-Missionar ist hier nicht präsent. „Ein Foto aus jenen Tagen?“ Der Pater muss erst einige Kartons suchen, um zu sichten. „Nein, ein Bild von mir mit den Einheimischen habe ich nicht – ich habe ja immer selbst fotografiert.“

In seiner Heimat halfen ihm viele Gespräche

Trotzdem sind die Erinnerungen auch in diesen Räumen. Er trägt sie in sich, „ohne damit hausieren zu gehen“. Dass er darüber sprechen muss, hatte ihm schon bald eine befreundete Psychotherapeutin geraten. Professionelle Hilfe aber nahm er nie in Anspruch, eher halfen Gespräche unter Freunden und in der Familie. Gerade in den ersten Jahren nach seiner Rückkehr gab es in seiner Heimatgemeinde in Coesfeld einige davon.

Er ist aber nicht der Typ, der es herausschreit. Keiner, der den Schmerz im Redefluss herausspült. Auch jetzt, am heimischen Couchtisch, lässt er sich Zeit mit den Antworten. Er macht Pausen, bevor er formuliert, spricht wohl überlegt. „Vielen in meiner Familie habe ich die ganze Geschichte bis heute nicht erzählt.“ Aus seinem Mund klingt das nicht resigniert oder gar traumatisiert. Eher aufgeräumt. „Ich muss keine Schublade öffnen, die ich unter Verschluss halte, wenn ich davon berichte.“

Andere brauchten intensive therapeutische Hilfe

Vielen seiner damaligen Mitbrüder aus Frankreich und Italien erging es anders. Sie drohten an dem Erlebten zu zerbrechen. „Sie brauchten intensive therapeutische Hilfe und sind nie wieder nach Afrika zurückgekehrt.“ Pater Hürter schon zwei Mal. Nicht nach Ruhuha, zum Baum im Innenhof des Gemeindezentrums oder zur Kirche, aus der er die Toten barg. Aber in das Land, das er damals voll missionarischem Eifer betreten hatte. „Als ich jetzt dorthin kam, habe ich den Boden geküsst.“

Denn die Liebe zur Mission und zum Kontinent ist geblieben. Manchmal überlegt er, noch einmal als Seelsorger nach Afrika zu gehen. Wie ist das möglich mit diesen Bildern im Kopf? „Natürlich habe ich eine sensible Aufmerksamkeit für den Abgrund entwickelt, der in jedem Menschen schlummert.“ Er hat aber auch die Erfahrung gemacht, dass „Gottes Gnade immer größer ist, als alles Schreckliche, was wir uns einfallen lassen können.“ Das hat er am eigenen Leib erlebt. Trotz aller Grausamkeit in jenem April vor 25 Jahren hatte er das Gefühl, von Gott geliebt und getragen zu werden. „Sonst hätte ich jene Tage nicht überlebt.“ Auch dieses Gefühl ist stark. Genauso stark wie die grausamen Bilder.

Angst überwiegt nicht mehr

An den Gedenktagen zum Genozid in Ruanda sind diese Gefühle immer intensiv. In diesem Jahr wird es einige davon geben. Das wird Kraft kosten, sagt er und blickt in den Pfarrgarten. „Not, Verzweiflung und Angst werden mich aber nicht überwältigen.“ Der Nebel im Tecklenburger Land hat sich gelichtet. Die Schatten, die die Sonne auf das helle Parkett zeichnet, versprechen einen schönen Frühlingstag.

Der Völkermord in Ruanda
Am 6. April 1994 kam es in Ruanda zu einem Gewaltausbruch, der fast 100 Tage dauerte und bis zu einer Million Menschen des Leben kostete. Angehörige der Hutu-Bevölkerung töteten bis Mitte Juni Angehörige der Tutsi-Minderheit. Ein jahrzehntelanger Konflikt der Volksgruppen war diesem Völkermord vorangegangen.

Ausgelöst wurde der Genozid schließlich durch die Ermordung des Präsidenten Juvénal Habyarimana, dessen Flugzeug von einer Rakete abgeschossen wurde. Wer für das Attentat an dem zur Hutu-Volksgruppe gehörenden Staatsoberhaupt verantwortlich war, ist bis heute ungeklärt. An dem folgenden Massaker beteiligten sich neben Einheiten der ruandischen Armee und der Nationalpolizei auch viele Gruppen aus der Hutu-Zivilbevölkerung.

In der Kritik steht bis heute die Rolle der Vereinten Nationen (UN), die mit Blauhelmen in Ruanda vertreten war. Trotz eindeutiger Hinweise im Vorfeld des Genozids gab es keine weiteren Interventionen. Insbesondere der Abzug eines Großteils der 2500 Mann starken UN-Friedenstruppe nach der Tötung von elf belgischen Soldaten machte an vielen Orten Massenhinrichtungen erst möglich. Auch die Rolle der katholischen Kirche wurde angefragt. In dem Land, in dem damals fast 70 Prozent der Menschen Katholiken waren, gab es enge Beziehungen der Kirche zu den Machthabern der Hutu. Papst Franziskus bat vor zwei Jahren um Vergebung für die Mitschuld der Kirche am Genozid.