Eine Serie von Pfarrer Stefan Jürgens

Die kleine Gebetsschule (26): Fürbitten – Solidarität und Sympathie

Wegen der Corona-Krise gibt es derzeit keine öffentlichen Gottesdienste. Pfarrer Stefan Jürgens aus Ahaus lädt deshalb zu einer kleinen Gebetsschule für zu Hause ein. Die Impulse bauen aufeinander auf. „Das persönliche Gebet ist mir ein Herzensanliegen“, sagt Jürgens. Viele hätten jetzt Zeit dafür. Jeden Morgen ab 7.30 Uhr gibt es an dieser Stelle eine neue Folge seiner "kleinen Gebetsschule".

„Ich denke an Sie“, so verabschiede ich mich manchmal von kranken oder alten Menschen. Ich meine damit: „Ich bete für Sie“ – doch das klingt mir manchmal zu aufgesetzt. Trotzdem versteht es jeder. Das Gebet füreinander ist ein wunderbares Zeichen der Verbundenheit. In den Fürbitten bringe ich die Welt vor Gott. Und das nicht, um Ihn an etwas zu erinnern, was Er nicht schon wüsste, sondern in Solidarität mit allen Menschen, besonders mit den Leidenden.

Es gibt Menschen, die sagen es, andere, die hoffen es, wieder andere, die brauchen es: Dass ich für sie hingehe zu Gott, da sein muss bei Ihm für manchen, der nicht zu Ihm kommen kann, der nicht mehr beten kann, der längst stumm geworden ist oder seinen Glauben verloren hat. Man kann das Stellvertretung nennen – ich nenne es lieber Solidarität vor Gott, eine Solidarität im Schweigen, Erdulden und Leiden, im Warten, im Beten und Sprechen.

Haltung statt Verhalten

Pfarrer Stefan Jürgens.
Pfarrer Stefan Jürgens (51) ist Pfarrer in Ahaus. Bekannt geworden ist er auch als Buch-Autor, vor allem durch sein jüngstes Buch "Ausgeheuchelt". | Foto: Christof Haverkamp

Fürbitten gibt es im Gottesdienst der Christen, „Gebet der Gläubigen“ oder auch „Allgemeines Gebet“ genannt. Sie sind „Bitten für …“, also nicht für einen selbst, sondern für andere. Man darf sie niemals appellativ missbrauchen, um die Gemeinde zu belehren. Beten soll Ausdruck freien und befreienden Glaubens sein, der zur Tat motiviert, sie aber nicht vorschreibt. In Gebet und Glauben geht es um Haltung, nicht bloß um Verhalten. Man soll auch Gott nichts vorschreiben, sondern die Anliegen und Menschen einfach vor Ihn bringen, ohne genau zu sagen, was Er damit tun soll. Es genügt, darauf zu vertrauen, dass Er zuhört und sich für uns interessiert.

Fürbitten im Gottesdienst haben eine bestimmte Reihenfolge: vom Großen zum Kleinen, vom Globalen zum Persönlichen, vom Allgemeinen zum Besonderen. Die klassische Reihenfolge ist dann das Gebet für die Kirche, für die Verantwortlichen in der Welt, für Menschen in Not, für die Gemeinde, für die Verstorbenen. Sie richten sich an Gottvater oder Jesus Christus. Freie Fürbitten, gesprochen von der feiernden Gemeinde, sind besonders aktuell und glaubhaft; man kann auch eine Struktur vorgeben und dann jeweils Zeit lassen für persönliche Anliegen, laut oder leise gesprochen, zum Beispiel so:

Für die christlichen Kirchen und Gemeinschaften in aller Welt: Um lebendigen Glauben und verantwortliches Handeln in dieser Zeit (...) Für die Gemeinschaft der Menschen: Für ein friedvolles Zusammenleben der Völker; für alle, deren Verantwortung entscheidend ist für Frieden und Freiheit (...) Für alle Menschen in Not, Krankheit und Verzweiflung, und auch für alle, die ihnen beistehen (...) Für die Menschen in unserer Umgebung, für die Gemeinschaften, in denen wir leben: Um ein Leben in Dankbarkeit und Treue (...) Für die Sterbenden und für unsere Toten: Um Teilnahme am Leben des auferstandenen Herrn (...)

Fürbitten in persönlichen Gebetszeiten sind eine ganz eigene Art der Solidarität, der gelebten Sympathie (Mitleiden, Compassion). Wie und wo nenne ich die Menschen, denen ich mein Gebet versprochen habe? Wie kommt die Welt so glaubhaft in mein Gebet, dass mein Glaube zur Tat wird? Leide ich ganz „diesseitig“ an und in dieser Welt mit, oder bleibt mein Glaube innerlich, jenseitig und abgehoben? Kommt mein Glaube also zu den anderen, oder bleibt er bei mir ganz allein?

Ein Fürbittbuch mit Namen

Ich selbst führe ein kleines Notizbuch, in dem die Namen derer aufgeschrieben sind, an die ich betend besonders denken möchte. Manchmal verbinde ich das Fürbittgebet mittels dieses Büchleins mit meinen persönlichen Gebetszeiten. Oder ich spreche vor Gott einfach die jeweiligen Namen aus, verbunden mit einer Bitte oder einem Segenswunsch. Für und mit einem Menschen, mit dem ich mich durch viele Glaubenserfahrungen besonders verbunden weiß, spreche ich jeden Tag den 63. Psalm – im Plural:

„Gott, du unser Gott, dich suchen wir, unsere Seele dürstet nach dir.
Nach dir schmachtet unser Leib wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.
Darum halten wir Ausschau nach dir im Heiligtum, um deine Macht und Herrlichkeit zu sehen.
Denn deine Huld ist besser als das Leben; darum preisen dich unsere Lippen.
Wir wollen dich rühmen unser Leben lang, in deinem Namen die Hände erheben.
Wie an Fett und Mark wird satt unsere Seele,
mit jubelnden Lippen soll unser Mund dich preisen.
Wir denken an dich auf nächtlichem Lager
und sinnen über dich nach, wenn wir wachen.
Ja, du wurdest unsere Hilfe; jubeln können wir im Schatten deiner Flügel.
Unsere Seele hängt an dir, deine rechte Hand hält uns fest“ (Psalm 63,1-9).

„Arme Seelen“? Gibt es nicht

Fürbitten als Zeichen der Verbundenheit untereinander und der Solidarität mit den Anliegen und Sorgen der Welt – im Angesicht Gottes: Geht das auch für die Toten? Was bedeutet es, für Verstorbene zu beten? Es bedeutet sicher nicht, irgendwelche „armen Seelen“ zu retten. Weil durch Jesus Christus jede und jeder von uns erlöst ist, gibt es überhaupt keine „armen Seelen“. Wer wollte so über einen verstorbenen Mitmenschen reden dürfen? Vor dem ewigen Untergang sind wir längst bewahrt, wenn wir auch auf Gottes Liebe und Versöhnung immer angewiesen bleiben. Der Himmel ist offen – er ist uns bereits mit der Taufe geschenkt. Was wäre das auch für ein Gott, der irgendwelche Gebete braucht, um Menschen in den Himmel zu holen? Was wäre dann mit den Verstorbenen, für die niemand betet?

Solch ein „Gott“ wäre eine abhängige, schwächliche Maschine, ein grausamer Despot, aber nicht der Gott Jesu Christi. Denn Er ist ein barmherziger Gott, der uns dazu erschaffen und erlöst hat, auf ewig bei Ihm zu sein. Das Gebet für die Verstorbenen ist ein Zeichen der Solidarität und Gemeinschaft über den Tod hinaus, es ist mehr ein Gedenken als eine Fürbitte. Wir haben einen Namen vor Gott, und dieser Name bleibt. Deshalb ist es ein schönes Zeichen, den Namen eines Verstorbenen zu nennen, im Gottesdienst und beim persönlichen Beten. Das zeigt an: Du bist nicht vergessen, auch jetzt nicht! Das Gebet für die Verstorbenen ist Hoffnung, Solidarität über den Tod hinaus.

Bis morgen!
Stefan Jürgens

Gottesdienste am Karsamstag live auf "Kirche-und-Leben.de"
17.30 Vesper aus Gerleve(die Komplet um 20.15 Uhr entfällt)
20.00 Osternacht mit Bischof Felix Genn aus dem Paulusdom in Münster
20.00 Zentrale Osternacht der Gemeinden in Münster aus St. Martini
21.00 Osternacht mit Pfr. Stefan Jürgens aus St. Mariä Himmelfahrt Ahaus
23.00 Gottesdienst aus der Jugendkirche „effata!“ Münster
Einen Überblick über alle Live-Gottesdienste zu Ostern finden Sie hier.