Eine Serie von Pfarrer Stefan Jürgens

Die kleine Gebetsschule (29): Anbetung – sich aussetzen

Wegen der Corona-Krise gibt es derzeit keine öffentlichen Gottesdienste. Pfarrer Stefan Jürgens aus Ahaus lädt deshalb zu einer kleinen Gebetsschule für zu Hause ein. Die Impulse bauen aufeinander auf. „Das persönliche Gebet ist mir ein Herzensanliegen“, sagt Jürgens. Viele hätten jetzt Zeit dafür. Jeden Morgen ab 7.30 Uhr gibt es an dieser Stelle eine neue Folge seiner "kleinen Gebetsschule".

Unter Anbetung verstehen die katholischen Christen das Verweilen vor der heiligen Eucharistie, dem ausgestellten, „ausgesetzten“ Brot des Abendmahls. Bei den Mitgliedern der anderen Konfessionen und Freikirchen steht Anbetung aber auch für den Lobpreis Gottes, für das betende und singende Staunen über Seine Größe und Liebe. Beide Richtungen kommen darin überein, dass es nur Einen gibt, den wir anbeten können: Gott selbst. Christen gehen vor niemandem in die Knie, nur vor dem lebendigen Gott und vor Seinem Sohn Jesus Christus.


Wie kam es zur Anbetung der heiligen Eucharistie, der bleibenden Gegenwart Jesu Christi im Brot des Abendmahls, oder, wie man bisweilen noch hören kann, im „allerheiligsten Altarssakrament“? Bis zum 13. Jahrhundert war eine eigenartige Eucharistie- und damit auch Kommunionfrömmigkeit entstanden. Aus übergroßer Sündenangst und der Vorstellung der eigenen Unwürdigkeit ging der Kommunionempfang drastisch zurück. An seine Stelle trat die so genannte Augenkommunion, das andächtige Anschauen der Hostie – verbunden mit vielen magischen Missverständnissen und Angst machenden Vorstellungen.

Ein Gründonnerstag nach Ostern

Pfarrer Stefan Jürgens.
Pfarrer Stefan Jürgens (51) ist Pfarrer in Ahaus. Bekannt geworden ist er auch als Buch-Autor, vor allem durch sein jüngstes Buch "Ausgeheuchelt". | Foto: Christof Haverkamp

Als die Andacht vor dem ausgesetzten Allerheiligsten in der Volksfrömmigkeit schließlich wichtiger wurde als die Messfeier selbst, musste die Kirche die jährliche Kommunion (in der Osterzeit) regelrecht anordnen. Das Entstehen des Fronleichnamsfestes (fron = Herr, lichnam = Leib) am Donnerstag nach der ehemaligen Pfingstoktav, dem heutigen Dreifaltigkeitssonntag (Trinitatis), als Feier des Gründonnerstags außerhalb der Karwoche, war der Höhepunkt dieser Entwicklung.

In der Auseinandersetzung mit der Reformation schließlich wurde das Fronleichnamsfest mit seiner eucharistischen Schaufrömmigkeit zu einer Demonstration des katholischen Glaubens schlechthin. Die Reformatoren wandten sich – schriftgemäß zu Recht! – gegen die Anbetung und traten für die Teilnahme am Abendmahl ein. Die Angst, unwürdig zu sein, sorgte dann aber in der evangelischen Kirche dafür, dass das Abendmahl kaum noch gefeiert wurde; zumindest der Pfarrer hätte ja kommunizieren müssen.

Katholische und evangelische Christen waren sich also in ihrer „frommen Abneigung“ gegen den Kommunion- beziehungsweise Abendmahlsempfang einig. Die Fronleichnamsprozession der Katholiken mit ihren barocken folkloristischen Ausgestaltungen geriet daher immer mehr zum unterscheidenden Konfessionsmerkmal: Die Katholiken schauten an, statt zu kommunizieren, und die Protestanten ließen das Feiern ganz, weil sie nicht nur schauen wollten.

Die Versuchung der Anbetung

Die Anbetung hat also eine schwierige Geschichte und wird noch heute von manchen katholischen Splittergruppen mehr magisch als mystisch missbraucht. Tatsächlich schlummert in einer eher statischen als dynamischen, also mehr auf das Anschauen als auf das Feiern gerichteten Frömmigkeit die Versuchung, dass man Gott dingfest machen möchte, seiner habhaft werden und Ihn für seine eigenen Zwecke missbrauchen will.

Das „Goldene Kalb“ des Alten Testaments (vgl. Exodus 32-34) ist ja kein Götze, sondern ein falsch verstandener Gott, den man anfassen, anschauen, anbeten können will; dem man Opfer bringt, um Ihn zu gebrauchen; ein Gottesbild also, das durch die Funktionalisierung der Religion zum Götzenbild wird. Nachdem dieses Goldene Kalb durch Mose vernichtet ist, wird das Offenbarungszelt Jahwes außerhalb des Lagers aufgestellt; man muss sich wieder zu Ihm aufmachen, Er ist nicht dingfest zu machen; Gott ist nicht so einfach zu haben!

Gott „haben“ wollen, für sich allein – das ist die Versuchung der eucharistischen Anbetung.

„Das Gold frisst das Brot!“

Hinzu kommt die Tradition der Goldenen Monstranz, die jenes Ursymbol des Glaubens verdunkelt, um das es eigentlich geht: das Brot. Mein Brot teile ich mit jedem, der bei mir zu Gast ist, mein Gold – wenn ich welches hätte – nicht unbedingt. Die goldene Monstranz, eigentlich zur größeren Ehre Gottes geschaffen, ein Zeigegefäß für das eucharistische Brot, stellt längst das Geheimnis in den Schatten, um das es geht: „Das Gold frisst das Brot!“

Wie also anbeten, eucharistisch? In unserem Exerzitienhaus stellen wir das Brot der Eucharistie in einer einfachen Schale auf den Altar. Wir werden still – unser Schweigen erfährt seine Orientierung auf Jesus Christus hin. Wir bleiben uns bewusst: Der Höhepunkt aller eucharistischen Frömmigkeit bleibt die Eucharistiefeier, die heilige Messe, in der wir Jesus Christus in Brot und Wein empfangen, kommunizieren mit Ihm und untereinander.

Wir tragen Ihn - in uns

Wir setzen keine goldene Monstranz aus, sondern wir setzen uns selbst aus: Seinem liebenden Blick, Seiner Gegenwart unter uns. Wir wollen Ihn nicht „haben“, sondern vor Ihm verweilen, mit Ihm leben. Und wir sprechen es aus – in ganz einfachen Worten und Gesängen. Es tut gut, vor diesem Geheimnis zu verstummen, nicht mehr weiter zu wissen. Er schaut uns an, wir schauen Ihn an – das genügt uns.

Und am Fronleichnamsfest? Eine Prozession mit dem Evangeliar macht uns deutlich, dass Christus gegenwärtig ist und selbst zu uns spricht, wenn Sein Wort verkündet wird. Nach dem Hochgebet folgt eine Prozession mit dem eucharistischen Brot und Wein, mit Schale und Kelch. Höhepunkt bleibt der Empfang der Kommunion, der sich an die Prozession anschließt. Jetzt tragen wir Ihn in uns, jetzt will Er durch uns handeln – nach dem Wort des heiligen Augustinus: „Empfangt, was ihr seid: Leib Christi, damit ihr werdet, was ihr empfangt: Leib Christi.“

Für dieses Sich-Aussetzen vor Gott muss man nicht katholisch sein: Wer Ihn – und nur Ihn! – anbetet, der setzt sich Seinem Anspruch aus, Seinem Blick, Seiner Liebe.

ANBETUNG

Anbetung ist Dasein vor Gott – ohne Nebenabsichten,
Ausdruck dafür, dass Er die Mitte des Lebens ist.
So hat auch Jesus für seinen Vater gelebt.

Anbetung ist Verweilen in der Nähe des Herrn.
Beten heißt dann, liebend auf Jesus schauen,
in seinem Wort, in den Zeichen von Brot und Wein.

Anbeten heißt auch, sich bekehren,
alle Widerstände gegen Gott hochkommen lassen,
sich von Ihm lieben lassen, sich Ihm neu zuwenden.

Anbeten heißt, sich Ihm aussetzen,
mit allen Zweifeln, aller Leere, Unruhe und Dunkelheit,
Leben unter dem Blick Seiner Güte.

Anbeten heißt, sich von Ihm befreien lassen
aus aller Härte, Enge und Angst
zur Freude daran, dass Er Gott ist, Er allein.   

Bis morgen!
Stefan Jürgens