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Gast-Kommentar von Ann-Christin Ladermann zu Antisemitismus in Deutschland

Die meisten wissen zu wenig über das Leben ihrer jüdischen Mitbürger

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Antisemitismus ist in Deutschland noch immer ein alltägliches Problem. Was dagegen konkret hilft, sind Begegnungen zwischen Christen und Juden, sagt Journalistin Ann-Christin Ladermann in ihrem Gast-Kommentar.

Vor wenigen Wochen auf der Strecke von Berlin nach Münster: Ein junger Mann packt im Zug seine mitgebrachten Kekse aus. Lautlos spricht er einen kurzen Segen, eine sogenannte Bracha. Ein kurzes Dankgebet, das zu den Speisevorschriften gläubiger Juden gehört – das niemanden belästigt. Und doch fühlt sich ein Sitznachbar gestört. Er beschimpft den jungen Mann als eingebildet und behauptet, alle Jüdinnen und Juden hätten „Dreck am Stecken“. Alltäglicher Antisemitismus. Mitten in Deutschland.

Zu den Anschlägen auf Synagogen, den Angriffen auf Kippa-Träger und den Hassaufrufen im Internet kommen unzählige dieser alltäglichen Beleidigungen, denen Juden in unserem Land ausgesetzt sind. All diese Vorkommnisse zeigen: Deutschland hat noch immer ein erschreckendes Antisemitismus-Problem.

Gegenseitiger Respekt

Die Autorin:
Ann-Christin Ladermann ist Redakteurin in der Abteilung Medien- und Öffentlichkeitsarbeit im Generalvikariat in Münster und dort zuständig für das Stadtdekanat Münster und das Kreisdekanat Warendorf sowie den Podcast des Bistums Münster „kannste glauben“.

Gerne möchten wir glauben, dass dies längst der Vergangenheit angehört. So ist es aber nicht. Und so war es seit 1945 auch noch nie. An uns liegt es, das endlich zu ändern.

Die Kirchen haben im 19. Jahrhundert den Judenhass befeuert. Damit tragen sie eine historische Verantwortung. Sie stellen sich dieser. Dank einer Wertschätzung der jüdischen Ursprünge und einem gegenseitigen Respekt in der Gegenwart – wie es in vielen Initiativen gelebt wird – ist das christlich-jüdische Verhältnis so gut wie vielleicht nie zuvor. Diese Haltung der christlichen Kirchen muss endlich bei all ihren Mitgliedern ankommen und letztlich in der gesamten Gesellschaft.

Begegnungen schaffen

Dafür braucht es auch mehr Engagement im Bildungsbereich. Dort ist der Platz, um das Judentum in all seinen Facetten kennenzulernen. Um ein Gedenken an eine Zeit hochzuhalten, die auf ewig mit einem „Nie wieder“ verbunden sein muss. Um ein Judentum außerhalb des Geschichtsbuchs kennenzulernen, das sich heute nicht zu verstecken braucht. Es liegt auch in unserer Verantwortung, Begegnungen zu schaffen, Juden einzuladen und Synagogen zu besichtigen, jungen Menschen einen Schüleraustausch zu ermöglichen.

Bei diesen Begegnungen kommen zuallererst Menschen mit Gemeinsamkeiten zusammen. Menschen mit Gesichtern und Stimmen, mit Hoffnungen und Ängsten. Wenn Pfarreien, Einrichtungen und Schulen mit dieser Offenheit auf unsere jüdischen Mitmenschen zugehen, wird Fremdes nach und nach vertraut. Es liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen, dass Juden ohne Angst in Deutschland leben können.

Die Positionen der Gastkommentare spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von „Kirche+Leben“ wider.

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