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Gast-Kommentar von Kai Sander, Dogmatiker in Paderborn

Einheit braucht Mut zur Vielfalt

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Zum zweiten Mal wird Ostern ein Corona-Ostern. Gottesdienste können zwar in Präsenz gefeiert werden - aber was wird das werden, ohne volle Kirchen und gemeinsamen Gesang? Uns fehlt die Gemeinschaft. Doch wie steht es überhaupt um sie - angesichts der Auseinandersetzungen in der Kirche? Ein Gast-Kommentar von Kai Sander, Theologieprofessor in Paderborn.

Wie lange wird es wohl dauern, bis wir Christen wieder in großer Gemeinschaft am Osterfeuer versammelt unseren gemeinsamen Glauben an die Auferstehung feiern können? Bis wir wieder vielstimmig unser Halleluja in die Nacht hineinrufen? Zurzeit sind es eher virologisch-hygienische Gründe, die das verhindern. Aber nicht wenige fragen kritisch, ob wir überhaupt noch zu einem harmonischen gemeinsamen Gotteslob in der Lage sind. Sind wir nicht längst zerfallen in Parteien, in innerkirchliche Fraktionen, die mehr gegen- als miteinander glauben und hoffen?

In den synodalen Reformbemühungen vieler Katholiken wird der Ruf nach tiefgehenden Veränderungen immer lauter, damit die Kirche endlich in der „Welt von heute“ ankommen kann, wie es das Zweite Vatikanische Konzil schon vor 60 Jahren angekündigt hat. Eine neu zu denkende, veränderte Gestalt von Kirche?

Halsstarrigkeit oder Reformeifer?

Dagegen mahnen andere, dass zu viel Anpassung das Spezifikum der Kirche verraten würde: das treue Festhalten an der Frohen Botschaft, die für alle Menschen, alle Völker und Epochen der bleibende Hoffnungs- und Orientierungspunkt ist. In dieser aktuellen Richtungssuche klagen die einen, dass „traditionalistische“ Halsstarrigkeit den Zugang zu den Menschen von heute blockiert, die anderen fürchten, dass zu viel „modernistischer“ Reformeifer die Tradition abreißen lässt. Und so berufen sich beide Seiten auf den Anspruch, die kirchliche Einheit vor der Zersetzung zu bewahren, indem sie je für ihre Sichtweise werben.

Was ist das für eine Einheit, die uns am Osterfeuer zusammenführt? Im Kern ist es die Verbundenheit mit Gott und Jesus Christus, die der Geist in unseren Herzen wirkt. Diese Einheit im Glauben lässt Vielfalt zu, ja: erfordert sie sogar! Denn diese Einheit ist persönlich, kulturell, sozial und spirituell geprägt – und niemals einförmig oder zentralistisch-kollektiv. Es war nämlich ein Irrweg, kirchliche Einheit nach dem Bild einer Armee zu denken, die von einer weltweiten Generalität kommandiert wird.

Gott malt bunt

Der Autor
Kai G. Sander (geb. 1963) ist Professor für Dogmatik und Fundamentaltheologie am Fachbereich Theologie der Katholischen Hochschule NRW, Abteilung Paderborn.

Dass schon anfangs vier Evangelien und Paulus dieselbe Jesus-Geschichte unterschiedlich akzentuieren, zeigt, wie bunt Gott in den Herzen der Menschen malt. Aus diesem Ursprung heraus je neu mit der Zeit zu gehen, ist unsere wahre Tradition – und nicht das zwanghafte Konservieren einer (relativ späten) Entwicklungsphase.

Pluralität in Glaubensentwürfen, Liturgiefeier, Kirchenverfassung und ethischer Praxis bildet seit Anfang den Raum dafür, dass alle Gruppen und Gemeinschaften die Nachfolge Christi authentisch leben – in gegenseitigem Respekt und im Bewusstsein, so zusammenzugehören wie eine Familie. Da denken auch nicht alle dasselbe und wurden nie auf gemeinsame Werte verpflichtet, aber sie sitzen an einem Tisch, spüren, dass sie zusammengehören, und wohnen miteinander in einem Haus, in dem alle so sein dürfen, wie sie sind.

Hinweis:
Die Positionen der Gastkommentare spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von „Kirche+Leben“ wider.

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