Göttinger Professor zum Reformationstag

Historiker: Theologie muss sich unabhängig von Amtskirche entwickeln

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Sowohl die katholische als auch die evangelische Theologie muss sich unabhängig vom Einfluss der Kirchenleitungen entwickeln können. Das unterstreicht Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann zum Reformationstag.

Der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann hält eine Unabhängigkeit evangelischer und katholischer Theologie vom Einfluss der Kirchenleitungen für zwingend geboten. Der Göttinger Professor für Kirchengeschichte an der Evangelisch-Theologischen Fakultät schreibt in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (Montag): „Religionsfunktionäre, Bischöfe und ihre Konferenzen, Rabbinate, Synoden oder Landeskirchenämter, Kardinalskollegien oder der Papst – sie alle haben die Inhalte und Anforderungen der wissenschaftlichen Theologie Berufeneren zu überlassen: den Theologinnen und Theologen an den Universitäten.“

Theologen dienten ihren Gemeinschaften, „zuvörderst aber dienen sie dem Staat und der Gesellschaft, die sie unterhält und die von ihnen erwarten, Religion gemeinschaftsdienlich zu interpretieren und zu einer entsprechenden Gestaltung anzuregen“. Voraussetzungen, Notwendigkeiten und Inhalte der wissenschaftlichen Theologie zu bestimmen, müsse Aufgabe der Theologie sein. Kaufmann betonte: „Was gäbe es wohl für einen Aufschrei, wenn Imame und Ayatollahs sich anheischig machten, bestimmen zu wollen, was an den islamischen theologischen Fakultäten gelehrt werden soll, und was nicht?“

Zum Existenzrecht der Theologie an Universitäten

Theologie habe als akademische Disziplin heute mehr denn je ein Existenzrecht an staatlichen Universitäten. „Gerade die freiheitliche Gesellschaft, die selbstverständlich auch die Freiheit der Religionslosigkeit gewährt, bedarf einer wissenschaftlichen Befassung mit den in ihr vertretenen größeren religiösen Gruppierungen an öffentlichen Orten und staatlichen Universitäten“, so Kaufmann anlässlich des Reformationstages am 31. Oktober.

Akademische Theologie an staatlichen und öffentlichen Universitäten sei „die bis heute wirksamste Zivilisierungs- und Domestizierungsinstanz der Religion“. Was aus einer Gesellschaft werde, die dieses „Zähmungspotenzial“ nicht mehr besitze, „mag man dort studieren, wo Exemplare des Korans verbrannt, religiöse Minderheiten oder agnostische Journalisten vom wütenden Mob gehetzt werden oder laizistische Religionsverächter gutmütige Kopftuchträgerinnen kriminalisieren“, so Kaufmann.