Experte: Fach steckt weiter in den Kinderschuhen

Islamischer Religionsunterricht in NRW für 19.400 Schüler

Nicht nur Christen setzen sich in Schulen in Nordrhein-Westfalen mit ihrem Glauben auseinander: Seit fünf Jahren können dort auch muslimische Kinder und Jugendliche ihre Religion näher kennenlernen. Einer der ersten Lehrer ist Bernd Ridwan Bauknecht (51) aus Bonn. Er zieht eine positive Bilanz der Anfangsjahre.

In NRW leben bis zu 1,5 Millionen Muslime, darunter rund 364.000 Schüler. Für sie wird schrittweise der Religionsunterricht eingeführt. Im neuen Schuljahr wird er laut Schulministerium von 211 Lehrkräften an 234 Schulen für 19.400 Schüler erteilt. Das sind 3.300 Schüler, 34 Schulen und 44 Lehrkräfte mehr als im vergangenen Schuljahr. Aber nur rund 5,3 Prozent aller muslimischen Schüler können das Fach besuchen.

„Nicht von oben sagen, was der wahre Glaube ist“

Bauknecht hat die notwendige Lehrerlaubnis, die Idschaza, für das Fach, das angehende Lehrer unter anderem am Zentrum für Islamische Theologie der Universität Münster studieren können. Nebenher engagiert Bauknecht sich in der Deutschen Islamkonferenz und als Sachverständiger beim „Dialogforum NRW“. Er hält Vorträge und besucht Tagungen, um Fachkollegen fortzubilden.

„Wir machen hier keinen Unterricht, der von oben sagt, was der wahre Glaube ist“, betont der Pädagoge. Die Kinder sollen sich selbst und ihr Bekenntnis hinterfragen. In den verschiedenen Richtungen innerhalb des Islam sieht er kein Konfliktpotenzial: „Da streitet sich niemand, weil er Schiit oder Sunnit ist.“ Vielmehr stellten die verschiedenen Quellen des Islam eine Bereicherung für den Unterricht dar.

Spezielle Koran-Didaktik fehlt

Als Kind war Bauknecht Christ, mit der Pubertät habe er den Glauben verloren. Als er aber mit Anfang 20 seine Frau kennengelernt habe, die als Kind aus der Türkei nach Deutschland kam, habe er einen neuen Zugang zur Religion bekommen. „Da habe ich mich immer mehr mit dem Koran auseinandergesetzt.“ Und er hat die Religion seiner Frau für sich entdeckt. In der Folge begann er ein islamwissenschaftliches Studium.

Der Experte sieht den Islamunterricht noch in den Kinderschuhen. Zwar wurde ein offizieller Lehrplan entwickelt, inzwischen sind auch einige Lehrmaterialien auf dem Markt. Was aber noch fehle, sei eine ausgearbeitete Koran-Didaktik, so Bauknecht. Diese spezielle Religionspädagogik müsse sich erst noch entwickeln.

Mehr Mitsprache bei Lehrplänen gewünscht

Der Lehrer verweist darauf, dass es erst seit wenigen Jahren islamisch-theologische Lehrstühle in Deutschland gibt. Man könne viel von der evangelischen und katholischen Religionspädagogik lernen, aber müsse auch einige Dinge unterscheiden. „Der Koran ist anders aufgebaut und hat eine ganz andere Tradition als die Bibel, da müssen wir andere Ansätze finden“, findet er.

Überhaupt wünscht sich Bauknecht mehr Mitsprache der Muslime bei der Gestaltung des islamischen Religionsunterrichts. Derzeit wirkt in NRW ein Beirat, in den die islamischen Verbände und das Schulministerium je vier Vertreter entsenden, am Lehrplan mit. Dieser erteilt auch die Lehrerlaubnis für die Pädagogen. Letztlich müsse es darum gehen, dass die muslimischen Verbände wie die Kirchen als Religionsgemeinschaft anerkannt werden, um selbst über die Inhalte und die Lehrkräfte zu entscheiden.

„Leider ist der Dialog zwischen staatlichen Stellen und den Religionsgemeinschaften in Form von Dachverbänden etwas unterkühlt momentan“, beklagt Bauknecht angesichts der Konflikte um den Moscheeverband Ditib. Dieser wird verdächtigt, von der türkischen Regierung gelenkt zu werden. Deshalb dürfe der Staat aber nicht alle Verbände „als konservativ-traditionalistisch in eine Ecke stellen“, betont der Lehrer. „Ich denke, dass man einzelne Dachverbände als Religionsgemeinschaft anerkennen muss, damit wir einen Partner haben.“