Engagierte Christen hielten den SPD-Politiker in der Kirche

Martin Schulz – ein Ordensschüler wird SPD-Kanzlerkandidat

Martin Schulz, künftiger SPD-Kanzlerkandidat und Katholik: »Ich bin nicht sehr gläubig.«
Martin Schulz, künftiger SPD-Kanzlerkandidat und Katholik: »Ich bin nicht sehr gläubig.«Foto: Reuters

Gerade ist eine Ära im EU-Parlament in Brüssel zu Ende gegangen, da beginnt für Martin Schulz bereits ein neuer Abschnitt. Der ehemalige Parlamentspräsident fordert offenbar als SPD-Kandidat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) heraus.

Erst vergangene Woche hatte er zum letzten Mal die Plenarversammlung des EU-Parlaments geleitet. Er selbst beschreibt sich als »lebenslangen Verfechter der europäischen Sache«. Sein Antrieb: der kommenden Generation ein gutes, ein besseres Europa übergeben. Schulz hat die Wahrnehmung des Parlaments in der Öffentlichkeit verändert. Wann immer er konnte, nutzte er die Gelegenheit, um die Aufmerksamkeit der Medien zu gewinnen.

Poltern wie Karl der Große

Schulz verließ die Schule ohne Abitur – heute spricht er Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch und Niederländisch. Diese Kompetenzen könnten dem SPD-Politiker als möglicher Kanzlerkandidat zugutekommen. Genauso wie sein diplomatisches Geschick – trotz gelegentlichen Polterns. Das habe er übrigens gemeinsam mit Karl dem Großen, sagte der Karlspreisträger von 2015. Eine zweite Gemeinsamkeit: die Heimat in der Region Aachen.

Im EU-Parlament kennt der Rheinländer Schulz alle Korridore, jedes Geräusch und viele Gesichter. Auch in stressigen Zeiten bemühte er sich um ein Lächeln, Freundlichkeit und Zeit – ob für die Facebook-Fans des Parlaments, seine Angestellten oder für Journalisten. Das Zwischenmenschliche ist ihm wichtig.

»Ich bin kein sehr gläubiger Mensch«

Auch christliche Werte spielen für Schulz im Alltag eine zentrale Rolle: Religion und Glauben seien für viele Menschen wichtig, um Orientierung im Leben zu finden, sagte der einstige Schüler eines Ordensgymnasiums der Spiritaner der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).

Über seinen Glauben sagte Schulz: »Ich bin kein sehr gläubiger Mensch, aber ich bin ein Jesuitenschüler und stamme mütterlicherseits aus einer sehr katholischen Familie.« Die Kirche habe in seinem Leben »eine große Rolle gespielt und spielt sie noch heute«.

Europas christliche Werte

Welche Bedeutung misst Schulz dem christlichen Erbe Europas zu? »Europa ist auf den Werten des Christentums errichtet«, betonte Schulz im Gespräch mit Chefredakteuren deutscher Bistumszeitungen 2013 in Straßburg. Er nennt Begriffe wie Toleranz, Respekt, Solidarität oder auch die Fähigkeit zu verzeihen.

Zugleich bedauerte er es damals, dass der Dialog zwischen Kirche und EU in den vergangenen Jahren ein wenig eingeschlafen sei. »Die Kirche und die EU waren in letzter Zeit wohl zu sehr mit sich selbst beschäftigt.«

Warum Schulz nicht aus der Kirche austritt

Dann aber brach der katholische Parlamentspräsident eine Lanze für die Rolle der Kirchen in Deutschland. Der gesellschaftliche Dialog, aber auch die Leistungen des Sozialstaats seien ohne den unermüdlichen Einsatz der Christen vor Ort nicht denkbar. »Allein deshalb werde ich nicht aus der Kirche austreten.«

Papst Franziskus macht ihm Hoffnung

Als Papst Franziskus im Mai 2016 den Internationalen Karlspreis erhielt, sagte Schulz in seinem Grußwort in Rom, Europa durchlebe eine »Solidaritätskrise«. Der Kontinent laufe Gefahr, das Erbe von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Meinungsfreiheit und grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zu verspielen. »Nationale Egoismen, Renationalisierung, Kleinstaaterei sind auf dem Vormarsch.«

Die gemeinsame Wertebasis gerate ins Wanken, so der Parlamentspräsident. »Jetzt ist es an der Zeit, für Europa zu kämpfen.« Franziskus mache dafür Hoffnung und erteile jenen Regierungschefs eine Lektion in gelebter Solidarität, »die sich weigern, muslimische Flüchtlinge aufzunehmen mit der Begründung, man sei ein christliches Land«, sagte Schulz in Anspielung auf die Aufnahme muslimischer Familien im Vatikan.

Korrektur
In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, Martin Schulz sei Jesuitenschüler gewesen. Das war falsch. Er ging von 1966 bis 1974 auf das Heilig-Geist-Gymnasium der Spiritaner in Würselen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.