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"Habe gegen die Täterschützer alles versucht, aber konnte den Apparat kaum ändern"

Münchner Ex-Generalvikar Beer: Kirche kann nicht selbst aufklären

  • Der frühere Münchner Generalvikar Peter Beer stellt der katholischen Kirche ein katastrophales Zeugnis für ihre Aufklärung der Fälle sexualisierter Gewalt aus.
  • Der "Zeit" sagte er, es sei nun objektiv dokumentiert: "Diese Kirche kann sich nicht selbst aufklären."
  • Mit dem kirchlichen Apparat und seinen Haltungen geht er hart ins Gericht.
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Der frühere Münchner Generalvikar Peter Beer stellt der katholischen Kirche ein katastrophales Zeugnis für ihre Aufklärung der Fälle sexualisierter Gewalt aus. Der Wochenzeitung "Zeit" sagte er: "Was ich selber erlebt habe und was man befürchtete, das ist jetzt objektiv dokumentiert. Diese Kirche kann sich nicht selbst aufklären. Das ist eine bittere Erfahrung." Beer erklärte, auch deshalb habe er vor zwei Jahren sein Amt als Generalvikar aufgegeben; zudem sei er durch seine Aufgabe krank geworden.

Beer sagte, als Chef der Kirchenverwaltung habe er "gegen die Täterschützer alles versucht. Aber ich konnte den Apparat letztlich kaum ändern." Das Münchner Gutachten belege "das Versagen von uns hohen Klerikern beim Opferschutz", nicht nur in der Vergangenheit.

Problem des kirchlichen "Überlegenheitsgefühls"

Zu eigener Verantwortung für Fehler erklärte der Geistliche: "Die sind passiert, dafür bin ich verantwortlich, Punkt." Das Gutachten wirft Beer Fehlverhalten in vier Fällen vor. Zugleich bescheinigt es ihm, gegen große Widerstände im Apparat angekämpft zu haben.

Auf die Frage, woher diese gekommen seien, antwortete Beer: "Aus dem Überlegenheitsgefühl, besser zu sein als der Rest der Gesellschaft. Aus der Gewöhnung daran, über andere zu urteilen, ohne je selber beurteilt zu werden. Aus der Angst, das eigene Lebenswerk werde zerstört. Aus dem Wahn, von Kirchenfeinden umzingelt zu sein. Aus gegenseitiger Erpressbarkeit und zugleich der Illusion, unangreifbar zu sein."

Warum das erste Münchner Gutachten nicht veröffentlicht wurde

Beer hatte 2010 ein Missbrauchsgutachten bei der Kanzlei Westpfahl-Spilker-Wastl (WSW) in Auftrag gegeben, das aber nicht veröffentlicht wurde. Der Geistliche erklärte, wegen der darin enthaltenen "zahllosen Namen und Daten" wäre eine Publikation "Rechtsbruch gewesen". Die im November 2010 veröffentlichte Bilanz sei aber "niederschmetternd genug" und habe ihm intern "enormen Ärger" eingebracht.

Seine Entscheidung für WSW begründete Beer: "Die Kanzleichefin Marion Westpfahl war auch Staatsanwältin und Richterin gewesen. Und sie hatte sich mit mafiösen Zuständen in der Vatikanbank befasst, jahrelang hatte sie mit Personenschutz gelebt. Eine solche starke Frau war genau die Richtige für unser männerbündlerisches System."

"Kritik ist nicht zum Schaden der Kirche"

Am WSW-Mandat für das vergangene Woche vorgelegte Gutachten sei er nicht beteiligt gewesen. An der "Härte des Urteils" im neuen Gutachten lasse sich erkennen, "dass dies kein Gefälligkeitsgutachten war". Wenn er noch im Amt gewesen wäre, so der einstige Generalvikar, hätte er Kardinal Reinhard Marx "dringend geraten, die Studie persönlich entgegenzunehmen".

Beer räumte ein, Freude an Machtausübung gehabt zu haben. Das Beste sei, entscheiden zu können. "Aber wenn Sie immer wieder mit Opfern einer Machtkirche zu tun haben, verlieren Sie die Freude an der Macht."

Die Kirche dürfe "nicht länger Schonraum sein für Kleriker, die Angst vorm Leben, Angst vor Sexualität, Angst vor Nähe, Angst vor Verantwortung haben. Wir müssen verstehen: Kritik ist nicht zu unserem Schaden, sondern Bedingung für einen Neuanfang."

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