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Leiter des Priesterseminars in Münster kritisiert „ADAC-Mentalität“ bei Katholiken

Niehues: Ohne Kirchensteuer könnten Priester glaubwürdiger sein

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Der Regens des Priesterseminars in Münster, Hartmut Niehues, sagt, die zurückgehende Zahl der Priesteramtskandidaten liege nicht an der Ausbildung, sondern an einer fundamentalen Glaubenskrise der Gesellschaft. Er fordert im Interview mit "Kirche-und-Leben.de" ein grundlegendes Umdenken in der Kirche, um die Menschen wieder zu erreichen. Auch die Kirchensteuer sieht er dabei als Problem.

Herr Niehues, Sie haben im September nicht mehr für den Vorsitz der Deutschen Regentenkonferenz kandidiert. Warum?

Nach sieben Jahren Mitarbeit im Beirat der Deutschen Regentenkonferenz ist es für mich gut gewesen, und zwar in einem doppelten Sinn: Es war eine wirklich gute Zeit. In der Konferenz geht es darum, möglichst gute gemeinsame Standards für die Priesterausbildung zu entwickeln. Das hat viel Freude gemacht und es gab auch einige Highlights. Etwa eine Konferenz in Rom mit einer Begegnung mit Papst Franziskus, bei der ich unsere Hoffnung zum Ausdruck bringen konnte, dass wir ein erneuertes Verständnis vom Dienst des Priesters in unserer Zeit finden können. Ein Priesterbild, das für die Menschen in unserer säkularen Situation in Deutschland verständlich ist.

Was haben Sie eher negativ erlebt?

Es gab auch Dinge, wo ich mir gewünscht hätte, dass wir schneller vorankommen. Wir haben seit 2016 eine neue Rahmenordnung für die Priesterbildung auf Weltebene, die in eine neue Rahmenordnung für Deutschland umgesetzt werden muss. Gleichzeitig laufen weitere Prozesse parallel, in denen die Priesterausbildung Thema ist. Das ist einmal der Synodale Weg mit dem Forum „Priesterliche Existenz heute“. Und parallel läuft ein Prozess in der Bischofskonferenz, bei dem es zunächst um die Frage der Standorte der Priesterausbildung in Deutschland geht. Münster ist als einer der Ausbildungsstandorte vorgeschlagen worden. Deshalb wollte ich jeden Eindruck vermeiden, dass ich die Rolle des Vorsitzenden der Regentenkonferenz dafür nutzen würde, um unser Priesterseminar in Münster als Standort zu sichern.

Worüber hätte mehr diskutiert werden sollen?

Weiterführende Links:
www.priesterseminar-muenster.de
www.borromaeum-sprachenjahr.de
www.orientierungsjahr-muenster.de

In den vergangenen Monaten gab es eine breite Diskussion innerhalb der kirchlichen Öffentlichkeit über die Priesterausbildung. Grundsätzlich ist richtig, dass wir immer über eine Weiterentwicklung und qualitative Verbesserung reden müssen. Ich habe aber den Eindruck, dass wir uns mit dieser Diskussion vor der längst notwendigen Diskussion um grundlegendere Themen in unserer Kirche herumdrücken. Dass die Zahl der Priesterkandidaten zurückgeht, liegt ja nicht an der Ausbildung, sondern hat vielfältige andere Gründe. Wir müssen endlich akzeptieren, dass wir in einer fundamentalen Glaubenskrise stecken, befördert durch die Skandale der vergangenen Jahre. Die Kirche hat das Vertrauen der Menschen verloren. Es gelingt uns schlicht nicht mehr, sie mit der Botschaft von der Liebe Gottes zu erreichen.

Resignieren Sie in Ihrer Aufgabe als Regens?

Nein. Wir müssen aber als Kirche unsere neue Rolle finden, dass wir jetzt eine Minderheit in einer pluralen Gesellschaft sind. Dazu müssen wir zunächst einmal, was sehr schmerzhaft ist, akzeptieren, dass es viele Menschen gibt, die schlicht mit uns und der Botschaft unserer Kirche nichts zu tun haben wollen. Dazu gehört ebenfalls, dass wir die institutionalisierten Sicherheiten auf den Prüfstand stellen und uns gegebenenfalls davon trennen müssen.

Welche Sicherheit meinen Sie konkret?

Zum Beispiel unser Kirchensteuersystem. Das scheint mir mehr eine Haltung gegenüber dem Glauben zu befördern, die in doppelter Weise lähmend wirken kann. Ich nenne das mal ADAC-Mentalität. Also: Ich bin da zwar Mitglied, möchte aber eigentlich gar nichts großartig mit dem Verein zu tun haben. Nur in bestimmten Fällen, etwa wenn ich mal eine Panne habe oder wenn ich hilfreiche Informationen für Urlaubsplanungen brauche. Dann rufe ich Dienstleistungen ab. Umgekehrt versuchen die Mitarbeiter beim Autoclub, ihr Angebot immer weiter zu verbessern und auszubauen. Damit soll ich und sollen die anderen Mitglieder bei der Stange gehalten werden. Im Blick auf unsere Kirche im derzeitigen Kirchensteuersystem sehe ich ähnliche Effekte. Und ich habe nicht den Eindruck, dass sie zu einer größeren Lebendigkeit im Glauben führen.

Welche Alternative schlagen Sie vor?

Wir sollten heute mit der Idee beginnen, mit einem System ohne Kirchensteuer eine lebendige Gemeinschaft im Glauben sein zu können. Vieles von den Strukturen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten aufgebaut haben, werden wir uns dann nicht mehr leisten können. Das wird weh tun. Da, wo wir aber feststellen, dass etwas zur Lebendigkeit des Glaubens führt, werden wir Mittel und Wege finden. Da bin ich zuversichtlich. Alles andere wird von selbst zu Ende gehen. Mir geht es dabei nicht darum, dass wir uns als heiliger Rest zurückziehen, sondern ganz im Gegenteil: Ich bin fest überzeugt, dass wir eine lebendige und dynamische Gemeinschaft von Gläubigen sein können, die ihren Platz mitten in der Gesellschaft hat und – wenn auch als Minderheit – mit ihrer Hoffnung aufgrund des Glaubens auf die anderen Menschen ausstrahlt.

Bedeutet das auch das Aus für den Priesterberuf in der jetzigen Form?

Wir brauchen Priester! Denn dass ich von Gott geliebt bin, kann ich mir nicht selbst sagen. Aber, wie gesagt, vieles werden wir uns mit einem solchen Systemwechsel nicht mehr leisten können, auch im Blick auf unser hauptberufliches Personal. Auch die Priester sehe ich davon nicht ausgenommen. Möglicherweise kommen wir sogar irgendwann an den Punkt, dass der Bischof den Priestern keinen Lebensunterhalt mehr gewährleisten kann. Dass Priester dann möglicherweise in anderen Berufen zumindest einen Teil ihres Lebensunterhalts selbst erarbeiten müssen. Das kann natürlich in unserem heutigen System von Pfarreien und Institutionen nicht funktionieren. Da sind unsere Priester mit Arbeit mehr als ausgelastet. Das mag auch im ersten Moment bedrohlich klingen. Ich sehe darin aber eine Chance, wie wir bei den Menschen wieder Glaubwürdigkeit gewinnen können.

Hätten wir dann noch ausreichend Personal für seelsorgliche Aufgaben?

Wir müssen in diesem Zusammenhang auch über den Begriff Seelsorge ins Gespräch kommen. Er hat sich ja in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr geweitet. Heute geht es dabei wohl insgesamt um Begleitung von Menschen auf ihrem Lebensweg. Und ganz besonders um Beistand in den außergewöhnlichen Situationen von Freude und Hoffnung, Trauer und Angst. Manchmal habe ich den Eindruck, wir verstehen uns als Seelsorgekonzern. Wir machen den Club-Mitgliedern attraktive Angebote für jede Lebenslage und hoffen, dass sie bei der Stange bleiben. Da sind wir in den letzten Jahrzehnten sehr kreativ geworden. Allerdings ist der Erfolg eher dürftig.

Müssen also mehr Laien Aufgaben der Seelsorge übernehmen?

Ich meine, dass wir Seelsorge anders verstehen müssen: Wir sind doch als Getaufte alle dazu gerufen, das Leben miteinander zu teilen und gemeinsam schwierige Situationen zu bewältigen. Mir geht es ausdrücklich nicht darum, jetzt die Verantwortung auf Ehrenamtliche abzuschieben! Aber jede und jeder Getaufte ist doch etwa im Trauerfall aufgerufen, für die Trauernden da zu sein. Früher hat das ganz gut geklappt mit festen Nachbarschaften, die dann in solchen Situationen Verantwortung übernahmen. Aber dieses Lebenswissen haben wir im Lauf der Jahrzehnte mehr und mehr verloren und an „Experten“ delegiert. Aber: „Arbeitsteilig“ vorzugehen, hilft uns in solchen Zusammenhängen nur bedingt weiter. An der Stelle sehe ich die große Bedeutung von Hauptberuflichen in der Kirche. Wir brauchen Priester, Pastoralreferentinnen und -referenten, die uns gläubige Christinnen und Christen sensibilisieren für die Bedürfnisse unserer Mitmenschen, und die uns das Handwerkszeug an die Hand geben, damit wir mit diesen Herausforderungen des Lebens umgehen und für andere da sein können.

Wie erleben Sie vor all diesen Hintergründen die Atmosphäre im Priesterseminar?

Ich bin immer wieder begeistert, so viel Lebendigkeit des Glaubens auch und gerade bei vielen jungen Menschen heute erleben zu dürfen. Dabei denke ich natürlich auch an die jungen Leute bei uns im Borromaeum: Junge Männer, die sich trotz aller Widrigkeiten auf den Weg machen, um Christus als Priester nachzufolgen und dafür ihr Leben einzusetzen. Da habe ich sehr großen Respekt! Aber das gilt für alle hier im Haus - die Frauen und Männer im Sprachenjahr, im Orientierungsjahr und in den unterschiedlichen Fächern, die man in Münster studieren kann. Ich bin immer wieder berührt, miterleben zu dürfen, wie lebendig hier im Haus miteinander gebetet wird, wie die jungen Leute in Glaubens- und Bibelgesprächen ihre Fragen, Zweifel und ihre Hoffnung miteinander teilen, wie sie bei sozialen Aktionen mithelfen und wie die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Orientierungsjahres sich in ihren FSJ-Stellen für andere engagieren.

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