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Haben die Münchner Erzbischöfe auf Missstände zögerlich reagiert?

Recherchen zu Integrierter Gemeinde belasten Marx und Benedikt XVI.

  • Der Bayerische Rundfunk (BR) hat neue Recherchen über die "Integrierte Gemeinde" veröffentlicht.
  • Demnach legen kircheninterne Dokumente nahe, dass hohe Amtsträger frühzeitig über Missstände in der Gruppierung informiert waren.
  • Sie hätten darauf aber nur zögerlich reagiert.
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Der Bayerische Rundfunk (BR) hat neue Recherchen über die "Integrierte Gemeinde" veröffentlicht. Demnach legen kircheninterne Dokumente nahe, dass hohe Amtsträger frühzeitig über Missstände in der als ambitioniertes Reformprojekt gestarteten Gruppierung informiert waren. Sie hätten darauf aber nur zögerlich reagiert.

Kritisch hinterfragen die Journalisten insbesondere die Haltung von Kardinal Reinhard Marx und von Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI. Ratzinger erkannte in seiner Zeit als Münchner Erzbischof die "Integrierte Gemeinde" 1978 offiziell als katholischen Verein an und galt lange als ihr wichtigster Fürsprecher. Marx löste sie nach einer 2019 angeordneten Untersuchung kirchenrechtlich auf.

Ratzinger soll 2003 informiert worden sein

Der BR hat dazu einen siebenteiligen Podcast und einen Dokumentarfilm produziert. Beides kann in der ARD-Mediathek abgerufen werden, der Film wird am heutigen Mittwochabend im BR-Fernsehen ausgestrahlt.

Der Redaktion wurde nach eigenen Angaben in diesem Jahr ein mehr als 250 Seiten langer vertraulicher Bericht für die Münchner Bistumsleitung zugeleitet, in dem aus Akten der Bistumsverwaltung zur "Integrierten Gemeinde" in Auszügen zitiert wird. Demnach sei Kardinal Ratzinger 2003 in Rom in mehreren Briefen über schwerwiegende Fehlentwicklungen in der Gruppe ins Bild gesetzt worden, unter anderem von seinem Nachfolger auf dem Münchner Bischofsstuhl, Kardinal Friedrich Wetter.

Benedikt XVI. kann sich nicht erinnern

Der BR zitiert dazu eine Auskunft von Erzbischof Georg Gänswein, dem Privatsekretär des früheren Papstes: Benedikt XVI. könne sich an Wetters Brief von 2003 nicht mehr erinnern. Im Herbst 2020 hatte sich der emeritierte Papst erstmals öffentlich von der "Integrierten Gemeinde" distanziert, zu der er jahrelang ein enges Verhältnis pflegte: Er sei über manches in ihrem Innenleben "nicht informiert oder gar getäuscht" worden, was er bedaure.

Zu Marx berichtet der BR, er habe 2011 durch ein Schreiben an den Leiter des Päpstlichen Laienrats verhindert, dass die "Integrierte Gemeinde" weltkirchlich anerkannt wird. Darin habe der Kardinal darauf verwiesen, dass die Gruppe ihre eigenen Regeln nicht einhalte, etwa bei Wahlen und beim Ausschluss von Mitgliedern. Zudem seien ihre Statuten unvereinbar mit dem gesamtkirchlichen Recht.

Bistum: Marx hat sich "wiederholt kritisch geäußert"

Ein Münchner Bistumssprecher bestätigte den Vorgang auf Anfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Die "Integrierte Gemeinde" habe danach gestrebt, ein öffentlicher kirchlicher Verein päpstlichen Rechts zu werden. Dazu habe sich Marx auf Anfrage aus Rom damals "wiederholt kritisch geäußert".

Der bisher unveröffentlichte Abschlussbericht der von Marx 2019 beauftragten Visitatoren der "Integrierten Gemeinde" stellt der Münchner Bistumsleitung kein gutes Zeugnis aus. Es habe zwar immer wieder Schlichtungs- und Vermittlungsversuche zwischen der Gemeinde und ihren Kritikern gegeben, eine umfassende Aufklärung und konsequentes Handeln aufgrund der Erkenntnisse seien aber "bis heute unterblieben". Der Bericht trägt das Datum vom 29. Juni 2020 und liegt der KNA vor.

Aus dem Untersuchungsbericht

Nach Erkenntnissen der Visitatoren hat die "Integrierte Gemeinde" viele Mitglieder religiös manipuliert, finanziell ausgebeutet und damit etliche in seelische wie materielle Not gebracht. Durch "unkontrollierte Machtausübung im Namen des Heiligen Geistes" sei Angst erzeugt und Kritiker seien kompromisslos ausgegrenzt worden. Das Verhältnis der Gemeindeleitung zur Kirchenleitung sei von "konfliktreichen Auseinandersetzungen" geprägt gewesen, die immer wieder ergebnislos verlaufen seien.

Die Untersuchungsführer machen auch Vorschläge zum weiteren Vorgehen. Der Münchner Erzbischof solle öffentlich sein Bedauern erklären "für das jahrzehntelange zögerliche Vorgehen des Erzbistums gegen die Machenschaften und Unrechtmäßigkeiten" des Vereins und das dadurch geschehene Leid der ausgeschiedenen Mitglieder. Außerdem solle er eine Aufarbeitungskommission einsetzen und daran auch ehemalige Mitglieder beteiligen. Beide Empfehlungen wurden bisher nicht umgesetzt. Zu den Gründen war keine Auskunft zu erhalten.

Das sagt das Erzbistum zur "Integrierten Gemeinde"

Ein Bistumssprecher sagte auf Anfrage, die "Integrierte Gemeinde" sei in mehreren Diözesen tätig gewesen. Daher habe das Erzbistum München darum gebeten, sich auf Ebene der Deutschen Bischofskonferenz mit dem Thema zu befassen.

Ein Fachgespräch habe es dazu bereits im März 2021 gegeben. Im Erzbistum gebe es außerdem einen Ansprechpartner für ehemalige Mitglieder der Gruppe. Unabhängig davon setzten sich Fachleute im Ordinariat eingehend mit dem "komplexen Thema geistlicher Missbrauch" auseinander.

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