Pfarrer Mike Netzler über alternative Gottesdienstformen

Rudelsingen oder Taizé-Gebet - Pfarrei bindet Laien immer stärker ein

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An bestimmten Samstagen im Monat werden in Hiltrup und Amelsbüren im Süden von Münster die Vorabendmessen durch alternative Gottesdienstformen ersetzt. Die Pfarrei St. Clemens hat die Gemeindemitglieder über die neue Gottesdienstordnung informiert und erklärt sie durch die reduzierte Anzahl möglicher Zelebranten. Wie die Liturgie vorbereitet wird und warum Laien nicht als „Notnagel“ eingesetzt werden sollten, darüber spricht Pfarrer Mike Netzler im Gespräch mit „Kirche-und-Leben.de“.

Herr Netzler, warum ist in Ihrer Pfarrei St. Clemens Hiltrup-Amelsbüren eine neue Gottesdienstordnung notwendig geworden?

In fast allen Gemeinden ist heute eine typische Gemengelage von einerseits der abnehmenden Zahl der möglichen Zelebranten, wie auch andererseits die abnehmende Zahl der Teilnehmenden festzustellen. Da mussten wir nüchtern schauen und fragen: Was ist notwendig? Und was ist machbar? Und dann ist es auch die Frage, was wir tun können, um das Thema „Sonntagsgottesdienst“ – in welcher Form auch immer er stattfindet – überhaupt als Thema wachzuhalten und zu schärfen.

Was ist mit der Eucharistiefeier?

Die übliche sonntägliche Eucharistiefeier ist, wenn man genau hinschaut, nur noch für einen sehr kleinen Teil der Gemeinde eine Option. Und wenn die hauptamtlich Seelsorgenden die einzigen bleiben, die Liturgie gestalten und anbieten, was mehr oder weniger die Regel ist, stellen sich die Fragen: Was wird künftig aus dem liturgischen Angebot angesichts derer stark schrumpfender Zahlen? Was könnte es darüber hinaus geben? Wie werden diese Alternativen gestaltet? Und wer gestaltet sie? Bei Eucharistiefeiern gibt es ein engeres Korsett der Vorgaben, die es bei anderen Formen nicht gibt.

Die wichtigste Veränderung betrifft die Veränderung der Vorabendgottesdienste an den Samstagen. Hier sollen alternative Gottesdienstformen zum Zuge kommen. Wie sehen diese aus?

Das können zum Beispiel klassische Wort-Gottes-Feiern sein, ob mit oder ohne Kommunion-Austeilung. Oder es können Stundengebete sein, Rudelsingen geistlicher Lieder oder Betrachtungen mithilfe von Kunst, Literatur oder Filmen. Außerdem kommen Angebote von offener Kirche mit Stille, Gebet und unterschiedlichen Aktionsangeboten, eucharistische Anbetung, ein Taizé-Gebet, ein Schriftgespräch, ein Konzert, eine Bibellesung oder Agape-Feiern mit dem Teilen von Brot und Wein hinzu. Der Fantasie sind da kaum Grenzen gesetzt.

Sie haben die Gemeindemitglieder eingeladen, diese alternativen Gottesdienste nicht nur vorzubereiten, sondern auch selbst durchzuführen. Wie bewerten Sie die Bereitschaft der sogenannten Laien zu diesem Engagement?

Wie so oft haben einige die Möglichkeiten, die sich bieten, begeistert aufgenommen und starten unmittelbar. Andere tasten sich vorsichtig an das Thema heran, mit vielen Fragen und dem Wunsch nach Hilfestellung. Dem kommen wir nach. Es wird auch einige geben, für die solche Alternativen gar nicht infrage kommen. Der Blumenstrauß ist so bunt wie das Volk Gottes bunt ist. Ich freue mich über jeden, der sich dafür öffnet, sei es, um etwas vorzubereiten und durchzuführen oder um ein solches Angebot dann auch anzunehmen. Wichtig ist, dass diejenigen, die etwas anbieten möchten, die Freiheit behalten, zu entscheiden, ob sie das regelmäßig tun möchten oder punktuell zu bestimmten Anlässen und Festen oder auch nur einmalig.

Werden die freiwillig Engagierten so nicht wieder benutzt?

Die Pfarrkirche St. Clemens in Münster-Hiltrup. | Foto: Johannes Bernard
Die Pfarrkirche St. Clemens in Münster-Hiltrup. | Foto: Johannes Bernard

Ich sehe diese Alternativen keineswegs als „Notnagel“, weil wir das bisherige nicht mehr darstellen können. Sie haben ihren eigenen Stand und ihren eigenen Wert. Sie sammeln Gemeinde zu geistlichem Tun. Die Eucharistie ist zwar von unserem Verständnis her Quelle und Gipfel des christlichen Lebens und Ursammlungsort von Gemeinde. Allerdings aber bewertet die Kirche die Notwendigkeit des Amtes für diese Feier offensichtlich höher als den Zugang der Gläubigen zu dieser Feier. Also starten wir selbstbewusst das Alternativprogramm.

Wie reagieren die Gemeindemitglieder auf die „Anpassung“ der Gottesdienstordnung?

Die Gemeinde hat es für mein Empfinden im Großen und Ganzen gelassen und mit Neugierde aufgenommen. Der große Aufschrei ist auf jeden Fall ausgeblieben. Es gibt sicherlich einige, die enttäuscht sind, dass ihre gewohnte Zeit nicht mehr gewohnt zur Verfügung steht. Es ist halt an der Zeit, zehn Jahre nach der Fusion unserer Gemeinden auch mal das Angebot in der Gesamtpfarrei wahrzunehmen und zu nutzen. Und wenn man genau hinschaut, ist das „Streichkonzert“ auch eigentlich ganz moderat ausgefallen.

Sie haben weitere mögliche Strukturveränderungen angekündigt und bereiten Ihre Pfarrei auf abermalige „Anpassungen“ vor. Welche Veränderungen erwarten Sie und auf welche Veränderungen hoffen Sie?

Ich habe da schon die kommenden sogenannten Pastoralen Räume und die zu erwartenden Notwendigkeiten im Blick, dass weiter schrumpfende Priesterzahlen und die daraus erwachsende Notwendigkeit der gegenseitigen Vertretung über die Pfarreigrenzen hinweg weitere Anpassungen erfordern werden. Das muss man realistisch sehen. Die Kirche vor Ort, in der das Leben ja stattfindet, wird zunehmend ihre Eigenverantwortlichkeit auch im liturgischen Angebot entdecken müssen. Was veränderte Zugänge zum Amt oder veränderte sakramentale Vollmachten anbetrifft, halten sich meine Erwartungen ziemlich in Grenzen. Aber mir macht es Mut, in den Gemeinden auf Menschen zu treffen, die sich mit uns der Situation konstruktiv, kooperativ und kreativ stellen.