Stadtkonzil in Recklinghausen verabschiedet Kirchen-Vision

Stadtkonzil in Recklinghausen endet mit „Kirchen-Vision“

In diesen Tagen erhält Bischof Felix Genn Post aus Recklinghausen, genauer gesagt von den Vertretern des Stadtkonzils. Die Vollversamlung stimmte mit großer Mehrheit einem Antrag des Pfarreirats von St. Peter zu, in dem das Stadtkonzil Bischof Genn dafür dankt, „dass im Bistum Münster erste Schritte eingeleitet worden sind für geteilte, ehrenamtliche und hauptamtliche Verantwortung in der Gemeindeleitung“.

In dem Antrag an den Bischof von Münster bittet das Stadtkonzil, über „viri probati“ – die Priesterweihe für gemeindeerfahrene verheiratete Männer – zu beraten, „sodass im Bistum und in Rom Entscheidungen getroffen werden können, die dem seelsorglichen Notstand in unseren Gemeinden entgegenwirken“.

Vorlagen aus fünf Kommissionen

Propst Jürgen Quante hatte zuvor den Antrag des Pfarreirats vorgestellt und darauf hingewiesen, dass ein solcher kirchenpolitischer Antrag aus der zweitgrößten Stadt des Bistums eine Signalwirkung haben könnte. In einem von vielen Wortbeiträgen begleiteten Abstimmungsmarathon folgten die Gemeindevertreter und engagierten Katholiken zumeist den Beschlussvorlagen, die zuvor fünf Kommissionen ausgearbeitet hatten. Noch während der Vollversammlung, an der mehr als 300 Katholiken aus Pfarreien, Verbänden, Einrichtungen und Gruppen teilnahmen, arbeitete eine Änderungskommission Kürzungen, Ergänzungen und sprachliche Verbesserungsvorschläge ein.

Mit überwältigender Mehrheit verabschiedete die Vollversammlung eine Präambel. Sie ist den Kommissionsbeschlüssen vorangestellt und ist so etwas wie das Leitbild des Stadtkonzils – siehe die Dokumentation der Präambel auf dieser Seite.

Stärkung der Jugendarbeit

Souverän führte Wolfgang Pantförder als Moderator durch das Programm und stellte die Textpassagen zur Abstimmung. Mitglieder der fünf Kommissionen – sie heißen Jugend, Gemeindeleitung ohne Priester, Öffentlichkeitsarbeit und Sprache, Glauben entwickeln und leben bei der Arbeit sowie Begegnungsräume mit Gott – stellten unter viel Applaus ihre Ausarbeitungen vor.

Besonders die Jugendlichen fanden Gehör. Sie wünschten sich mehr Freiheiten und Mitsprache. „Unsere Vision soll daher einer Verbesserung der Qualität, der Reichweite und der Sichtbarkeit der katholischen Jugendarbeit dienen“, heißt es in der Zielsetzung des Stadtkonzils.

Weiterarbeit in den Pfarreien

Viele Beschlüsse wurden gefasst. Sie werden beim Stadtkomitee der Katholiken und in den drei Pfarreien St. Peter, Liebfrauen und St. Antonius sowie in den Kirchenortausschüssen weiterentwickelt, wie Propst Quante versicherte.

Begeistert vom Verlauf des Stadtkonzils waren viele wie Sandra Schmidt aus dem Kirchenausschuss St. Markus: „Der Tag hat sich gelohnt. Ich bin begeistert, wie viele mitgemacht haben.“

Was das Konzil bewirken möchte: Aus der Präambel der Konzilsbeschlüsse
„Alle Menschen in Recklinghausen wünschen sich ein glückliches Leben und eine gute Zukunft. Auf der Suche danach spielt für einen Teil von ihnen ihr christlicher Glaube eine wichtige Rolle. In Sorge, mit Hoffnung und auch mit Leidenschaft möchten sie ihre Kirche mitgestalten. Das Stadtkonzil versteht sich als ein Prozess, der sich unter Beteiligung möglichst vieler engagierter Menschen in dieser Stadt den wahrgenommenen Herausforderungen stellen möchte.

Der christliche Glaube ist in den letzten Jahrzehnten in eine tiefe Krise geraten. Bei vielen Menschen ist der Bezug zu fundamentalen Glaubensaussagen verloren gegangen, und die Bindung an die Kirche hat stark nachgelassen. Neben der Beschäftigung mit gesellschaftlichen und weltkirchlichen Ursachen für diese Entwicklung dürfen in Bezug auf das Handeln der Kirche von Recklinghausen eigene Anteile nicht ausgeblendet werden.

Die Frage nach dem Sinn, die Sehnsucht nach einem Leben in Frieden, Gerechtigkeit und Freiheit, sowie das Bedürfnis, dieses Leben selbstbestimmt und jenseits von Armut und Unterdrückung führen zu können, verbindet Menschen Recklinghausens. Es ist der Auftrag der Kirche Jesu Christi, die Erfahrungen der Menschen in dieser Stadt, so unterschiedlich sie auch sind, kontinuierlich zu ergründen. Alle lokalen kirchlichen Positionen und Projekte sind so zu begründen.

Kirche ist sich nicht Selbstzweck, sondern soll in allem den Menschen dienen. Sie ist gehalten, die christliche Gottesbotschaft von Vertrauen, Liebe und Hoffnung den Menschen dieser Stadt zu verkünden – als Angebot zur Deutung und Gestaltung ihres Lebens. Christliche Verkündigung, besonders die gottesdienstliche Verkündigung, ist einer differenzierten Kenntnis und Verinnerlichung gegenwärtigen theologischen Denkens verpflichtet, genauso wie sie an den Fragen und Bedürfnissen der modernen Menschen ausgerichtet sein muss.

Christen sollten ehrlich genug sein, einzugestehen, dass Glaube immer mit Unsicherheit und Zweifel verbunden, letztlich ein Wagnis ist. Heute ist Gott auch gerade da zu verkünden, wo er gar nicht mehr geglaubt wird. Es bleibt kirchlicher Auftrag, auch Fehlentwicklungen unserer modernen Gesellschaft zu hinterfragen.

Die Jüngerinnen und Jünger Jesu ließen sich von seiner Botschaft begeistern und erzählten den Menschen davon. – „Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben“ (Apg 4, 20) ...

Die Krise des Glaubens steht im Zusammenhang auch mit der Krise der kirchlichen Sprache. Alle sprachlichen Äußerungen in Verkündigung und Liturgie müssen überprüft werden auf das zugrundeliegende Gottes- und Menschenbild. Über den christlichen Glauben muss so gesprochen werden, dass er für alle Menschen unserer Zeit verständlich, überzeugend und für ihr Leben relevant werden kann. Diesen Zielen und den damit verbundenen Hoffnungen will das Recklinghäuser Stadtkonzil gerecht werden.“

Geringfügige Änderungen am Text werden noch vorgenommen. Alle Beschlüsse sind dokumentiert unter www.stadtkonzil-recklinghausen.de.