Aufführungen am 12., 14., 19. und 26. Juni sowie am 10. Juli

Theaterstück „Judas“ in der Jugendkirche „Effata“ in Münster

Judas schreit, seine Stimme wird immer lauter und lauter, überschlägt sich fast. „Musste er für euch sterben?“, brüllt er das Publikum an. „Er ist nicht für meine Sünden gestorben. Wenn jemand für eure Sünden gestorben ist, dann bin ich es. Ich bin alle Schuld.“ Judas Iskarioth, der Verräter Jesu, der Antiheld und Sündenbock des christlichen Abendlandes, erhebt energisch seine Stimme gegen alles, was jahrhundertelang über ihn gesagt worden ist.

Aufgeführt wird das Ein-Personen-Stück „Judas“ der niederländischen Gegenwartsautorin Lot Vekemans in der Jugendkirche „Effata“ in Münster.

Judas kauert im Käfig

Dumpfe Musik erfüllt den Kirchenraum. Christoph Rinke, der den Judas in einer Produktion des Theaters Münster spielt, kauert am Boden eines Käfigs, der an drei Seiten vergittert ist. Er räkelt sich, steht auf, tigert in dem engen Raum herum, legt sich auf den Rücken und streckt die tätowierten Beine in die Höhe, steht da und starrt die Zuschauer an, gibt sich mal ruhig und nachdenklich und dann wieder wild und aufgeregt.

Er trägt nur einen langen Pullover und Unterhose, läuft auf nackten Füßen umher. Gleich zu Beginn macht der von der Geschichte Verurteilte klar, dass er die gängigen Erwartungen enttäuschen wird. „Was ist ehrlich?“ Diese Frage stellt ausgerechnet der, der für Lüge und Verrat steht, und erzählt von seiner Geburt, „in einem Land, in dem viel gekämpft, gehofft und gebetet wurde“.

Ein kompliziertes Verhältnis zu Jesus

Von Jesus, den Judas fast immer nur „er“ nennt, hat er viel erwartet – „von ihm als König der Juden, als Führer, nicht als Erlöser und Messias“. Sich selbst sieht Judas als Mann, der sich schnell entscheidet und immer gewusst hat, wofür er stand.

Eines ist klar: Für Judas war das Verhältnis zu seinem Meister und Freund kompliziert. Doch er erblickte in den Augen Jesu die Frage nach seiner eigenen Mission: „Was tue ich nur? Ist das richtig?“ und wird von ihm gelobt, dass er der Einzige sei, der sich frage, was Jesus brauche. Andererseits bleibt er aber auch Realist: Letztlich sei er nur einer von Hunderten Anhängern gewesen, und er habe einen Fehler gemacht, gesteht er ein.

Aufführungen und Karten
Aufführungen sind am 12., 14., 19. und 26. Juni sowie am 10. Juli, jeweils um 20.30 Uhr in der Jugendkirche „Effata“ (Martinikirche). Karten 15 Euro, Telefon 02 51/5 90 91 00, theaterkasse@stadt-muenster.de

Zur damaligen Zeit habe es elf Messiasse pro Jahr gegeben, Spinner und Gotteslästerer, die alle entlarvt und bestraft worden seien. „Er war anders“, bekennt Judas. Als Jesus ihn in seine Nachfolge gerufen habe, sei er mit ihm gegangen und habe alles hinter sich gelassen. „Es war wie eine Liebe und das, wofür ich gelebt hatte“, gerät der Verräter ins Schwärmen. „Er brachte eine Botschaft, ein Beispiel.“ Die Zuschauer fragt er bohrend, was sie gemacht hätten: Hätten sie damals am Wegesrand gestanden, oder wären sie in den Häusern geblieben?

Warum der Verrat heilsnotwendig war

Doch dann ging Jesus nach Jerusalem und sprach immer öfter von seinem Tod – in den Augen des Judas „eine idiotische Idee, die ihn nicht mehr verlassen sollte“. Der setzte dagegen darauf, dass in Jerusalem „die große Umkehr“ ihren Anfang nehmen und Jesus die Römer mit seinem Wort niederschmettern, ihre Fremdherrschaft beenden würde.

Ganz auf den Spuren von Walter Jens' Stück „Die Verteidigungsrede des Judas“ zeigt Autorin Lot Vekemans, dass der Verrat heilsnotwendig war – und unternimmt eine Rehabilitation des Mannes, der jahrhundertelang geächtet wurde. Gibt ihm, seinen Enttäuschungen und Sehnsüchten, seiner Verzweiflung und Reue eine Stimme.

Hautnah am Denken des Verräters

Christoph Rinke setzt das in der Inszenierung von Jan Holt­appels mit Totaleinsatz auf eine höchst eindrucksvolle Weise um. Er lässt das Publikum im Altarraum der Jugendkirche, der in mystisches blaues Licht getaucht ist, hautnah am Denken und Fühlen des Verräters Anteil nehmen. Rinke weiß sogar Sympathie für ihn zu wecken.

Am Ende öffnet der ganz einfach die Tür an der vierten Seite des Käfigs, schreitet durch das Publikum und wieder in den Käfig zurück. Der Anfang wiederholt sich: „Mein Name ist Judas Iskarioth, und ich bin stolz auf meinen Namen …“