Erklärt: Die Gesten in der Liturgie

Was bedeuten ausgebreitete Arme im Gottesdienst?

Wer beten will, nimmt die Hände zusammen oder faltet sie. Doch auch weit ausgebreitete Arme können Ausdruck des Gebets sein. Meistens nur bei Priestern. Wie schade! Was bedeutet diese Gebets-Geste?

Es war an einem Sommerabend in einer kleinen, romanischen Kirche auf dem Land mitten in der Toskana. Als Abschluss von besonderen Exerzitien auf einem traumschönen, aber auch sehr einfachen Bauernhof feierten wir mit der gesamten Gruppe aus 20 Frauen und Männern die Heilige Messe. Der Priester gehörte zu unserer kleinen Gemeinschaft, war überdies aber von ziemlicher Größe – was sich nicht zuletzt in einer enormen Spannweite seiner Arme zeigte. Während des Hochgebets breitete er sie weit aus und füllte damit fast die komplette Breite der Apsis in dem Kirchlein aus.

Eine ältere Dame aus dem Dorf, die sich bescheiden und still hinten sitzend zu uns gesellt hatte, beeindruckte das derart, dass sie uns am Ende der Messe sehr freundlich, aber verunsichert fragte: „Diese weit ausgebreiteten Arme des Priesters – war das wirklich eine katholische Messe?“ Wir musste alle herzlich lachen, und nachdem wir die fromme Italienerin von der Rechtgläubigkeit des Benediktinerpaters trotz der ausladenden Armgeste überzeugen konnten, haben wir sie zu einem Glas Wein eingeladen. Sie hat freudig angenommen.

Der ganze Mensch ist offen für Gott

Leider beschränken sich ja viele Priester auf maximal schulterbreit geöffnete Arme, wenn sie die Präsidialgebete (Tages-, Gaben-, Schlussgebet), Hochgebet und Vaterunser in der Messe sprechen. Das kann merkwürdig kleinlich und unnötig eng wirken angesichts der großen Bitten des Lebens und der übergroßen Fülle Gottes, an den sich diese Geste ja richtet.

Genau genommen ist sie eben nicht Ausdruck des Empfangens, sondern sie ist urtypischer Ausdruck des Betens und Bittens, der auf Gott ausgerichteten Offenheit des ganzen Menschen. Je weiter die Arme, je offener die Geste, desto offener und weiter die Orientierung auf ihn.

Uralte Haltung nicht nur von Christen

„Oranten-Haltung“ nennt man diese sehr körperliche Art des Gebets in der katholischen Kirche. Doch es gibt sie auch in anderen Religionen – nicht zuletzt im Islam, wenngleich dort eher in kleinerer Form der vor der Brust nach oben hin geöffneten Hände. Malereien zeigen die Oranten-Haltung in urchristlichen Katakomben, aber ebenso schon in Felsritzungen der Bronzezeit und auf Runensteinen.

Die ausgebreiteten Arme als Ausdruck des Gebets nehmen den ganzen Körper in Anspruch: Er richtet sich nach oben aus, spannt die Muskulatur vom Hals über Rücken und Bauch bis in die Beine und ist partout nicht nur katholischen Geistlichen vorbehalten. In Frankreich etwa, aber auch in den USA habe ich es oft erlebt, dass alle Gläubigen etwa das Vaterunser mit ausgebreiteten Armen beten.

Als wollte Jesus die Welt umarmen

Seitdem mache ich es genauso. Es gibt Situationen, in denen ich mich zusammennehme und die Hände falte – etwa wenn ich eher meditierend innerlich mit Gott spreche. Und es gibt Situationen, in denen ich mich offen, frei und mit stolzem Vertrauen Gott zuwende und die Arme ausbreite – beim Vaterunser im Gottesdienst. Ich empfinde das als sehr erhebend, feierlich, vertrauensvoll auf- und ausgerichtet. Es übt mich zugleich ein in die große Weite, in die mich Gott und der Glaube an ihn führt.

Manche sagen, die ausgebreiteten Arme erinnerten an die weit auseinandergezogenen Arme von Jesus am Kreuz. So fürchterlich gestreckt sie wohl waren, so schwingen darin doch immer auch – schwer verständlich – Erlösung und Befreiung, Versöhnung und Liebe mit: als wollte er die ganze Welt umarmen. Und mich auch.

All das kommt buchstäblich zum Tragen, wenn sich der Mensch zum Gebet öffnet, weit und weiter, und sich ganz dem zuwendet, was oben ist. Mit beiden Beinen fest auf dem Boden, dem fließenden Atem bis tief ins Innerste. Und die Arme ausgebreitet! Es muss ja nicht gleich in der komplett möglichen Spannweite sein.