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Gast-Kommentar von Jesaja Michael Wiegard zum Umgang mit Geschichte und Wirtschaft

Wir sind blind geworden für unsere Abhängigkeiten

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Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde das „Ende der Geschichte“ angekündigt. Die liberale Demokratie war seitdem auf Erfolgskurs, doch der Krieg in der Ukraine stellt vieles infrage, erklärt Jesaja Michael Wiegard in seinem Gast-Kommentar.

Erschreckend eigentlich, wie blind wir geworden sind. Blind angesichts von politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, die „auf die lange Strecke“ spielen.

Vor jetzt 50 Jahren hat Anfang März 1972 der „Club of Rome“ seinen lange ignorierten Bericht vorgelegt. Die „Grenzen des Wachstums“ als Grundausrichtung anzuerkennen – das war die richtige Linie, bestätigt durch die Updates 1992 und zuletzt 2012. Gefährlich menschliches Verhalten, nicht-rationales Verhalten hat der deutsche „Club of Rome“ in 2020 unter dem Stichwort „Ist Nachhaltigkeit utopisch?“ als zentrales Problem benannt.

„Ende der Geschichte“ greifbar

Der Autor
Jesaja Michael Wiegard (geb. 1967) ist politisch engagierter Christ und Theologe, arbeitet in der beruflichen Erwachsenenbildung und hat ein gutes Jahrzehnt im Sauerland als Benediktiner gelebt.

Erschreckend eigentlich, wie siegestrunken wir waren, als vor inzwischen mehr als drei Jahrzehnten der „Kalte Krieg“ scheinbar endete. Das „Ende der Geschichte“ wurde angekündigt, Frieden und Wohlstand für alle in greifbarer Nähe – umfassend „blühende Landschaften“ allüberall. Die großen Probleme der Weltgeschichte: abgearbeitet. Die wirtschaftlich erfolgreiche liberale Demokratie sollte sich nun zum Lebensraum der Fülle für alle entwickeln, so die euphorische, kurzsichtige Idee.

Erschreckend also, wie sehr „Geschichte“, wie sehr „Entwicklung“ gedacht und gelehrt wurde als Konflikt der Groß­ideologien, als ginge es darum, den Streit der Philosophen durch harte Tatsachen in Wirtschaft und Gesellschaft zu entscheiden. Der große Vorteil: Es kämpften sich Spezialeinheiten und Herren durch den Geschichtslauf – mit mir als Einzelnem hatte das eher wenig zu tun. Bis heute hält sich die Wahnidee, „der Markt“ reg­le alles, was da schwierig ist. So wie einst „der Krieg“ Vater aller Dinge war.

Macht der Unternehmen wächst

Währenddessen lassen wir uns die vermarkteten Lebensgeschichten der Menschen des Dorfes am Rande der Arktis in unser Wohnzimmer streamen, erleben die Vermarktung unserer eigenen Lebensdaten – und starren leicht verwundert auf die Macht, die den Unternehmen zugewachsen ist, die das beides ermöglichen: kein Internet im Kriegsgebiet? Zack! Da ist die Lösung aus einer Hand. Der Druck auf die Gesellschaft des Aggressors soll gesteigert werden? Zack! Da verdorren die Apps in eigener Hand.

Wir lernen gerade, wie blind wir für unsere Abhängigkeiten sind – und wie verletzlich der Service-Schutzmantel um uns sein kann.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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