Matthias Grammann aus Recklinghausen über große Ängste und große Perspektiven

Auslegung der Lesungen vom 1. Adventssonntag (C)

Zeichen erscheinen an Sonne, Mond und Sternen, die Meere toben, und die Menschen sind ratlos. Und dann kommt er, der Menschensohn. Seine Advents-Botschaft scheint widersprüchlich, meint Matthias Grammann aus Recklinghausen.

Blicken Sie hoffnungsvoll und zuversichtlich in die Zukunft? Auf ihre eigene und auf die der Welt? Dann sind Sie in der Unterzahl. Denn die Mehrheit der Deutschen hat Angst. Eine Studie „Die Ängste der Deutschen 2018“ zeigt auf, was in uns die größten Ängste schürt: Die meisten Menschen haben vor einer „gefährlicheren Welt durch Trump-Politik“ (69 Prozent) und einer Überforderung durch Flüchtlinge (63 Prozent) Angst.

Das Evangelium vom 1. Adventssonntag (C) zum Hören und Sehen auf unserem Youtube-Kanal (alte Einheitsübersetzung).

Der Langzeitvergleich mit den zurückliegenden Studien zeigt: Dass die Deutschen sich ängstigen, ist nicht neu. Aber in den letzten Jahren werden die Ängste globaler. In den Jahren 2004 bis 2010 hieß der Spitzenreiter „steigende Lebenshaltungskosten“ – ein Problem der eigenen Lebensgestaltungsmöglichkeiten. 2011 bis 2015 wurde es europäisch: Die EU-Finanzkrise übernahm Platz 1. 2016 und 2017 folgte dann Terrorismus, ein internationales Phänomen, und nun eben Trump.

Nicht nur unsere Welt, auch unsere Ängste globalisieren sich mit ihr. So blicken viele von uns nicht gerade hoffnungsvoll in Richtung Zukunft der Welt – dabei haben wir über den Klimawandel noch gar nicht gesprochen.

Was damals Angst machte

Der war für die Hörer des Lukas-Evangeliums noch kein Thema. Aber auch die ersten Hörer des Lukas-Evangeliums hatten mit einer Art Globalisierung ihrer Probleme zu kämpfen. Das Lukas-Evangelium wurde nach heutigem Kenntnisstand etwa im Jahr 90 n. Chr. verfasst. Seine Hörer lebten in einer Zeit, in der sich das Christentum gerade in der römischen Welt ausbreitete. Die ersten Missionare, allen voran der Apostel Paulus, hatten erfolgreiche Missionsreisen hinter sich. Das junge Christentum hatte sich von Judäa aus in die ganze römische Welt ausgebreitet. Der „römische Friede“ währte.

Dennoch gab es Konflikte, die die Christen betrafen. Sie hörten von der Zerstörung Jerusalems und des großen Tempels durch die Römer (70 n. Chr.). Sie wussten von den ersten Christenverfolgungen in Rom (64 n. Chr.) und erlebten möglicherweise gerade gemeinsam mit den Juden weitere Verfolgungen unter Domitian (81-96).

Macht Ihnen am meisten Angst?

Was hätten wohl die Menschen dieser Zeit auf die Frage geantwortet, was ihnen am meisten Angst mache? Vielleicht das Ende der Welt? Das war schon zur Zeit Jesu in aller Munde – viele Wanderprediger sprachen über die nahende Apokalypse. Jesus war einer von ihnen: „Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über die Erde kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.“ Klingt das nicht für uns heute noch aktuell? Sorgen wir uns nicht ebenso um die Dinge, die da
noch über unsere Erde kommen? Haben wir vielleicht schon resigniert?

Der Autor
Matthias GrammannMatthias Grammann ist
Pastoralreferent und Leiter
des Christlichen Jugendcafés
Areopag in Recklinghausen. | Foto: Michaela Kiepe (pbm)

Jesus hat die Bilder des Unheils allerdings nicht so stehen gelassen. Das hat er nie getan. Ganz klar: Er wollte nicht, dass die Menschen resignieren! Er hat den dunklen Bildern solche des Trostes und der Hoffnung an die Seite gestellt. Er ist nicht Prophet des Untergangs, sondern Prophet der Erlösung: „Wenn all das beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.“ Richtet euch auf! Trotz all des Schlechten in der Welt, im Angesicht des drohenden Endes: Richtet euch auf. Eure Erlösung ist nahe. Seid wachsam und betet! Ein typischer Jesus. Viel widersprüchlicher geht’s doch nicht.

Wir warten seit 2000 Jahren

Auch die beiden anderen biblischen Lesungen werfen Hoffnungsperspektiven auf, die mit Blick auf Jesus nicht widerspruchsfrei bleiben: Bei Jeremia ist es die Hoffnung auf Gerechtigkeit und auf einen Hoffnungsträger, als den seine Anhänger später Jesus identifizierten. Dieser soll für Recht und Ordnung sorgen im ganzen Land Israel. Hat er das getan? Sicher auch nicht so, wie viele Juden es sich erhofft haben oder heute noch hoffen.

Im Brief des Apostels Paulus an die Thessalonicher ist es die Hoffnung auf die glorreiche Wiederkunft Jesu „mit allen seinen Heiligen“. Sie geht einher mit dem Auftrag zum Lieben und gottgerechten Leben. Und gute 2000 Jahre später warten wir immer noch.

Was hoffen Sie?

Vielleicht können wir im jetzt beginnenden und jährlich wiederkehrenden Advent eine Ahnung entwickeln, wie diese Widersprüche auszuhalten sein könnten. Auch wir erwarten die Ankunft des Erlösers, des menschwerdenden Gottes. Und er kommt als unschuldiges, wehrloses Kind im Stall. Die Hoffnung erfüllt sich ganz anders als gedacht.

Was dürfen wir heute hoffen, im Angesicht der vielen Probleme unserer Welt? Ich hoffe jedenfalls: dass Erlösung kommt. Auch wenn sie vielleicht ganz anders kommt als gedacht. Was hoffen Sie? Und wer bringt Sie dazu, sich aufzurichten?