Pater Daniel Hörnemann über 660 Liter Wein und ein Leben in Fülle

Auslegung der Lesungen vom 2. Sonntag im Jahreskreis (C)

Es ist eines der bekanntesten Evangelien überhaupt: die Hochzeit zu Kana, bei der Jesus die Brautleute aus einer peinlichen Panne befreit. Dass es dabei um weit mehr als einen Zaubertrick geht, der aus Wasser Wein macht, erklärt Benediktiner Daniel Hörnemann.

Die Geschichte der Hochzeit zu Kana zählt noch immer zu den bekanntesten Episoden des Neuen Testaments. Wenn wir meinen, diese Geschichte bereits gut zu kennen, brauchen wir gar nicht mehr genau hinzuhören. Doch damit nehmen wir uns die Chance, uns selbst in dieser Geschichte wiederzufinden. Darum aber geht es vor allem.

Das Evangelium vom 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C, neue Einheitsübersetzung) zum Nachhören finden Sie hier.

Manche Brautpaare suchen sich dieses Evangelium für ihre Hochzeitsmesse aus, wozu der Titel schnell verleitet. Doch geht es in ihr gar nicht um eine schöne, gelungene Feier, sondern zunächst um eine große Peinlichkeit! Braut und Bräutigam haben wohl nicht genügend vorgesorgt. Der Weinvorrat ging rasch zur Neige. Sie saßen auf dem Trockenen. Die absehbare Folge davon wäre ein schnelles Ende der Feier gewesen. Enttäuscht, murrend und kritisierend hätten die Gäste den Heimweg angetreten. Zur Blamage wäre noch das unvermeidliche Gerede hinzugekommen. Das Fest wäre als gesellschaftliche Katastrophe ausgelaufen.

Maria hat es kommen sehen

Genau da setzt Jesus an. Nach dem Johannes-Evangelium beginnt sein öffentliches Wirken ausgerechnet auf einer Hochzeit und noch dazu mit einem Weinwunder. Seine sorgende Mutter hatte den drohenden Mangel schon vorausgesehen und ihn auf die sich anbahnende Krise hingewiesen. Zu jeder Feier gehören einfach genügend Mengen an Essen und Getränken. Jesus lässt sich bei seinem Wirken jedoch nicht einmal von seiner eigenen Mutter beeinflussen. Er setzt seine Zeichen nicht auf Bestellung. Aber er setzt sie. Zu seiner Zeit und dann im Übermaß.

An der Menge Wein werden die Gäste eine ganze Zeit zu trinken gehabt haben! Aus dem bereitgestellten Wasser wurden mehr als 660 Liter Wein. Das bedeutet: Dieser Wein geht nicht aus. Der ihn eingießt, ist nicht knauserig, sondern großzügig bis zur Verschwendung. In Quantität und Qualität übertrifft dieser Wein alles bisher Kredenzte. Der Hochzeitswein wird auch nicht in der üblichen, berechnenden Weise ausgeschenkt: Am Anfang das Gute und dann das Billigere, sondern genau umgekehrt.

Dem Bräutigam wird daher zu Unrecht vom Tafelmeister ein heftiger Vorwurf gemacht. Er handle nicht in der üblichen Weise, zunächst den guten Wein vorzusetzen und, wenn es die angetrunkenen Gäste nicht mehr merken, den geringeren aufzutischen. Jesus hat hier eine Ordnung umgekehrt. Das Beste kommt nicht immer als erstes.

Jesus hilft nicht nur aus einer momentanen Verlegenheit. Die Geschichte greift viel weiter: es geht um Leben in Fülle! Bei diesem Geschenkwunder soll die riesige Weinmenge die Herrlichkeit Jesu offenbaren. Es ist, als habe sich der Himmel einen Augenblick geöffnet, als sei die Herrlichkeit Gottes kurz aufgeblitzt. Das Wunder ist ein Vorgeschmack auf Künftiges. Es ist eine Hoch-Zeit des Glaubens, bei der die Freude Gottes an seinen Geschöpfen spürbar wird (vgl. 1. Lesung).

Der Autor

ater Daniel Hörnemann OSBPater Daniel Hörnemann OSB ist Subprior der Benediktinerabtei Gerleve bei Billerbeck und Theologischer Berater von "Kirche+Leben". | Foto: Markus Nolte

Die Wirkung des ersten Zeichens Jesu ist der Glaube der Jünger an ihn. Sie verfallen nicht in eine bloße Bewunderung ihres Herrn, sondern gelangen zu einer persönlichen Glaubensbeziehung. Wenn wir im Evangelium Perspektiven für das eigene Leben entdecken wollen: Der Wein steht symbolisch für Lebenslust und Lebensfreude. Immer wieder geht dieser Wein aus, der Wein des Gesprächs, der Zärtlichkeit, des Verständnisses und der Kommunikation. Sicher haben Sie es selbst schon erfahren, dass der Gedanke eintrat: „Schluss! Nichts geht mehr!“ Etwa bei einem häuslichen Konflikt oder unter großer Arbeitslast, bei Krankheit oder durch einen Unfall, durch den Tod eines lieben Menschen, durch Enttäuschung, Misserfolg oder das Scheitern einer Beziehung. Vielleicht hilft gerade dann der Blick nach Kana: „Es geht doch! Wider Erwarten!“ Es gibt einen Gott, der alles in allen bewirkt (zweite Lesung).

Wunder geschehen

Wunder geschehen immer dort, wo man sich noch wundert. Das fängt bereits bei einer Beziehung an. Sie könnten sich darüber wundern, dass ausgerechnet Sie sich gefunden haben. Sie können sich übereinander wundern, was so alles im Partner, in der Partnerin drinsteckt. Eltern mögen sich über ihre Kinder wundern, Lehrer über ihre Schüler, Berufstätige über ihre Mitarbeiter. Der Blick nach Kana eröffnet den Horizont für das Unerwartete.

Damit ist die Hoffnung verbunden, dass Christus vielleicht gerade dann bei Ihnen wirkt, wenn es kriselt und Sie schon glauben, jetzt geht nichts mehr. Übergeben Sie gerade dann Jesus das Wasser des Alltags, damit er es wandle in den Wein seiner Liebe. Lassen Sie nicht zu, dass die Freude einen Dämpfer bekommt, dass das Fest sich verläuft, rechnen Sie mit den größeren Möglichkeiten Gottes.

Sämtliche Texte der Lesungen vom 2. Sonntag im Jahreskreis (Lesejahr C) finden Sie hier.