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Buch-Autor und Jurist Frank Czerner nach Gerichtsurteil über Berliner Bischofskirche

„Umbau der Hedwigs-Kathedrale zerstört historische Gedenkorte“

Das Bezirksamt Berlin-Mitte hat den Bauantrag zur Umgestaltung der Hedwigs-Kathedrale genehmigt. Frank Czerner hat soeben ein Buch mit dem Titel "Sakral-Denkmal" im Dialogverlag Münster veröffentlicht. Was sagt er zu dieser umstrittenen Entwicklung?

Die katholische Kathedrale St. Hedwig in Berlin stammt zwar aus dem 18. Jahrhundert, sie wurde im Zweiten Weltkrieg massiv zerstört, doch 1963 baute Architekt Hans Schwippert sie innen modern wieder auf. Im Zentrum: eine Bodenöffnung vor dem Altar mit einer Treppe, die zur Grablege der Bischöfe und des seligen Dompropstes Bernhard Lichtenberg (1875-1943) führt. Nun soll die Bischofskirche umgebaut - und die Bodenöffnung geschlossen werden. Das Bezirksamt Berlin-Mitte hat gerade den Bauantrag genehmigt. Denkmalpfleger und Kritiker im Erzbistum Berlin sind entsetzt. Frank Czerner hat soeben ein Buch mit dem Titel "Sakral-Denkmal" im Dialogverlag Münster veröffentlicht. Was sagt er zu dieser Entwicklung?

In Ihrem neuen Buch „Sakral-Denkmal“ bewerten Sie architektonische Entwürfe zum Umbau der St.-Hedwigs-Kathedrale in Berlin. Worum geht es im Kern?

Im Wesentlichen geht es bei der Vorstellung der Architekturentwürfe zur Renovierung der St.-Hedwigs-Kathedrale um die Frage, auf welche Weise das Gedenken an Dompropst Bernhard Lichtenberg in heutiger Zeit ansprechend wachgehalten werden kann. Architektur hat (auch) die Aufgabe, historische Erinnerung nachhaltig-sichtbar in die Gegenwart und in die Zukunft zu transportieren. Zahlreiche der von mir für das Buch ausgewählten Modellentwürfe hätten diese Aufgabe in der Berliner Kathedrale ästhetisch ansprechend erfüllt. Die Architekten verdienen eine Würdigung ihrer espritreichen Entwürfe.

Wie bewerten Sie die Nachricht, dass der Bauantrag zur Sanierung und Umgestaltung der Hedwigs-Kathedrale am 30. Juli 2020 genehmigt worden ist?

Es ist traurig zu sehen, dass trotz massiver Proteste und Einwände unter einseitiger Berufung auf vermeintlich vorrangige „liturgische Belange“ der Denkmalschutz nahezu ausgehebelt und historische Gedenk-Orte zerstört werden. Dagegen schreibe ich an, und deshalb ist mein Buch "Sakral-Denkmal" aktueller denn je.

Von Haus aus sind Sie Jurist und haben an der Hochschule Mittweida schwerpunktmäßig mit den Fachgebieten Strafprozessrecht, Medizinrecht und Kinderrechten zu tun. Was hat Sie bewogen, über Sakralarchitektur zu schreiben?

Frank CzernaFrank Czerner ist Rechtswissenschaftler an der Hochschule Mittweida mit den Schwerpunkten Straf- und Strafprozessrecht, Medizinrecht, Kinderrechte. Mit besonderem Interesse widmet er sich denkmalrechtlichen Fragen sowie moderner Sakralarchitektur. | Foto: Holger Vogel

Abwägungs- und Ermessensentscheidungen im Denkmalschutz unterscheiden sich nicht grundsätzlich von jenen der Corona-Schutz-Verordnung oder des Strafvollzugs. Ich interessiere mich besonders für moderne Kirchen: Wenn ich die Ideen der Architekten erkennen, im Baukörper „ablesen“ kann, schlägt mein Herz höher. Viele Wege führen nach Rom - ich nähere mich sakraler Architektur auch auf rechtlichem Weg. Mein Interesse an Sakralarchitektur wurde durch den Anfang dieses Jahres 100 Jahre alt gewordenen genialen Kölner Architekten Gottfried Böhm und seinen Mariendom in Velbert-Neviges, den ich in "Sakral-Denkmal" auch würdige, im Alter von acht Jahren geweckt.

Was fasziniert Sie an der Persönlichkeit von Dompropst Bernhard Lichtenberg, dessen Grabstätte in der St.-Hedwigs-Kathedrale Ihrer Meinung nach unbedingt erhaltenswert ist?

Dompropst Bernhard Lichtenberg ist, genau wie Bischof Sproll (Rottenburg), Kardinal von Galen (Münster) und der Erzbischof von Toulouse, Kardinal Saliège, ein mutiger Glaubenszeuge, der jüdischen Mitbürgern das Leben gerettet hat. Lichtenberg ist ein wichtiger Mahner auch in heutiger Zeit, gegen Fremdenfeindlichkeit, für Solidarität und konsequent gelebter Nächstenliebe – selbst wenn es das eigene Leben kostet. Dieses Glaubenszeugnis soll an diesem repräsentativen Ort der Bundeshauptstadt im liturgischen Vollzug der Eucharistie mit bedacht werden können. Die Person Lichtenbergs, der hoffentlich bald heiliggesprochen werden kann, ist mir beim Schreiben im Laufe der Zeit immer vertrauter geworden.

Was genau stört Sie an dem Renovierungskonzept für die St.-Hedwigs-Kathedrale, welches das Erzbistum Berlin bevorzugt?

Das vom Erzbistum Berlin ausgewählte Renovierungskonzept eliminiert die Figur Lichtenbergs im Kirchenraum. Optisch wird durch die Schließung der Bodenplatte zum Ausdruck gebracht: „Es ist genug, wir wollen nicht ständig an die Wunden des Krieges erinnert werden.“ Lichtenberg wird zwar in der neu zu gestaltenden Krypta gewürdigt, aber nach 2023 wird der Bezug zur Gottesdienst feiernden Domgemeinde fehlen. Das ist kein angemessener Umgang mit unserer Geschichte und wird dem Auftrag der Aussöhnung, den wir angesichts unserer historischen Schuld, der Shoah, nicht zuletzt auch gegenüber dem jüdischen Volk, generationenübergreifend zu erfüllen haben, nicht gerecht.

Sind Ihnen Kirchen in Deutschland bekannt, denen es vorbildlich gelungen ist, in ihrer architektonischen Gestaltung zeitgemäßen Raum für Liturgie und Erinnerung an die Vergangenheit zu vereinen?

Die in meinem Buch ebenfalls vorgestellte Gedenkkirche Regina Maria Martyrum, ist ein Sakralbau von Hans Schädel, der das Gedenken an die Nazigräuel in den Mittelpunkt seiner monumentalen Architektur stellt. Nur so ist der an einen militärischen Appellplatz erinnernde Feierhof vor der Kirche zu verstehen. Die evangelische Versöhnungskirche auf dem Areal des ehemaligen KZ Dachau, in die man langsam hinabschreitet wie in eine dunkle Höhle, hat diese Erinnerung als Botschaft architektonisch ausgezeichnet durchdekliniert. Die Abteikirche Königsmünster der Benediktiner in Meschede, die in meinem nächsten Buch eine zentrale Rolle spielen wird, hat in ihrem Kirchenraum Salbsteine, darunter einen Stein aus dem KZ Dachau, gut sichtbar unter den Apostelleuchtern im Mauerwerk eingelassen. Hier ist Erinnerung an das Leid des Holocaust optisch in jeder heiligen Messe erkennbar und architektonisch in die Konstruktion dieses Sakralbaus eingeschrieben. Diese Salbsteine tragen ihn und prägen das innere Antlitz jener Abteikirche.

Welche Hoffnung verbinden Sie mit Ihrem Buch? Welche Leserinnen und Leser möchten Sie hauptsächlich erreichen?

Natürlich versuche ich mit meinem Buch, unsere Hedwig zu „retten“. Noch sind Rechtsmittel gegen die bereits getroffenen behördlichen und gerichtlichen Entscheidungen vom Juli 2020 möglich. Mein Buch an den Schnittstellen zwischen Recht, Theologie, Architektur und Gedenkstättenarbeit wendet sich an kunstgeschichtlich und architektonisch Interessierte wie an Juristen und an Gläubige. Nicht zuletzt liegt mir die Förderung des christlich-jüdischen Dialogs am Herzen: Lichtenberg hat von Yad Vashem die höchste Auszeichnung des Staates Israel erhalten. Das ist für uns Erbe und Auftrag zugleich und wir müssen im Dialog bleiben, auch angesichts der weltpolitischen Lage und der Situation im Nahen Osten.

Wie findet man als vielbeschäftigter Jurist Zeit und Kraft, ein aufwändiges Buch über ein ganz anderes Thema zu schreiben – inklusive aller damit verbundener Recherchen und Reisen?

Die Aufgaben in Lehre und Forschung an der Hochschule haben Vorrang. Ich bin ein „juristischer Grenzgänger“, und ich wollte in eine Schnittstelle zwischen Recht und Architektur vordringen, die mich zunehmend fasziniert: moderne Sakralarchitektur. Vor allem die Bauten der iranischen Star-Architektin Zaha Hadid (+2016) haben es mir angetan: Eine steingewordene Symbiose aus Mathematik und Ästhetik.

Sie beschäftigen sich nicht nur mit Juristerei und Sakralarchitektur, sondern musizieren selbst auch gern an Kirchenorgeln. Welche Erfahrungen sind Ihnen dabei wichtig?

Wenn ich nicht 18 Semesterwochenstunden an „meiner“ Hochschule Mittweida unterrichte, nicht schreibe, Rad fahre oder mit meiner Laufgruppe unterwegs bin, spiele ich auf unserer Mittweidaer Orgel. Infolge meiner „Notenallergie“ muss ich improvisieren. Seit ich den früheren Kevelaerer Basilika-Organisten und heute in Berlin lehrenden Wolfgang Seifen das erste Mal im Bonner Münster an der Orgel erleben durfte, weiß ich, dass man mit der Orgel lachen und weinen, den Ozean mit Stakkato-Gewitter erzittern, die Sterne funkeln lassen, singen und beten kann. Seifens Gedicht "Poème" beschließt überdies mein Buch "Sakral-Denkmal".

Neues Buch über die Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale
Mit der Berliner St.-Hedwigs-Kathedrale, der Confessio und der Krypta mit dem Grab des seligen Bernhard Lichtenberg ist 2020 im Dialogverlag Münster das Buch "Sakral-Denkmal" von Frank Czerner erschienen. Auf 204 Seiten beschäftigt mit 70 Abbildungen beschäftigt er sich zum 250. Geburtstag der Bischofskirche 2023 mit den architektonischen Wandlungen des Raumes: "Es stellt sich die Frage, auf welche Weise eine Renovierung erfolgen darf, um die Erinnerung an die Vergangenheit in eine zetigemäße und einladende architektonische Formensprache zu übersetzen, die von Christen, von Nicht-Christen und auch von Nicht-Gläubigen verstanden werden kann."
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