Ziel: „Praktisch erleben, wie Pflege heute geht“

Berliner Erzbischof Koch macht Praktikum im Pflegeheim

„Sie haben ein schönes Lächeln.“ Auch am Bett von Gisela Fiedrowicz ist Heiner Koch so charmant, wie man ihn kennt. Die 94-Jährige nimmt es mit sichtlicher Freude auf. Auch dass ein echter Erzbischof ihr bei der morgendlichen Körperpflege das Gesicht behutsam abtupft.

Berlins katholischer Oberhirte ist am Dienstagmorgen in ungewöhnlicher Rolle unterwegs. Als „Praktikant“ im Caritas-Seniorenzentrum Sankt Konrad in Berlin-Oberschöneweide, im weißen Polohemd mit rotem Caritas-Emblem und Namensschild. „Ich will praktisch erleben, wie Pflege heute geht“, erklärt Koch. Aus diesem Grund macht auch die Berliner Caritasdirektorin Ulrike Kostka mit.

Betten machen, rasieren, Abfall entsorgen

Einen halben Tag lang sind sie in der Einrichtung mit 89 Heimplätzen und einer Tagespflege unterwegs. Betten machen, rasieren, Essen anreichen, aber auch schmutzige Wäsche und Abfall entsorgen. Das ungewöhnliche Duo soll einen realistischen Einblick in den Heim-Alltag erhalten, erklärt Stationspfleger Matthias Bauerkamp.

Sein beifälliges Nicken verrät, dass er mit seinen Kurzzeit-Praktikanten überaus zufrieden ist. „Wie geht es Ihnen, woher kommen Sie“, lädt Koch immer wieder zu einem Schwätzchen ein. Dankbar gehen seine zumeist hochbetagten Gesprächspartner darauf ein. „Wie schön, dass Sie Zeit für mich haben“, freut sich eine alte Dame.

Alltag sieht anders aus

Entspannt wie an diesem Vormittag geht es auch in dem Caritas-Heim nicht immer zu. Der notorische Personalmangel im Pflegebereich erhöht den Druck auf die Mitarbeiter. Hoher Krankenstand und häufige Berufsaufgaben sind die Folgen. Ein Teufelskreis.

Ein weitere Hürde verhindert, dass eigentlich engagierte Kräfte die Situation verbessern. Jana Wernitz kann den „Praktikanten“ aus eigener Erfahrung darüber berichten. Acht Jahre hat die 40-Jährige als Pflegehelferin gearbeitet und macht nun eine Ausbildung in dem Beruf. Doch die Lehrjahre sind zugleich mit erheblichen finanziellen Einbußen verbunden, die andere von einer solchen Qualifizierung abschrecken.

Koch: Mehr Steuergelder für Pflege

Mit Blick auf diesen Missstand nutzt Caritas-Chefin Kostka den Abstecher in die Pflegepraxis auch für konkrete Forderungen an die Politik. Sie plädiert für Pflegestipendien in Höhe von 500 Euro monatlich, die das Land Berlin und die Arbeitgeber jeweils zur Hälfte finanzieren sollen. Das Angebot soll es Hilfskräften erleichtern, ihren Lebensunterhalt auch während der Ausbildung zu bestreiten. Zudem forderte Kostka, bereits erworbene Pflegequalifikationen bei der Fachausbildung anzuerkennen, um diese deutlich zu verkürzen.

Auch Erzbischof Koch sieht sich durch das Schnupperpraktikum bestärkt, für eine „viel höhere gesellschaftliche Priorität und Anerkennung“ der Pflege einzutreten. So tritt er für eine stärkere Finanzierung durch die gesamte Gesellschaft ein, etwa aus Steuereinnahmen. „Kostensteigerungen dürfen nicht allein an Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen hängen bleiben“, warnt Koch, der die Kommission für Ehe und Familie der Deutschen Bischofskonferenz leitet.

Was den Bischof am meisten berührt hat

Er und Kostka sehen auch die eigene Adresse in der Pflicht. Sie werben für mehr „Patenschaften“ der Heime mit anderen kirchlichen Einrichtungen, wie es die laufende Gemeindereform des Erzbistums Berlin anstrebt.

Doch es sind nicht zuerst die Anregungen für das kirchliche oder politische Tagesgeschäft, die bleiben. „Am meisten berührt“ hat Erzbischof Koch die Begegnung mit Elisabeth Strauch. Knieend hat er der 94-Jährigen die Füße gewaschen und eingecremt. „Wieviele Kilometer ist sie als Landarbeiterin wohl damit gelaufen?“, sinniert der Familienbischof. „Haben nicht sie und alle anderen Bewohner des Heims das Recht, ihr Leben in Würde und Wertschätzung zu beenden?“