Geschäftsführer von "Eckiger Tisch" greift katholische Kirche an

Betroffenen-Vertreter Katsch zur Aufarbeitung: Bischöfe schizophren

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Der Geschäftsführer der Betroffenen-Initiative "Eckiger Tisch", Matthias Katsch, hat die Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche kritisiert. "Was wir bis jetzt erlebt haben, ist vielfach nur eine Simulation von Aufarbeitung", sagte Katsch, der bei der Bundestagswahl für die SPD im baden-württembergischen Offenburg kandidiert, im Interview mit dem Evangelischen Pressedienst.

Herr Katsch, Sie haben 2010 den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche öffentlich gemacht. Sind die Erwartungen der Opfer erfüllt worden?

Nein, sicher nicht. Wir fordern weiterhin Aufklärung sowie Hilfe und Entschädigung. Wir wollen eine ernsthafte Aufklärung. Was wir bis jetzt erlebt haben, ist vielfach nur eine Simulation von Aufarbeitung.

Warum fällt dies der katholischen Kirche so schwer?

Grundlegendes Problem ist die Scheu, über Missbrauch zu sprechen. Das gilt nicht nur für die Kirche, sondern ebenso für Gesellschaft und Politik. Man will dem unangenehmen Thema, das Angst macht und verunsichert, ausweichen. Dieses Unbehagen beim Thema Sexualität verweist auf die überkommene Sexualmoral der katholischen Kirche und ihrem, wie ich es nenne, vormodernen Verständnis von Sexualität. Dabei kann man sehen, dass die katholische Kirche nicht mit der Moderne zurechtkommt. Sie reitet immer noch neurotisch auf dem Thema Sexualität rum, als ob Fortpflanzung das wichtigste auf der Welt wäre.

Liegt das Problem nicht auch in den Strukturen?

Bei Auswertung von 38.000 Personalakten von Priestern wurden fünf Prozent der Priester in Deutschland als Täter identifiziert. Das zeigt ein systemisches Problem in der Art, wie Lehre und Struktur zusammenkommen. Das fängt an mit der Lehre von der Sündhaftigkeit des Menschen und geht weiter mit dem Umgang mit Macht. Die Bischöfe sind kleine Könige. Sie haben keine Rechenschaftspflicht gegenüber ihrem Kirchenvolk oder der Öffentlichkeit. Dazu kommt das Männerbündische. Daher ist es sehr schwer, innerhalb des Systems etwas aufzuklären. So gibt es etwa auch keine Transparenz etwa in der Aktenführung.

Es müsste also mehr Aufklärung geben?

Die Webseite der Organisation "Eckiger Tisch" erreichen Sie unter: eckiger-tisch.de.

Die Bischöfe verhalten sich schizophren. Viele wollen ehrlich aufklären. Aber der Wunsch, die Institution zu schützen, überwiegt. Da schwingt auch die Angst mit, dass die Institution kollabiert, wenn man etwas an den grundlegenden Dingen verändert. Es muss eine Diskussion geben über die Machtverteilung in der Kirche. Wie können wir Machtmissbrauch verhindern? Am gravierendsten sehe ich in dieser Hinsicht das Sexualitätsverständnis. Ich weiß nicht, ob die Institution es schafft, sich da aus sich heraus zu erneuern.

Wäre ein Rücktritt von Bischöfen ein richtiger Schritt?

Das Rücktrittsgesuch von Kardinal Marx war ein starkes Zeichen, denn er hat ohne Zwang von außen seinen Rücktritt angeboten. Durch Rücktritte allein ändert sich das System aber nicht.

Welche Rolle spielt die Politik?

Nach Bekanntwerden der Vorfälle 2010 richtete die Bundesregierung einen Runden Tisch ein mit der Haltung: "Wir haben etwas getan und damit ist es gut." Verjährungsfristen haben mit dazu geführt, dass nicht ermittelt werden konnte. Die Fristen sind zwar verlängert worden, aber das gilt für die Zukunft. Aber die Aufarbeitung ist längst nicht zu Ende, auch weil der Staat sich beharrlich weigert, seine Verantwortung anzuerkennen. Er muss dafür sorgen, diese Verbrechen aufzuklären, auch wenn sie wegen der Verjährung strafrechtlich nicht sanktionierbar sind. Respekt und Scheu vor der Kirche haben dazu geführt, dass da wenig konsequent gehandelt wurde und es bislang nicht gelungen ist, Gerechtigkeit oder Ausgleich herzustellen.

Was müsste sich da ändern?

Es ist schier unmöglich, in Deutschland als Opfer auf eine Entschädigung gegen eine Institution zu klagen. Denn das Vertuschen der Kirche ist keine Straftat. Das sollte sich ändern. Was an dem Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche noch nicht richtig verstanden wurde, ist der institutionelle Aspekt. Eine große Religionsgemeinschaft hat, weltweit koordiniert und mit Anweisung aus der Zentrale in Rom, dafür gesorgt, dass Missbrauchstäter nicht belangt, sondern geschützt wurden. Opfer wurden dagegen systematisch marginalisiert und zum Schweigen gebracht, um die Kirche vor einem Skandal zu schützen. Sexuelle Gewalt ist immer furchtbar, aber es gibt keine vergleichbare Institution, die in dieser Weise Täter geschützt und Opfer zum Schweigen gebracht hat.

Wo sehen Sie die Rolle der Gesellschaft?

Es ist beschämend, wenn der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet sagt, die Aufarbeitung sei eine innere Angelegenheit der Kirche. Da frage ich mich, auf welchem Planeten er die vergangenen zwölf Jahre gelebt hat. Die Gesellschaft muss schauen, dass Sicherungsmechanismen in Kraft sind. Das gilt besonders dann, wenn Kirchen in der Bildung und Erziehung so eine große Rolle spielen. Wenn wir ihnen unsere Kinder anvertrauen, müssen wir auch kritisch auf die Vorstellungen von Sexualmoral der katholischen Kirche schauen, die krankmachend sind. Wir können doch heute keine siebenjährigen Kinder mehr zur Beichte schicken, wegen angeblich unreiner Gedanken. Das passiert tatsächlich immer noch.

Muss sich die Kirche also grundlegend verändern?

Eine Reform der Kirche ist letztlich nur durch Umsturz oder eine Revolution möglich - entweder von unten oder von oben. Der synodale Weg ist dagegen nur eine Simulation von Beteiligung, wie der Kirchenrechtler Norbert Lüdecke sagt. Zu fragen ist: Wem gehört die Kirche in Deutschland? Ziviler Ungehorsam ist eine Möglichkeit. Etwa wenn Priester homosexuelle Paare segnen oder die Laien sich weigern, Kirchensteuern zu zahlen, und damit dem System den Geldhahn zudrehen.

Ist ein Kirchenaustritt eine Option?

Ein Kirchenaustritt führt aber nicht zur Veränderung, sondern eher zu einer Verhärtung. Denn dann besteht die Gefahr, dass nur noch Mitglieder übrigbleiben, die der jetzigen Struktur zustimmen. Dadurch sehe ich die Gefahr, dass die Kirche zu einer Großsekte verkommt.

Sind Sie noch Kirchenmitglied?

Ich war noch lange Mitglied, selbst nach Bekanntmachen der Missbrauchsfälle. Als ich dann aber 2014 miterlebt habe, wie ein Bischof bewusst über einen meiner Täter gelogen hat, musste ich mir sagen: Das System kannst du mit deiner Kirchensteuer nicht unterstützen. Deshalb bin ich ausgetreten.