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Bilanz der Reise in das westafrikanische Land

Bischof Genn in Mauretanien: Extreme Armut und engagierte Kirche

Münsters Bischof Felix Genn hat in den vergangenen Tagen Nouakchott, die Hauptstadt der Islamischen Republik Mauretanien, besucht. Im Interview zieht er eine Bilanz der Reise.

Münsters Bischof Felix Genn hat in den vergangenen Tagen Nouakchott, die Hauptstadt der Islamischen Republik Mauretanien, besucht. Gemeinsam mit Weihbischof Stefan Zekorn war Genn zu Gast bei Bischof Martin Happe, der aus Sendenhorst bei Münster stammt. Anlass war das 50-jährige Jubiläum der Errichtung der Kathedrale und die Weihe ihres neuen Altars. Genn und Zekorn besuchten auch kirchliche Einrichtungen wie einen Kindergarten, eine Anlaufstelle für Flüchtlinge, eine Einrichtung für Kinder mit Behinderung und ein Caritas-Zentrum für Jugendliche aus benachteiligten Familien.

Herr Bischof, was hat Sie auf der Reise am meisten beeindruckt?

Zum einen habe ich in Mauretanien eine sehr große Spannung zwischen Armut und Reichtum erfahren. Die Armut, die ich gesehen habe, schreit zum Himmel. Sie erscheint mir noch massiver, als ich das im März bei meiner Reise nach Peru und Brasilien erlebt habe. Zum anderen dufte ich erfahren, wie eine kleine Ortskirche doch ein „Zeichen ist für das Licht der Völker, das Jesus Christus ist“, wie es das Zweite Vatikanische Konzil sagt. In Nouakchott durfte ich erleben, dass Kirche auch dort natürlich Verkündigung, Liturgie und Katechese ist. Vor allem zeigt sich Kirche hier aber durch eine gelebte Nächstenliebe und den Dienst an den Ärmsten der Armen.

Wie haben Sie die Christinnen und Christen erlebt?

Sie bekennen sich in Mauretanien sehr bewusst zu ihrem Glauben. Die Pfarrei ist für sie Heimat. Das gilt verstärkt dadurch, dass die Christinnen und Christen in Mauretanien ursprünglich aus vielen anderen afrikanischen Ländern kommen. In einer vollkommen vom Islam geprägten Gesellschaft sind sie mit ihrem Glaubenszeugnis einfach da. Dabei stellen sie sich ohne Furcht und Scheu und mit großer Offenheit dem Dialog mit dem Islam. Das gilt auch für die Arbeit in der Pfarrei oder bei der Caritas. In dem Projekt der Caritas, das wir besucht haben, arbeiten nur muslimische Frauen und Männer. Eine besondere Anerkennung gilt Bischof Martin Happe. Sein Engagement kann nicht hoch genug gewürdigt werden. Die Menschen in Nouakchott kennen und schätzen ihn. Er hat nichts von einem „Hochwürden“ an sich. Wer Bischof Happe ist, weiß vielleicht nicht jeder, aber wenn der Name Martin fällt, wissen alle Bescheid.

Sie sind mit Ordensfrauen verschiedener Gemeinschaften zusammengekommen, die sich in Nouakchott engagieren. Wie haben Sie diese Frauen erlebt?

Gäste und Gastgeber (von links): Bischof Felix Genn, Bischof Martin Happe und Weihbischof Stefan Zekorn. | Foto: pbm
Gäste und Gastgeber (von links): Bischof Felix Genn, Bischof Martin Happe und Weihbischof Stefan Zekorn. | Foto: pbm.

Was die Ordensfrauen leisten, ist unglaublich. Es sind sehr mutige und engagierte Frauen, die sich für die einsetzen, die ansonsten keine Hilfen erhalten. Insbesondere kümmern sie sich darum, dass Frauen gefördert werden: Es gibt Angebote zur Alphabetisierung und zur beruflichen Entwicklung. Dabei werden die Frauen nicht nur in Berufen ausgebildet, die vielleicht eher als klassische Frauenberufe erscheinen mögen, also etwa als Näherinnen oder Friseurinnen, sondern auch für die IT-Branche. Besonders beeindruckt hat mich der Besuch mit Schwester Mercedes von den Vinzentinerinnen in einer riesigen Baracken-Siedlung. Kaum wurde sie gesehen, kam ein Vater und führte sie zu seinem schwerkranken Sohn. Die Botschaft von Schwester Mercedes an die besorgten Eltern war einfach: „Ich werde mich darum kümmern.“

Morgens gegen vier Uhr weckt der Ruf des Muezzins die Menschen. Wie fremd war das?

Das war schon fremd, aber ich habe mich auch daran gewöhnt. Der Ruf durchzieht den ganzen Tag. Meine persönliche Beobachtung war allerdings die, dass längst nicht alle dem Ruf folgen. Viel befremdlicher war für mich, zu hören und zu erfahren, dass die Frauen in der vom Islam geprägten Gesellschaft eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Auch hier setzen die Ordensfrauen an, indem sie muslimischen Frauen ein anderes Selbstwertgefühl vermitteln.

Sie haben die Armut in Nouakchott gesehen. Was ging Ihnen durch den Kopf?

Über den Besuch in der Baracken-Siedlung habe ich schon gesprochen. Schwester Mercedes weiß und sieht, dass die Not so groß ist, dass die Arbeit von ihr und ihren vier Mitschwestern in Nouakchott nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein kann. „Was können wir tun? Die Armut ist einfach zu groß“, hat sie uns gesagt. Aber sie resigniert nicht, sondern gibt ein beispielhaftes Zeugnis. Ein anderes Beispiel ist eine katholische Einrichtung für Kinder mit Behinderung. Es ist die einzige dieser Art in der Millionenstadt Nouakchott. Kinder mit Behinderung werden ansonsten oft zu Hause eingesperrt, haben uns die Schwestern erzählt. Und den Müttern wird meist die „Schuld“ für die Behinderung des Kindes gegeben. Auch da setzt die Einrichtung dagegen. Schließlich mussten wir sehen, dass die Häuser der wenigen Reichen in Nouakchott oft direkt neben den Baracken derjenigen stehen, die für sie arbeiten. Schärfer kann ich mir den Gegensatz zwischen Arm und Reich nicht vorstellen.

Welchen Ausweg sehen Sie?

Ich bin da ehrlich gesagt etwas ratlos. Was aber sicher stimmt ist das, was Papst Franziskus im Blick auf das kapitalistische Wirtschaftssystem gesagt hat: „Diese Wirtschaft tötet.“ Das ist in Nouakchott so, und hier muss gemeinsam gegengesteuert werden.

Sie haben die Armut in Mauretanien erlebt. Was sagen Sie denen, die in Deutschland gegen afrikanische Flüchtlinge hetzen?

Diesen Menschen sage ich: Schaut Euch die Armut in Nouakchott und an anderen Orten Afrikas an. Wenn ich das sehe, wundere ich mich, dass es überhaupt Menschen gibt, die dort bleiben. Und zugleich ist es unvorstellbar, was Flüchtlinge alles auf sich nehmen, um nach Europa zu kommen.

Sind die politischen und kirchlichen Anstrengungen angesichts des Ausmaßes der Armut nicht zu halbherzig?

Es bräuchte einen wirklichen Schulterschluss von Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Intelligenz, um die Situation grundlegend zu ändern. Und eine radikalere Umkehr brauchen wir gerade auch angesichts der Zerstörung der Umwelt. Die Müllproblematik etwa ist in Mauretanien schon im Straßenbild sehr sichtbar.

Was können die Menschen in Deutschland tun?

Jede und jeder Einzelne ist gefordert, sich sensibler und bewusster zu verhalten. Das fängt beim eigenen Konsumverhalten an. Kaufe ich bei Firmen, die im Blick auf die Bekämpfung der Armut oder die Bewahrung der Schöpfung alles andere als vorbildlich sind? Deren Produkte sollten bei uns nicht mehr auf den Tisch oder in den Kleiderschrank kommen. Und wir müssen vielleicht noch genauer überlegen, wie eine nachhaltige Hilfe aussehen kann: Zwar ist es erst einmal kurios, wenn ich in Nouakchott einem Wasserlieferanten mit einem Esel begegne und der Mann trägt eine Sportjacke des BVB. Sicher können Kleidersammlungen auch kirchlicher Organisationen in mancher Hinsicht sinnvoll sein. Sollten wir aber nicht eher die Menschen vor Ort in die Lage versetzen, in kleinen Betrieben ihre eigene Kleidung herzustellen?

Wir feiern in Kürze Weihnachten. Wenn Christus heute in einer Holzbaracke einer armen Familie in Nouakchott geboren würde...

...dann wüsste ich ehrlich gesagt auch nicht, wie die Geschichte weitergehen würde. Sicher ist aber: Die Krippe von heute ist die Baracken-Siedlung in Afrika.

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