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Matthias Remenyi zum Umgang der Bischöfe mit geistlichem Missbrauch

Die Kirche tut sich schwer mit ihren charismatischen Zerstörern

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Wie geht die katholische Kirche mit geistlichem Missbrauch um? Haben die Bischöfe dieses Thema im Blick? Die Kirche tut sich schwer damit, kommentiert Matthias Remenyi und fordert eine Veränderung von Strukturen.

Papier ist geduldig. Umso mehr, wenn es sich um allgemeine Verlautbarungen handelt. Wer weiß heute noch, dass die deutschen Bischöfe Anfang März ein Wort zur Seelsorge veröffentlicht haben? Titel: „In der Seelsorge schlägt das Herz der Kirche“. Doch was betulich klingt, hat es in sich, wenn es um Missbrauch im seelsorglichen Kontext geht. Dem nämlich ist ein eigenes Kapitel gewidmet.

Geistlicher Missbrauch, so bringt es Doris Reisinger auf den Punkt, ist die Missachtung der spirituellen Selbstbestimmung. Für Klaus Mertes liegt dessen Kern in der Verwechslung von Seelsorgenden mit der Stimme Gottes. Die Grenzen zwischen spirituellem und sexuellem Missbrauch sind fließend, oft wird aus der geistlichen die körperliche Übergriffigkeit. Viele sogenannte Neue geistliche Gemeinschaften bieten dafür ein bitteres Anschauungsfeld. Eine charismatische Führungsperson beansprucht, den Willen Gottes zu kennen und verbindlich auszulegen – und verlangt dafür einen Gehorsam des Glaubens, der bis zur Aufgabe der eigenen seelischen und körperlichen Integrität reicht. Egal, ob es sich um die Legionäre Christi, die Schönstatt-Bewegung oder die Katholische Integrierte Gemeinde handelt: Die Grenzverletzungen folgten einem ähnlichen Muster. Scheinbar göttlich legitimierte Macht wird für eigene Zwecke missbraucht, mit zerstörerischen Folgen für die Betroffenen.

Totalitäre Auswüchse der Gemeinschaften

Der Autor
Matthias Remenyi ist Professor für Fundamentaltheologie und vergleichende Religionswissenschaft an der Universität Würzburg. Studium der Theologie und Pädagogik in Freiburg i.Br., Promotion 2005 in Freiburg, Habilitation 2016 in Innsbruck, nach akademischen Stationen in Aachen und Berlin nun seit 2017 in Würzburg.

Die Kirche tut sich schwer im Umgang damit. Vielleicht, weil diese Gruppen Lieblingskinder der Päpste Johannes Paul und Benedikt waren. Vielleicht aber auch, weil sich in ihnen wie unter einem Brennglas viele der Defizite erkennen lassen, die die Kirche insgesamt daran hindern, sich ehrlich der Vergangenheit zu stellen und mutig der Gegenwart zu öffnen. Die totalitären Auswüchse der fromm daherkommenden, de facto aber sektiererischen Gemeinschaften werfen Fragen auf, die auch den Nerv der Großkirche treffen: Wer hat bei uns die Macht, über den Willen Gottes zu verfügen und ihn autoritativ auszulegen? Wie steht es um Erkenntnislehre und Auslegungsregeln der göttlichen Offenbarung? Was zählen bei uns die Freiheit der Kinder Gottes und die Mündigkeit des Glaubens?

Die Bischöfe kritisieren in ihrem Papier ein seelsorgliches Verhalten, das die Autonomie der Person missachtet. Sie haben allen Grund, diese Kritik nicht nur an die seelsorgliche Zweierbeziehung, sondern an die kirchliche Lehre und die daraus erwachsenden Strukturen anzulegen.

In unseren Gast-Kommentaren schildern die Autor:innen ihre persönliche Meinung zu einem selbst gewählten Thema. Sie sind Teil der Kultur von Meinungsvielfalt in unserem Medium und ein Beitrag zu einer Kirche, deren Anliegen es ist, die Zeichen der Zeit zu erkennen.

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