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Uli Jost-Blome geht nach 15 Jahren in der Fachstelle Weltkirche in den Ruhestand

Ein Leben für die Entwicklungsarbeit

  • Uli Jost-Blome geht als Leiter der Fachstelle Weltkirche im Bistum Münster in den Ruhestand.
  • Seit 50 Jahren engagiert er sich für die Entwicklungsarbeit.
  • Wichtige Grundsteine dafür waren der Kontakt zu Missionaren in seiner Kindheit und die politische Arbeit im Studium.

Es gibt ein Schwarz-Weiß-Foto, auf dem der kleine Uli mit seiner Tante Paula am Kaffeetisch sitzt. Der Dreijährige liest der Missionsbenediktinerin aus dem Buch Struwwelpeter vor. Die Tante, Schwester Helmwarda, war Missionarin in Tansania und die Begegnungen mit ihr nicht nur herzlich, sondern immer faszinierend und exotisch. Allein die Luftpost von ihr aus Afrika verbreitete den Geschmack der großen, weiten Welt. „Die Briefmarken waren bunt, darauf Löwen, Zebras und Antilopen“, erinnert sich Uli Jost-Blome heute, fast 60 Jahre danach.

Es war eine Welt, die weit weg war. Keine Globalisierung, kein Internet, keine tägliche Berichterstattung der Medien brachten die Kontinente näher an seinen Heimatort Recke. Die Arbeit der Missionare aber war präsent und damit die einzige Quelle, aus dem sein kindliches Bild von der Erdkugel entstand. „Meine Familie spendete für die Mission, wir lasen Missionsblättchen, bekamen Besuche von Patern oder Ordensschwestern, die weit weg im Einsatz waren.“

Von der Romantik zum politischen Handeln

Es war ein romantisches Bild damals. „Diese Menschen waren Vorbilder“, sagt Jost-Blome. „Sie gaben für ihren Glauben alles hier auf, gingen in andere Kulturen, zu fremden Menschen, in unbekannte Landschaften.“ Wilde Tiere, schwülwarmes Klima und Kulturschock inklusive. Das war so aufregend, dass ihm sein Freund Norbert nach einer Predigt des bekannten Brasilien-Missionars Pater Beda in der Kirchenbank die Frage zuraunte, wann Jost-Blome wohl in die Mission gehen würde. „Damals war das alles andere als weit hergeholt.“

Etwas von dieser Romantik ist bis heute geblieben. Sie war ein wichtiger Impuls für ihn, seinen Blick in die Weltkirche weiter zu schärften, sagt Jost-Blome. Die Blickrichtung blieb, die Auseinandersetzung aber wurde politischer. „Meine Gelenkstelle war meine Studentenzeit“, beschreibt er die wohl prägendste Phase seines Lebens in Sachen Entwicklungsarbeit. Die ihn letztlich auch über einige Stationen in die Fachstelle Weltkirche im Bischöflichen Generalvikariat in Münster brachte. Nach 15 Jahren gibt der 65-Jährige Ende November die Leitung dort ab und geht in den Ruhestand.

Intensive Studienzeit

Begegnungen die Spuren hinterließen: Uli Jost-Blome mit seiner Tante, der Ordensschwester Helmwarda aus der Mission. | Foto: privat
Begegnungen die Spuren hinterließen: Uli Jost-Blome mit seiner Tante, der Ordensschwester Helmwarda aus der Mission. | Foto: privat

Wenn Jost-Blome von jenem Lebensabschnitt berichtet, in dem er in Münster in den 1970er Jahren Theologie, Germanistik und Geschichte auf Lehramt studierte, ist die Intensität jener Zeit herauszuhören. „Meine WG und die Arbeit in der katholischen Studentenbewegung waren wie weitere Studienfächer für mich.“ Es ging immer auch um den Blick in die Weltkirche, um einen befreiungstheologischen Hintergrund, um „ein politisch, sozialistisch angehauchtes Christsein“, sagt er. Seine Wohngemeinschaft war von der internationalen Spiritualität von Taizé geprägt, seine Lektüre jene Zeitungen, die sich kritisch mit dem Nord-Südgefälle auf der Erde auseinander setzten, sein Engagement galt dem fairen Handel, Eine-Welt-Kreisen und Entwicklungshilfe-Projekten.

„Ich weiß, wie es ist, nach dem Gottesdienst im Regen den Klapptisch vor der Kirche aufzubauen, um für einen Brunnenbau Produkte aus Afrika zu verkaufen“, sagt Jost-Blome. „Eine super Zeit.“ Manchmal verkauften sie nur einen Jutebeutel oder ein Pfund fair gehandelten Kaffee, erinnert er sich. Und trotzdem war der Klapptisch in seinen Augen enorm wichtig. „Weil wir damit das Thema Weltkirche auf die Tagesordnung holten.“

Neugierig und naiv nach Afrika

Es war auch die Zeit, als er das erste Mal selbst in ein Entwicklungsland aufbrach. Mit einer Studienkollegin ging es 1976 drei Monate nach Kenia – im Rucksack ein paar Kontaktadressen und eine „riesige Portion Neugier und Naivität.“ Sie sprachen die Landessprache nicht, suchten als Akademiker vergeblich nach Arbeit, standen manchmal etwas verloren in der fremden Welt. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb erlebten sie das, was für ihn bis heute das Herz seiner Arbeit geblieben ist: „Viele einfache Begegnungen in unterschiedlichen Kulissen.“ Im Nobelhotel in Mombasa, im Slum in Nairobi, im Priesterseminar, im Reichenviertel der Großstadt, im weit abgelegenen kleinen Dorf…

„Ohne diese Nähe geht es nicht – sie ist eine unverzichtbare Grundlage für das gegenseitige Verstehen.“ Auch 2020 ist das für ihn noch so. Eine Zeit, die von jenen Tagen in Kenia eigentlich Lichtjahre entfernt zu sein scheint. Denn gerade die Ansprüche, Voraussetzungen und Möglichkeiten weltkirchlichen Engagements haben sich in den vergangenen Jahrzehnten massiv verändert, sagt Jost-Blome. „Klimafragen, Entschuldungskampagnen, religiöse und ethnische Konflikte, Kriege, Globalisierung...“ zählt er auf. „Es ist immer komplexer geworden – ein Schwarz-Weiß-Denken gibt es nicht mehr.“

Globalisierung als Brennglas

Jost-Blome gestaltete die Auseinandersetzung mit diesen Rahmenbedingungen mit, egal in welcher Position und Funktion. Anfangs als Gemeindeassistent der Katholischen Hochschulgemeinde (KHG), dann als Referent für Politische Bildung und Politik des Bistums, später als Dozent für Politik, Zeitgeschichte für Internationale Gerechtigkeit in der katholischen Akademie Franz-Hitze-Haus. Und zuletzt in der Fachstelle Weltkirche.

Bei aller Konstanz, Jost-Blome sagt, dass er sich immer wieder neu ausrichten musste. Vor allem durch das Zusammenwachsen der Kontinente in der Globalisierung. Die unmittelbare Wechselwirkung des eigenen Handelns für Menschen in aller Welt habe den Blick auf die vielen Fehlentwicklungen noch einmal geschärft. „Wenn wir hier an etwas ziehen, schreien in einem fernen Land die Menschen – das wissen wir jetzt.“ Gerade in der Klimafrage und nicht zuletzt bei den Auswirkungen der Corona-Pandemie sei ihm das noch einmal bewusst geworden.

Er will der Welt einen „katholischen Spiegel“ vorhalten

1976 in Nigeria: Uli Jost-Blome feiert mit Einheimischen im Priesterseminar.
1976 in Kenia: Uli Jost-Blome feiert mit Einheimischen im Priesterseminar. | Foto: privat

Umso wichtiger ist es für Jost-Blome, dafür einen „katholischen Spiegel“ zu entwickeln. „Wir müssen deutlich machen, dass es sich bei der Weltgemeinschaft in unseren Augen um eine Lerngemeinschaft handelt, um eine Solidargemeinschaft und um eine Gebetsgemeinschaft.“ Eine „internationale Nächstenliebe“, nennt er das, um dann energisch zu werden: „Die ist katholische DNA und wir haben als Akteure in der Weltkirche verdammt noch mal die Pflicht, das immer wieder anzumerken.“

Und dann nutzt er den Begriff „Augenhöhe“. Das wirkt abgegriffen, klingt wie andere Slogans der 1990er Jahre, etwa: „Entwicklungshilfe ist keine Einbahnstraße.“ Beides ist für ihn aber immer noch hochaktuell, sagt Jost-Blome. „Natürlich kommen die Menschen aus den Entwicklungsländern zumeist als Bittsteller zu uns – so ist die Situation in der Welt, keiner hat sich das so ausgesucht.“ Umso wichtiger ist es in seinen Augen, dem Gegenüber nicht als Pate, sondern als Partner zu begegnen. „Ihm zeigen, dass auch wir etwas von unserer Zusammenarbeit haben.“

Nächstenliebe kann glücklich machen

Aber was? Seine Antwort kommt ohne Zögern: „Ein sinnerfülltes Leben.“ Weil es für ihn immer eine enorm sinnliche Begegnung ist, die Großes bewirken kann: „Wir wissen doch alle, dass wir hier in vielen Dingen das gesunde Maß überschritten haben.“ Konsum zählt er dazu, Umgang mit der Umwelt oder eine vermehrte Individualisierung. „Das macht letztlich nicht glücklich, das geht am Ende nicht auf.“ Jost-Blome nickt kurz und lächelt. Es scheint so, als sage er den folgenden Satz nicht zum ersten Mal: „Wer den Abwehrmechanismus gegen die Nächstenliebe überwindet und spürt, dass diese nicht nur für sich und seine Familie gilt, sondern auch für den Landarbeiter in Peru, der kann damit glücklich werden.“

Er hat die Erfahrung mannigfach gemacht, das ist ihm anzusehen. Wenn die Missionare oder Vertreter von Bistümern aus Übersee in seinem Büro in Münster saßen, waren diese Momente. „Natürlich kamen irgendwann immer die Hüllen mit den Anfragen zur Unterstützung von Projekten aus ihren Taschen“, sagt er. „Aber das war nicht das Wichtigste.“ Er nimmt eines von vielen Gästebüchern in die Hand, in denen die Besucher ihre Grüße geschrieben haben. „Das, was hier drin steht, ist viel wichtiger – es sind Protokolle von Begegnungen.“

Emotionaler Ankerpunkt bleibt das Gefühl der Nähe

Da ist sie wieder, die Konstante seiner Arbeit. Der emotionale Ankerpunkt, ohne den Zusammenarbeit in der Welt für ihn nicht möglich ist: das „Gefühl der Nähe trotz großer Entfernungen“. Jost-Blome wird es nicht zurücklassen, wenn er die Fachstelle verlässt. „So etwas kann ich nicht einfach kappen.“ Auch wenn er künftig sicher mehr Zeit mit seinen drei Enkeln verbringen wird, einen ehrenamtlichen Platz in der Entwicklungsarbeit hat er sich schon gesichert. Im Eine-Welt-Netz NRW sitzt er im Vorstand.  Er wird auch Kontakt zu vielen weiteren Gruppen und Menschen halten, mit denen er in den vergangenen Jahren zusammengearbeitet hat.

Seine vielen Erinnerungen daran hat er aufgeschrieben. Eine Rede sollte es sein, auf einem Abschiedsseminar in Franz-Hitze-Haus. Corona hat das verhindert. Deswegen macht er eine kleine Schrift daraus, die er an Wegbegleiter verschenken möchte. Auf eine der ersten Seiten wird ein Foto zu sehen sein. Darauf ist er mit seiner Tante Paula am Kaffeetisch zu sehen. Jener Schwester Helmwarda, die bei ihm einen Grundstein für sein Leben legte.

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