Wolfgang Schmitz aus Enniger wird Präses im Bistum Münster

Es gibt keine Stille bei den Gehörlosen

Es war ein junges Paar, mit dem er sich das erste Mal mit Händen, Füßen und einem Blatt Papier unterhielt. An das Brautgespräch erinnert Wolfgang Schmitz sich noch genau. „Ich hatte keine Ahnung von der Gebärdensprache.“ Beide Seiten mussten alles aufbieten, um sich zu verständigen. Ein paar Tipps dafür hatte er sich damals von seinem jetzigen Vorgänger Pfarrer Norbert Schulze Raestrup am Telefon geben lassen: „Sprich langsam und deutlich artikuliert, ohne Relativsätze und nicht zu blumig.“ Schmitz kam trotzdem einige Male an seine Grenzen und musste Zettel und Stift bemühen. „Ich habe in keinem Gespräch so viel gelacht wie mit diesen beiden.

Orgelmusik mit Luftballons

 Es war die große Herzlichkeit seiner Gesprächspartner, die ihn begeisterte. Und noch etwas: „Eine große Dankbarkeit.“ Das bestärkte ihn, sich für Menschen mit dieser Beeinträchtigung weiter zu engagieren. Die ersten Unterrichtsstunden in Gebärdensprache nahm er parallel zu den ersten Gottesdiensten, die er mit den Gehörlosen feierte. Es folgten viele Erlebnisse, die ihm bestätigten, dass er in dieser Form der Seelsorge seinen Platz gefunden hatte. Seit 1998 ist Wolfgang Schmitz in der Seelsorge mit gehörlosen Menschen aktiv. Aus einzelnen Einsätzen als Kaplan in der St.-Paulus-Gemeinde in Vörden wuchsen immer mehr Zuständigkeiten.

Gottesdienste
Im Bistum Münster sind insgesamt fünf Geistliche in der Gehörlosen-Seelsorge im Einsatz. Sie bieten in zwei Kirchen am Niederrhein, sechs in Westfalen und zwei im Oldenburger Land regelmäßig Gottesdienste an. Zudem gibt es Gebärdendolmetscher, die vom Bistum zur Verfügung gestellt werden. Weitere Informationen im Internet.

Da war die Hochzeitsmesse, für die sich die gehörlose Gemeinde unbedingt Orgelmusik wünschte. „Ich fragte mich damals, warum“, erinnert sich Schmitz. „Sie konnten doch eh nichts hören.“ Die Menschen in der Kirche aber hielten Luftballons in den Händen, um die Vibration der Musik wahrnehmen zu können. „Und mitgesungen haben sie auch.“

 Lebhafte Angelegenheit

 Ohnehin sind die Gottesdienste mit Gehörlosen eine lebhafte Angelegenheit. „Da ist jede Menge Bewegung drin“, sagt Schmitz. Von Ruhe keine Spur, auch weil viel Begleitgeräusche und Artikulationslaute zu hören sind. „Gebärdensprache findet im Raum vor dem Gesicht statt“, erklärt er und zeichnet mit den Händen einen Kasten vor seiner Nase und seinem Brustkorb. „Alles was hier an Mimik und Gestik geschieht, gehört zur Kommunikation.“

Die Gespräche sind dreidimensional. Und für den 50-Jährigen kommt noch eine Dimension dazu: „Eine besondere Ehrlichkeit.“ Kommunikation geht nur mit absoluter Aufmerksamkeit und Zuwendung. Sie kann nicht nebenbei oder vom anderen abgewandt geschehen. So wird der Austausch inniger. Die Gefühle des Gegenübers kommen ins Spiel. „Wenn du jemandem beim Sprechen ins Gesicht siehst, kann er nichts verbergen.“

Augen, Gestik und Mimik spiegeln Gefühle

In der Seelsorge hat das eine herausragende Bedeutung. Es geht um Gefühle – um tiefe Trauer, großes Glück oder existenzielle Ängste. „Augen, Mimik und Gesten verraten dann alles“, sagt er. „Meine wie die des anderen.“ Schmitz muss dann bei der Sache bleiben. Er kann nicht mit den Gedanken abwandern oder sich hinter Worthülsen verstecken. Das bringt ihn besonders nah an die Situation seines Gesprächspartners heran. „Es ist so anspruchsvoll wie bereichernd.“

Ein Gefühl, das er als Priester schon immer gesucht hat. Nach seiner Weihe beschloss er, noch eine Ausbildung zum Krankenpfleger zu machen. Der Kontakt zu Menschen mit Einschränkungen und Gebrechen war ihm wichtig. „Näher bei ihnen kann ich nicht sein.“ Genauso wie in der Seelsorge mit gehörlosen Menschen.

Ohne Informationsverlust

Er erlebt es in jedem Kontakt mit ihnen, sagt er. „In Feiern und beim Small-Talk, in Gottesdiensten und Seelsorge-Gesprächen, im Gebet und eben auch in der lebhaften Stille einer Andacht.“ Das alles geschieht ohne Informationsverlust. Es ist ihm wichtig, das zu kommunizieren. „Es geht nicht um eine vereinfachte oder gar um eine Kindersprache.“ Natürlich gibt es Hilfen, die er einsetzt, etwa in seinen Predigten. „Ich verzichte auf unterschiedliche Zeitformen, auf Schachtel-Sätze, Bildworte und Mehrdeutigkeit.“ Die Sprache wird „elementarisiert“, sagt Schmitz. „Nicht reduziert.“

Hilfe von Gehörlosen

Er selbst muss dafür immer Neues lernen. Und braucht Geduld und Hilfe von den Gehörlosen. „Bei denen gibt es alte Hasen, die so schnell reden, dass ich die Gebärden kaum auseinanderhalten kann.“ Gegenüber ihm verlangsamen sie ihre Sprechgeschwindigkeit. „Sie nehmen viel Rücksicht.“ Dann versteht er wieder. Genauso wie er verstanden hat, dass es unter den Gehörlosen den Zustand der Stille nur selten gibt.