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Interview und Fotostrecke: Der "Popkaplan" aus Geldern zum Video-Gottesdienst in der Karwoche

Getanzter Kreuzweg am Karfreitag - muss das sein, Pfarrer Olding?

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Pfarrer Christian Olding aus der Pfarrei St. Maria Magdalena Geldern ist bekannt als "Popkaplan" und für seine innovativen und kreativen Formen, Gottesdienst zu feiern. Der getanzte Kreuzweg als Video zum Karfreitag ist deshalb keine überraschende Idee von ihm. Aber passt das zu einem solchen Tag mit einem solchen Thema?

Herr Olding, warum dieser Aufwand - hätte es nicht gereicht, das Karfreitags-Evangelium einfach vorzutragen?

Klar reicht das. Aber hätten wir das einem Leonardo da Vinci gesagt, hätten wir heute keine Gemälde von ihm. Kirche ist immer eng verbunden gewesen mit Kunst und Kultur. Auf der einen Seite würde mir etwas fehlen, wenn ich meine klassischen Werktags-Gottesdienste nicht hätte. Wenn wir den Kern unseres Glaubens den Menschen nahebringen möchten, muss es uns aber auch etwas Neues, Offenes und Experimentelles wert sein.

Wie gefährlich ist es, dass bei aller künstlerischen Freiheit ein falsches Bild der Passion Jesu gezeichnet wird?

Ich möchte diese Freiheit erlauben. Wenn man sich durch die Kunstgeschichte hindurch die Interpretation des Kreuzweges anschaut, gibt es eine große Bandbreite. Nur weil wir in unseren Kirchen ein gewisses ästhetisches Setting hängen haben, heißt es ja nicht, dass es daneben nicht etwas anderes geben kann. Die Kreuzweg-Stationen, die wir kennen, sind ohnehin in größten Teilen Interpretationen. Die Szene mit Veronika etwa hat es nicht gegeben. Und Jesus hatte mit großer Wahrscheinlichkeit keine weiße Hautfarbe und lange wallende Haare im Nazarener Stil.

Dann ist es auch in Ordnung, dass Jesus in der Darstellung der Tänzer mit Pilatus ringt und sich ihm nicht wie gewohnt demütig ergibt?

Es wird doch überall von Neu-Evangelisierung gesprochen! Es heißt immer: Wir müssen die Menschen mit dem Evangelium wieder in Kontakt bringen! Und dann erschrecken wir uns, wenn Menschen die Geschichte anders wahrnehmen als wir selbst. Damit müssen wir leben. Wir dürfen dann nicht zurückschrecken, nur weil mir das anders vertraut ist. Es ist doch spannend, damit aus unserer eigenen Denke herausgeholt zu werden. Wenn es uns also wichtig ist, unseren Glauben den Menschen wieder nahe zu bringen, dann müssen wir auch wahrnehmen, was sie daran irritiert: Was ergibt für sie Sinn, was ist vielleicht auch befremdlich?

Welche Grenzen dürfen nicht überschritten werden?

Es wäre für mich problematisch, wenn die Geschichte anders ausgehen würde als in der Bibel. Wenn Jesus etwa über Pilatus triumphiert hätte oder er am Ende seinen Peinigern die Klamotten heruntergerissen hätte. Dann hätte ich Probleme gehabt, weil an dem Punkt etwas von dem verkehrt worden wäre, was uns die Passion sagen möchte.

Sind den Tänzern von „8Counts“ diese grundlegenden Aussagen gelungen?

Ja. Sie haben sich mit der Passion Jesu auseinandergesetzt und sie für sich interpretiert. Dabei waren sie immer nah dran am Evangelium. Das hat mich riesig gefreut. Ich habe gemerkt, dass die Story des Kreuzweges sie trifft, dass sie bei jungen Leuten immer noch etwas auslöst. Mit Menschen wie ihnen hole ich mir von außen einen Schatz in die Kirche hinein. Einen Blick, den ich selbst nicht habe. Es wäre fahrlässig, diesen Blick irgendwie einschränken zu wollen. Dann berauben wir uns in der Kirche eines wichtigen Potenzials.

Welche Darstellung hat Sie am meisten überrascht?

Die der Veronika. Dass der klassische Tanz, also das Ballett gerade dabei zum Einsatz kam, war für mich erstaunlich. Es zeigt, dass diese Figur generationsübergreifend ein ähnliches Gefühl bei den Menschen aulöst – und zwar, dass ihr Mitgefühl etwas Feines ist, etwas Zartes, etwas Zerbrechliches. Das entspricht ja auch heute noch der Realität. Dass Potenzial von Solidarität und Zuwendung kann ganz schnell aufgebraucht sein, es ist verletzlich. Das zeigt uns nicht zuletzt die Corona-Pandemie. Bei dem feinen Ballett-Tanz dieser Station fühlte ich mich bestätigt: Unsere religiösen Empfindungen und Botschaften treffen immer noch einen urmenschlichen Nerv.

Video-Gottesdienst
Der Gottesdienst ist am Karfreitag, 2. April, um 15 Uhr auch auf www.kirche-und-leben.de zu sehen. Bereits ab 14.30 Uhr zeigt ihn der Fernsehsender Phoenix.

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