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Fotostrecke zum Video-Gottesdienst mit Pfarrer Christian Olding

Getanzter Karfreitag – der etwas andere Kreuzweg in Geldern

  • Am Karfreitag zeigt die Pfarrgemeinde St. Maria Magdalena in Geldern einen Video-Gottesdienst, in dem Stationen des Kreuzwegs von professionellen Tänzern dargestellt werden.
  • Pfarrer Christian Olding war es wichtig, den Künstlern bei der Ausarbeitung ihrer Choreografie möglichst freie Hand zu lassen, um ihre Auseinandersetzung mit den Stationen einzufangen.
  • Das Ergebnis ist eine Mischung aus vielen tänzerischen Stilrichtungen, die ungewohnte Sichtweisen präsentieren.
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Nebel in der St.-Martin-Kirche in Geldern-Veert. Und davon nicht wenig: Die Maschine neben der Orgel pustet am Samstagnachmittag fast ununterbrochen grau-weißen Dunst in den Altarraum. Dazu fluten zwei Scheinwerfer unter der Decke die Kirche mit bläulichem Licht. „Möglichst kalt“, sagt Pfarrer Christian Olding zu einem seiner vielen ehrenamtlichen technischen Helfer. „Vielleicht 6000 Kelvin für die Lichtfarbe.“ Die Crew arbeitet professionell, kennt die Abläufe von vielen Video-Gottesdiensten zuvor. Die heutige Produktion aber ist auch für sie etwas Neues: Es soll getanzt werden. Das Thema hat es in sich: Die Passion Jesu.

Es wird ein langer Tag werden. Für Olding und seine Leute, für die Lektoren der Text-Passagen und für die vier Tänzer der Tanzschule „8Counts“ aus Geldern. In acht Stunden sollen die Szenen im Kasten sein. Vier Kameras stehen bereit, beweglich auf Schienen oder fest auf Stativen. Der Aufwand ist gewaltig, die Arbeit akribisch. Immer wieder werden einzelne Stationen des Kreuzweges getanzt, Standbilder kreiert, Einstellungen verändert. Im Foyer steht ein Tisch mit Kuchen, Brötchen und Kaffee. Wer gerade nicht im Einsatz ist, gönnt sich auf den Stühlen der Kirche eine Pause - mit ausreichend Corona-Abstand und Maske.

Jesus bastelt an seiner Dornenkrone

Dort sitzt zwischendurch auch Frederic Surace. Der 29-jährige Tanzlehrer bastelt an einem Kranz aus Holzzweigen herum, damit der ausreichend Halt auf seinem Kopf findet. Es ist die Dornenkrone, die er zurechtbiegt. Er ist der Jesusdarsteller. „Nein, so eine Rolle habe ich noch nie gespielt“, sagt er. Fremd aber ist sie ihm nicht. „Ich bin sehr gläubig.“ Die vielen Tattoos auf seinem Körper belegen das. „Gott beschützt dich in allen Lebenslagen“ steht in lateinischen Worten über seinem Bauchnabel. Wenn er gleich auf dem Kreuzweg seiner Kleider beraubt wird, können das alle lesen.

„Sein religiöser Hintergrund war eine hilfreiche Brücke bei der Zusammenarbeit“, sagt Olding. Denn als der Pfarrer mit seiner Idee auf die Tanzschule zukam, war die Begeisterung zwar groß. Das Wissen über den Kreuzweg und seine Hintergründe bei den Künstlern aber gering. Die vier Stationen, die getanzt werden sollten, suchten alle gemeinsam mit Olding aus. „Die Idee war, Szenen zu finden, die die Menschen heute besondere berühren.“ Die Wahl fiel auf die erste Station – Jesus wird zum Tode verurteilt: „Abgeurteilt zu werden, kennt jeder.“ Die sechste Station – Veronika reicht Jesus das Schweißtuch: „Jeder Mensch braucht Zuwendung, einen anderen, der sich um ihn sorgt.“ Die zehnte Station – Jesus wird seiner Kleider beraubt: „Bloßgestellt und schutzlos zu sein, ist ein nachvollziehbares Gefühl.“ Und die 13. Station – Jesus wird vom Kreuz genommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt: „Auch das desaströse Ende erlebt jeder in seinem Leben.“

Bilder aus dem Internet

Olding versorgte die Tänzer mit Texten und Bibelstellen zu den Stationen. Bei der Ausarbeitung der Choreografie ließ er ihnen dann freie Hand. „Ich gebe zu, dass ich noch einige Mal im Internet recherchiert habe“, sagt Janine Ingenpass, Inhaberin der Tanzschule. Der blaue Mantel, den sie als Darstellerin der Maria trägt, ist ihr dort auf vielen kunsthistorischen Abbildungen aufgefallen. Auch den wegen seiner konkreten Brutalität nicht unumstrittenen Hollywood-Film „The Passion“ von Mel Gibson haben sich die Tänzer angeschaut. „Wir hatten also ganz viele Bilder im Kopf, mit denen wir kreativ arbeiten konnten.“

Es gab dabei nur wenige Momente der Unsicherheit. Die Besetzung der Jesus-Rolle war ein solcher. „Kann das ein dunkelhäutiger Tänzer sein?“ Die Antwort kam von Frederic Surace selbst: „Jesus war auf keinen Fall ein Weißer“, verwies der Tänzer auf den Ort des Evangeliums im Nahen Osten. „Vielleicht bin ich mit meiner Hautfarbe viel näher dran an der Wirklichkeit als die vielen Darstellungen, die wir kennen.“ Er ist sich trotzdem bewusst, dass er mit seinem Nasenpiercing und den Tattoos für viele Zuschauer gewöhnungsbedürftig sein wird.

Ehrfurcht vor dem Geschehen

Mit dem Ergebnis der Auseinandersetzung und vieler Übungsstunden sind die vier Tänzer nun in die St.-Martini-Kirche gekommen. Ihre Bühne ist bereitet, der Altar beiseitegeschoben, die Kälte des Lichts hat den Raum erfasst. Es reichen zwei Requisiten – die Dornenkrone und ein Holzbalken. Alles andere erzählen sie mit ihren Kleidern, mit ihrer Mimik und vor allem mit ihren Bewegungen. Die sind vielseitig, kommen aus unterschiedlichen Stilrichtungen. Bei seiner Verurteilung etwa kämpft Jesus mit Pontius Pilatus mit Sprüngen eines brasilianischen Kampftanzes. Trommeln feuern dazu den musikalischen Hintergrund aus großen Boxen. Als  Veronika mit einem wehenden Tuch auftritt, sind hingegen eher leisere Töne zu hören. Passend zu ihrem Tanz: Bevor sie sich zu Jesus hinunterbeugt, tanzt sie mit klassischen Ballett-Schritten um ihn herum.

Ist das noch der Kreuzweg, wie wir ihn kennen? Die Tänzer erinnern sich gern an den Moment, als sie ihre Tänze „ein wenig aufgeregt“ zum ersten Mal Pfarrer Olding präsentierten. „Das passt“, war seine Reaktion. „Gerade weil mit den bekannten Bildern in unseren Köpfen gespielt wird“, begründet er das. „Sie haben das in die Stationen hineingelegt, was sie bei ihrer Auseinandersetzung empfinden.“ Zu weit weg vom Evangelium haben sie sich dabei in seinen Augen nicht entfernt. „Sie haben Ehrfurcht vor den Szenen, das ist zu spüren.“

Das Ergebnis vermittelt die Begeisterung der Mitwirkenden

Als sich die Kirche am Abend wieder leert, ist die Arbeit für Olding und seine Helfer noch lange nicht beendet. Ein weiterer Drehtag steht an. Dann werden die liturgischen und musikalischen Elemente gefilmt, in welche die Tanz-Passagen hineingeschnitten werden. Der Pfarrer wird dafür zusätzlich noch viele abendliche Stunden vor dem Rechner verbringen. Weil ihn diese Form, Gottesdienst zu feiern, ebenso begeistert, wie das „Riesen-Engagement“ seiner ehrenamtlichen Helfer. Lediglich die Tänzer haben eine Aufwandsentschädigung bekommen. Das Ergebnis, das am Karfreitag um 15 Uhr anstelle eines Präsenz-Gottesdienstes über unterschiedliche Internet-Kanäle zu sehen sein wird, lässt diese Begeisterung miterleben.

Video-Gottesdienst
Der Gottesdienst ist am Karfreitag, 2. April, um 15 Uhr auch auf www.kirche-und-leben.de zu sehen. Bereits ab 14.30 Uhr zeigt ihn der Fernsehsender Phoenix.

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