Alfred Bullermann hat den Hirtenstab für Heiner Wilmer geschmiedet

Heißes Eisen aus Friesoythe für den Bischof von Hildesheim

Der Anruf aus Rom kam aus heiterem Himmel. Zwar hatte schon mal jemand  angefragt: Ob er sich vorstellen könnte, mal einen Bischofsstab zu schmieden? Aber das hatte Alfred Bullermann schon fast wieder vergessen.

Und plötzlich hatte der Schmied aus Friesoythe Heiner Wilmer persönlich am Apparat, vor dessen Weihe zum Bischof von Hildesheim. „Da war ich erst mal platt.“ Der Hüne mit der Lederkappe lächelt.

Er sollte nicht protzig sein

Und dann tut er das, was er  bei Auftraggebern immer macht. Ganz egal, ob sie ein Gartentor, ein Wegekreuz oder einen Grabstein bei ihm bestellen – er fragt genau nach: „Was ist Ihnen wichtig, Herr Bischof?“ „Welche Vorstellungen haben Sie?“ „Was verbinden Sie damit?“

Natürlich hat Heiner Wilmer sich vorher Gedanken um seinen Hirtenstab gemacht: Die Dreifaltigkeit soll sichtbar werden, die Form nach oben offen sein. Außerdem soll der Stab nicht protzig wirken. So macht sich Alfred Bullermann ans Werk und schickt wenig später erste Skizzen nach Rom.

Die Meinungen waren geteilt

Weil eine Antwort zunächst auf sich warten lässt, kommen ihm schon Zweifel. „War meine Idee gut genug? Oder vielleicht doch zu gewagt?“ Und richtig! Als Heiner Wilmer sich schließlich meldet, berichtet er von geteilten Meinungen. Manchen sei der Entwurf aus dem Oldenburger Land viel zu modern. Doch der Kunstsachverständige des Vatikans  habe alle Bedenken vom Tisch gewischt und gesagt: „Machen!“

Sodass Alfred Bullermann am den neuen Bischof mit einem Stab aus seiner Werkstatt durch den Hildesheimer Dom schreiten sah. Aus Eichenholz, versilbertem Messing und mit Zier­elementen aus selbstgemachtem Eisen. „Ein bisschen stolz war ich schon“, gibt er zu.

Alfred Bullermann hat schon mal einen Panzer zersägt

Ein Bischofsstab – das zählt wohl zu seinen größten Herausforderungen, seit er sich  vor 26 Jahren ganz dem Handwerk verschrieb. Dabei war oft Ungewöhnliches unter seinen Aufträgen. Eiserne Kreuzwegstationen für den Friesoyther Stadtpark, ein Kreuz aus alten Schlüsseln für die Krankenhauskapelle, ungewöhnliche Wegkreuze und Grabmale  oder die Firmkreuze, die er gemeinsam mit den Katecheten entwirft und anschließend in Bronze gießen lässt.


Alfred Bullermann in seiner Werkstatt. | Foto: Michael Rottmann

Oder die Sache mit dem Bundeswehrpanzer. Bullermann spielt einen Fernsehbericht auf seinem Computer ab. Die Szenen zeigen ihn bei einem Treffen mit 40 Kollegen aus aller Welt, 2005 in Vechta. In dessen Mittelpunkt stand eine Kunstaktion im Umfeld des Irakkriegs. Gemeinsam zerlegten die Männer damals einen alten Leopard-Bundeswehrpanzer und fügten aus den Überresten eine Skulptur zusammen.

Er hat schon für die „Sendung mit der Maus“ geschmiedet

Bullermann, der selbst als junger Mann Wehrdienst geleistet hatte, schnitt damals das Kanonenrohr des Panzers in zwei Teile. Und erzählt dann von einem Beitrag in der „Sendung mit der Maus“. Darin zeigt er mit einem selbstgebauten Lehmofen, wie die Menschen früher mit einfachsten Mitteln Eisen herstellten.

Ursprünglich wollte der 57-Jährige Kunst- und Werklehrer werden. Früh spürt er: Das Kreative liegt ihm. Doch sein Vater, Dorfschmied in Markhausen im Landkreis Cloppenburg, meinte damals: „Lehrer? Lern erst mal was Ordentliches.“ Der Sohn fügt sich und absolviert eine Schlosserlehre. Erst danach holt er das Abitur nach, studiert Design für Metallgestaltung und macht sich 1990 mit Atelier und Werkstatt selbstständig.

08/15 ist nicht seine Sache

Was fasziniert ihn am Schmieden? Alfred Bullermann muss nicht lange überlegen. „Es ist der schöpferische Prozess: dass man ein sprödes, hartes Stück Eisen durch Wärme und Kraft verformen und eine ganz neue Form daraus wachsen lassen kann.“ Mal massig und schwer, mal filigran und fast schwebend.

Jedem Auftraggeber geht es wie dem Bischof von Hildesheim. Bei Alfred Bullermann wählt man nicht aus einem Katalog ein 08/15-Produkt aus. Bei allen Projekten gehört ein ausführliches Vorgespräch dazu. „Nur so kann ich etwas von mir in ein Stück hineingeben“, sagt er. Und dass es ihm genau darauf ankommt. Ob seine Objekte Kunst sind oder nicht, ist ihm egal. „Das sollen andere entscheiden.“

Der Beruf hat ihn geprägt

Der Beruf habe ihn geprägt, ist Bullermann sich sicher. „Der Schmied formt den Stahl und der Stahl formt den Schmied“, sagt er und man kann sich gut vorstellen, wie seine kräftige Linke ein Werkstück in der Zange auf dem Amboss hält – und er den Hammer wieder und wieder darauf niedergehen lässt. „Man braucht Kraft, aber vor allen Dingen eine gute Technik“, sagt Bullermann, „weil man oft schnell entscheiden und handeln muss – bevor das Material kalt wird.“

Sehr gerne arbeitet er mit Kindern. Als er den Kreuzweg für den Friesoyther Stadtpark entwerfen soll, entwickelt er mit Pfarrer Michael Borth die Idee, die Stationen zusammen mit örtlichen Schulen zu gestalten. Über Monate ist er in Klassen unterwegs und setzt die Ideen der Kinder anschließend in 15 Skulpturen um. Er schwärmt immer noch: „Es waren wahnsinnig spannende Prozesse, in denen auch ich viel von den Kindern gelernt habe.“

Mit Kindern arbeitet er am liebsten

Auch die so genannte Mutkugel auf einem Verkehrskreisel in Dinklage stammt aus einem Projekt mit Kindern. Er hat sie mit Schülern aus dem Dinklager Kardinal-von-Galen-Haus erarbeitet, einer katholischen Förderschule für Kinder mit körperlichen Behinderungen. Sie erinnert unweit des Klosters Dinklage an Kardinal Clemens-August von Galen.

Aufträge mit religiösem Hintergrund bekommt er oft. „Ich bin ein religiöser Menschen“, sagt der Vater von zwei Kindern. Nachdenklich erzählt er von eigenen Grenzerfahrungen, einem schweren Sportunfall als junger Mann und einem Herzinfarkt vor wenigen Jahren. „Man denkt dann anders über sich, die Welt oder Gott nach.“

Einladung zum Kaffee

Und mit wem würde Alfred Bullermann gerne einmal schmieden? „Auf jeden Fall will ich noch mal mit Heiner Wilmer schmieden!“ Eine Einladung zum Kaffee von ihm hat er schon. „Ich würde ihn im Gegenzug gerne zu mir ins Atelier einladen.“