Vortrag im Dom: Russischer Präsident "vernichtet, was er nicht haben kann"

Historiker Schlögel in Münster: Putin ist "Diktator der Postmoderne"

  • Der Westen überblickt nach Ansicht des Osteuropahistorikers Karl Schlögel noch nicht die Folgen des russischen Kriegs gegen die Ukraine.
  • "Putins Russland ist etwas Neues, was noch nicht erfasst ist", sagte er am Mittwochabend im Dom in Münster.
  • Der "Diktator der Postmoderne" vernichte das, was er nicht haben könne.

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Der Westen überblickt nach Ansicht des Osteuropahistorikers Karl Schlögel noch nicht die Folgen des russischen Kriegs gegen die Ukraine. "Putins Russland ist etwas Neues, was noch nicht erfasst ist", sagte er am Mittwochabend im Dom in Münster. "Wir sind nicht auf der Höhe der Zeit." Der "Diktator der Postmoderne" vernichte das, was er nicht haben könne.

Deutschland müsse die Ukraine weiter mit allen Kräften unterstützen und seine Beziehungen zu Russland überdenken, so Schlögel. Auch müssten die Deutschen sich von allem "Russland-Kitsch" lösen. "Sie kämpfen dort in der Ukraine nicht nur für ihre Freiheit, sondern auch für unsere."

"Wir haben es zugelassen, dass ein Land verwüstet wurde"

In einem Vortrag über "Russlands imperiale Idee" im Rahmen der Reihe "Domgedanken" fragte der emeritierte Professor, warum der Westen auf den Krieg nicht vorbereitet gewesen sei. Der Schock des russischen Überfalls habe zu Desillusionierung und Selbstaufklärung geführt. "Man fängt an, über Dinge nachzudenken, die selbstverständlich waren, man muss noch einmal in die Schule", sagte Schlögel.

Noch sei nicht ausgemacht, wie die Europäer und die Deutschen die aktuelle Zeitenwende durchstehen würden. "Wir haben es zugelassen, dass europäische Städte aus der Luft angegriffen und ein Land verwüstet wurde", sagte der Historiker. "Es kann sein, dass wir dafür bezahlen müssen."

Russland auf dem Weg, ein "großes Nordkorea" zu werden

Bislang sieht es nach Einschätzung Schlögels nicht so aus, als ob der Krieg öffentlich eine Spaltung der russischen Bevölkerung hervorruft. Putins Russland sei längst ein Polizeistaat, der die demokratische Entwicklung verhindere. "Putin braucht den Krieg, weil er sich anders nicht an der Macht halten kann, er braucht die Verwandlung Russlands in eine Festung, ein großes Nordkorea."

Am kommenden Mittwoch spricht bei den "Domgedanken" in Münster der Publizist und Autor Stefan Aust über das Thema "Chinas großer Plan - Eroberung auf Schienen, Schiffen, Straßen". Der Abend ab 18.30 Uhr ist auch live im Internet zu sehen bei "Kirche-und-Leben.de".