Vikar Ernst Henn predigte gegen die Nazis

Kann ein Märtyrer von 1945 Vorbild für heute sein, Herr Nilles?

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Er gilt als Märtyrer des 20. Jahrhunderts. Vikar Ernst Henn hat in Cloppenburg schon früh gegen die Nazis gepredigt. Macht ihn seine klare Haltung damals zu einem besonders guten Vorbild für heute? Drei Fragen an den Pädagogen und Henn-Biografen Werner Nilles.

Herr Nilles, was lässt sich aus dem Verhalten von Ernst Henn für die Lage heute lernen? Ist es überhaupt vergleichbar?

Ernst Henn stand gegen menschenverachtende Machenschaften, etwa gegen Judenverfolgung, auf. So können Erinnerungen an ihn, zum Beispiel Plätze und Einrichtungen, die nach ihm benannt sind, Veranstaltungen und Veröffentlichungen, die sich mit ihm beschäftigen, oder der Vikar-Henn-Preis für Zivilcourage, der in unregelmäßigen Abständen von der Bürgerstiftung Cloppenburg verliehen wird, ermutigend zu Wachsamkeit anregen. Demokratie ist auch heute bedroht, so kann das Beispiel Henns dazu beitragen, darauf zu achten, dass sich die Nazizeit nicht wiederholt. Sein Beispiel fordert uns dazu auf, Herz, Augen und Mund für Recht und Menschenwürde zu öffnen und gegen menschenunwürdiges, Menschen verachtendes Verhalten einzutreten: weltweit und vor der eigenen Haustür.

Wie sehen Sie selbst die aktuellen Demonstrationen in Deutschland?

Die Demonstrationen sind ein Anstoß, unsere aktuellen gesellschaftlichen Verhältnisse deutlicher, bewusster in den Blick zu nehmen: einerseits in Dankbarkeit für Frieden und Demokratie, Respekt und Toleranz – und andererseits in einer Haltung von Achtsamkeit, in der wir keinen kein Platz lassen für menschenunwürdige Verhältnisse oder für Antisemitismus. Und uns fragen: Was kann ich zum Gemeinwohl, zu Frieden und Solidarität beitragen?

Wie – außer bei Demonstrationen – kann jeder Einzelne ein Zeichen setzen? Worauf kommt es nach Ihrer Meinung jetzt besonders an?

Ich bin überzeugt, dass unser christlicher Glaube helfen kann, Zeichen zu setzen. Wir alle sind Kinder Gottes. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Die heute 102-jährige Überlebende des Holocaust, Margot Friedländer, sagte kürzlich, sie sei entsetzt, was sich derzeit wieder gegen Juden aufgetan habe: „Wir sind doch alle gleich – es gibt kein christliches, muslimisches, jüdisches Blut. Wir haben alle dasselbe. Wir sind doch alle Menschen!“ Nie wieder ist Jetzt – Sich nicht vor der Wahrheit drücken! Vielleicht auch als Denkanstoß für die gerade begonnene Fastenzeit.

Vikar Ernst Henn
Ernst Henn (1909 – 1945) war Priester im Oldenburger Land und hat schon früh in Predigten die nationalsozialistischen Machthaber kritisiert, zunächst verschlüsselt und später deutlich anklagend. Zu einem Höhepunkt seines Widerstands kam es, als Henn die Freveltaten der sogenannten Reichspogromnacht 1938 gegen die jüdischen Mitbürger in Predigten anprangerte. Er galt nach Dokumenten der NSDAP-Kreisleitung als „der gefährlichste unter den Cloppenburger Geistlichen“. Besonders bekannt wurde sein Ausspruch „Ich kann mich nicht vor der Wahrheit drücken“. Er kam kurz vor Kriegsende ums Leben, als er eine weiße Fahne hisste, um die Stadt Löningen vor der Bombardierung durch britische Truppen zu bewahren. Im Jahr 2014 wurde Ernst Henn in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen. Dieses Sammelwerk listet im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz Geistliche und andere Katholiken auf, die in der katholischen Kirche als Märtyrer betrachtet werden können.