Bernd Theilmann brachte die Taten seines Heimatpfarrers ans Licht

Täter-Ehrung verhindert: Zivilcourage-Preis für Missbrauchs-Betroffenen

  • Die St.-Andreas-Pfarrei Cloppenburg und die Bürgerstiftung der Stadt haben Bernd Theilmann mit dem Ernst-Henn-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet.
  • Theilmann war als Kind von einem Priester sexuell missbraucht worden.
  • Als eine Schule den Namen des Pfarrers erhalten sollte, machte Theilmann die Verbrechen öffentlich.

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Er hat lange geschwiegen und sein Leid mit sich herumgetragen. Bis er Mitte der 1990er Jahre von dem Plan hörte, die Haupt und- Realschule in seiner Heimatgemeinde Neuenkirchen (Kreis Vechta) nach dem 1972 gestorbenen Pfarrer Bernhard Janzen zu benennen. Ausgerechnet nach dem Priester, der ihn als kleinen Jungen immer wieder sexuell missbraucht hatte.

Das war zu viel für Bernd Theilmann: Er brach sein Schweigen und verhinderte schließlich die Namensgebung – gemeinsam mit anderen Betroffenen. Dadurch, dass er die Taten an die Öffentlichkeit brachte – auch gegen das Desinteresse und den Widerstand der damals Verantwortlichen aus Politik und Kirche.

Für Bernd Theilmanns Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen

Ernst-Henn-Platz
In Löningen ist ein Platz nach Ernst Henn benannt. | Foto: Archiv

Für diesen Mut, an die Öffentlichkeit zu gehen, haben die Bürgerstiftung Cloppenburg und die Pfarrei St. Andreas den gelernten Bäcker- und Konditormeister und späteren Berufsschullehrer mit dem Ernst-Henn-Preis 2023 für Zivilcourage ausgezeichnet. Theilmann sei für seinen Mut öffentlich angegriffen und als Nestbeschmutzer bezeichnet worden. Deshalb sei er ein würdiger Preisträger, so die Jury.

Der Oldenburger ist der zweite Träger der Auszeichnung. 2019 hatte der Lengericher Pfarrer Peter Kossen für seinen Einsatz gegen die Ausbeutung von zugewanderten Arbeitern den Preis erhalten. Er ist mit 2.500 Euro dotiert.

Vom Pfarrer als Kind unter massiven Druck gesetzt

Ernst Henn
Ernst Henn (1909 – 1945) kam um beim Versuch, bei einem Angriff englischer Truppen die weiße Fahne zu hissen, um die Zerstörung Löningens zu verhindern. | Foto: Archiv des Offfizialats Vechta

Bei einer Veranstaltung im Dezember in Vechta mit dem Leiter der Missbrauchsstudie für das Bistum Münster, Professor Thomas Großbölting, hatte Bernd Theilmann über den Missbrauch und über die damit verbundenen Ängste und Gefühle berichtet. Zum Beispiel, wie der Priester ihn für seine Taten vom Spielplatz holte. Und auch, wie er ihn unter psychischen Druck setzte: „Danach hat er gesagt: Das darfst du niemandem erzählen! Sonst tritt der Satan zwischen uns.“

Der Ernst-Henn-Preis ist benannt nach Kaplan Ernst Henn (1909-1945), der sich in seiner Zeit als Seelsorger in Cloppenburg und Dinklage und nach einem Einsatz an der Ostfront ab 1943 in Löningen mit mutigen Predigten gegen die Nationalsozialisten einen Namen gemacht hatte. Henn kam ums Leben, als er versuchte, eine weiße Fahne zu hissen, um die Stadt und vor allem das Krankenhaus Löningen beim Vorrücken englischer Truppen vor der Zerstörung zu bewahren.

Vikar Henn - ein Märtyrer des 20. Jahrhunderts

2014 wurde Henn in das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts aufgenommen, ein im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz herausgegebenes Sammelwerk, das Geistliche und andere Katholiken verzeichnet, die in der katholischen Kirche als Märtyrer betrachtet werden können.  In Löningen ist ein Platz nach Ernst Henn benannt, auch das katholische Pfarrheim in Löningen heißt „Vikar-Henn-Haus“.

Missbrauch im Oldenburger Land
Im niedersächsischen Teil des Bistums Münster hat es nach Erkenntnissen der Missbrauchsstudie für das Bistum Münster in den Jahren 1945 bis 2018 insgesamt 27 beschuldigte Geistliche gegeben. 93 Betroffene von sexualisierter Gewalt sind bekannt. Die Mehrheit der Übergriffe habe in den 1950er und 1960er Jahren stattgefunden.

Im Oldenburger Land habe man es mit einer Reihe von Intensivtätern zu tun gehabt, so Studienleiter Thomas Großbölting. Aufgrund seiner Recherchen geht das Forscherteam davon aus, dass es in der Leitung des Offizialats Vechta ab 1948 und bis in die 1970er Jahre hinein ein „hohes Wissen“ um Taten sexualisierter Gewalt durch Kleriker gegeben haben muss. Dass die meisten Meldungen von Betroffenen erst ab 2010 eingegangen seien, führte Großbölting darauf zurück, dass Betroffene erst nach dem öffentlichen Bekanntwerden der Missbrauchsvorwürfe am Berliner Canisiuskolleg darauf hoffen konnten, dass ihren Schilderungen geglaubt werde.