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Ehrenamtliche vom Niederrhein packen Überraschungstüten im Camp Kara Tepe

Kevelaerer verteilen auf Lesbos Weihnachtsgeschenke an Flüchtlingskinder

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Als sie von einer Hilfsorganisation auf Lesbos gebeten wurden, haben die Ehrenamtlichen der "Aktion pro Humanität" in Kevelaer nicht lange gezögert. Vor Weihnachten flogen sie für drei Tage ins Flüchtlingscamp Kara Tepe, um dort mehr als 600 Tüten mit Geschenken vor allem für die Kinder zu packen. Wieder heimgekehrt, berichten sie von viel Beklemmung - und etwas Freude.

Mit großen Augen stehen sie da, die drei Kinder im Flüchtlingscamp Kara Tepe auf der Insel Lesbos. In den Händen halten sie Plastiktüten mit Geschenken. Doch Freude strahlen sie auf den Fotos nicht aus, die Ehrenamtlichen vom Niederrhein von der Insel Lesbos mitgebracht haben. Eher Teilnahmslosigkeit. Der Junge macht mit seiner rechten Hand das Victory-Zeichen. Im Hintergrund steht ein mit Kugeln geschmückter Weihnachtsbaum. Das einzige Symbol des weihnachtlichen Friedens. 

Sonst sei die Atmosphäre eher beklemmend, berichte Heike Waldor-Schäfer im Gespräch mit "Kirche-und-Leben.de". Drei Tage war sie kurz vor Weihnachten mit Peter Tervooren und Elke Kleuren-Schryvers von der "Aktion pro Humanität" (APH) auf Lesbos. Ein übermannshoher Stacheldrahtzaun riegelt ihren Schilderungen nach das Gelände ab, Polizei und Militär sichern den Eingang, niemand kann ungesehen rein oder raus.

Die Organisation ist sonst eher schwerpunktmäßig in Westafrika engagiert. Diesmal aber haben sie in dem Flüchtlingscamp auf der griechischen Insel eine besondere Aktion gestartet. Für die Kinder haben sie 650 knallrote Weihnachtstüten mit Geschenken gefüllt: ein paar Socken, eine Wollmütze, Buntstifte, etwas zum Basteln, Seifenblasen, Spielzeug, eine Puppe, Zauberwürfel, Schokolade, Tee und ein Schirm.

„Wir sehen euch“

„Wir haben unsere Stammspender kurzfristig mobilisieren können“, erläutert APH-Vorsitzende Elke Kleuren-Schryvers. „Uns ist wichtig, mit dieser Aktion ein Symbol zu schenken“, so Kleuren-Schryvers. „Um zu sagen: Wir sehen euch.“

Mit der Flüchtlingsorganisation „Stand by me Lesbos“ hat die APH schon öfter zusammengearbeitet. Sie weiß, dass das Geld da gut ankommt. Vor Weihnachten kam die Anfrage, ob die Kevelaerer Aktion helfen könnte, die Päckchen für die Kinder zu packen. „Wir haben spontan einige Spender angesprochen, das Geld überwiesen, und vor Ort wurden die Sachen dann eingekauft“, sagt Kleuren-Schryvers.

Von Geflüchteten selbst organisiert

"Beim Tütenpacken waren auch Omid und Read dabei", erzählt Waldor-Schäfer, "zwei engagierte Männer, die die Selbstverwaltung im Flüchtlingslager auf die Beine gestellt haben." Der 45-jährige Raed habe in seinem Heimatland Syrien als Ingenieur gearbeitet und schon die „Moria White Helmets“ gegründet, die sich um die Infrastruktur im Camp kümmern. Omid, 31 Jahre alt, habe vor seiner Flucht als Pharmazeut in Afghanistan gearbeitet. Abfallentsorgung, Gesundheitsvorsorge, Unterricht für Kinder, Covid-Aufklärung und -Impfaktionen – alles werde von den Flüchtlingen selbst organisiert.

Im Camp sei alles sehr sauber und strukturiert, berichten die APH-Helfenden – "wie eine kleine Stadt, mit Abwassergräben und kleinem Hochwasserschutz", sagt Waldor-Schäfer. "Die Geflüchteten legen selbst Hand an und organisieren alles selbst. Sie lassen sich nicht hängen. Sie wollen arbeiten und warten nicht darauf, dass aus der Politik dazu die Erlaubnis kommt." Doch ihr sei auch Verzweiflung begegnet. Einer habe ihr gesagt: „Wenn ihr uns wenigstens so behandeln würdet wie eure Tiere, dann ginge es uns besser.“

Kein Ort der Zuflucht

Kara Tepe sei kein Ort des Aufbruchs, haben die APH-Helfenden festgestellt. "Kara Tepe ist eine Wartestation für die Übriggebliebenen", berichtet Waldor-Schäfer. "Ein Leben hinter Stacheldraht, zwischen Bangen und Hoffen, ob nach ein, zwei Jahren der Asylantrag vielleicht doch angenommen wird." Das Leben in Kara Tepe sei etwas besser geworden als es in Moria war, hätten Omid und Read im Gespräch eingeräumt. Viele Zelte seien Containern und Wohnboxen gewichen, und doch habe fast die Hälfte der Menschen keinen Strom, keine Heizung. Es fehle an Medikamenten, an Bildungsangeboten, an Lebensmitteln.

Und jetzt kommt der Winter, erzählt Waldor-Schäfer: "Ein eiskalter Wind fegt über die Insel, das Meer wirft weiße Gischtwellen an den kargen Strand. Die Geflüchteten und vor allem die Kinder frieren an den Händen und Ohren." Einige Tage zuvor seien zwei kleine Holzboote gestrandet – mit Menschen, die vor Krieg und Gewalt in ihren Heimatländern flohen, die Flucht übers Mittelmeer wagten und wie ein Wunder überlebten. Etwa 2.800 Flüchtlingen leben nach APH-Angaben auf der Insel. Mit dieser Zahl seien die Einwohner einverstanden.

Geflohen vor Krieg und Gewalt

Zurzeit landen demnach 35 Geflüchtete pro Woche auf Lesbos, auf allen griechischen Inseln bis zu 116 Flüchtlinge. Ein paar Tage vor der Ankunft des Teams seien zwei Boote gekommen, einmal mit zwölf, einmal mit 17 Frauen, Männern, Kindern, wie die Delegation aus Kevelaer erfahren hat. Auf den Inseln blieben sie in der Regel lange, die Asylanträge von vielen wurden schon zweimal abgelehnt, bei der dritten Ablehnung müssten sie in die Türkei zurück. "Die aber schickt die Menschen wieder aufs Meer", sagt Waldor-Schäfer.

In den Kindertüten ist jeweils auch ein kleiner Stern verpackt. Gebastelt vom Verein Papillon in Geldern, gesegnet vom niederrheinischen Regionalbischof Rolf Lohmann. Ein Stern, der etwas Freude schenken soll. „Die Kinder können nicht mehr lachen“, hätten die Erwachsenen ihnen erzählt Waldor-Schäfer. „Und sie haben uns gesagt: Aber euer Stern hat sie einen Moment fröhlich gemacht. Es war eine von den wenigen kleinsten freudigen Ausnahmen im Leben hier. Wirklich Weihnachten."

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