Wie Christen in Sachsen und Brandenburg mitmischen

Landtagswahlen im Osten: Kirchen warnen vor Rechtspopulismus

„Das ist keine Wahlempfehlung!“ Gebetsmühlenartig betonten die Kirchen diesen Satz in all ihren Äußerungen, Wahlaufrufen und Aktionen vor den Landtagswahlen in Sachsen und Brandenburg am kommenden Sonntag. Gleichwohl scheinen die hohen AfD-Umfragewerte die Kirchen zusätzlich motiviert zu haben, nicht nur eindringlich zum Urnengang aufzurufen, sondern auch deutliche Orientierung für die Wahlentscheidung zu geben.

„Stärken Sie mit Ihrer Stimme diejenigen Parteien, die für die weitere Ausgestaltung der freiheitlich-demokratische Grundordnung in Brandenburg eintreten, die Grundrechte unserer Verfassung stärken und die einer Spaltung unserer Gesellschaft durch Hass, rassistische Hetze und Ressentiments entgegentreten“, heißt es in einem Aufruf des katholischen Erzbischofs Heiner Koch und des evangelischen Bischofs Markus Dröge an alle Brandenburgerinnen und Brandenburg.

Was Görlitz' Bischof Ipolt an der AfD kritisiert

Noch deutlicher Richtung AfD wurde der katholische Bischof von Görlitz, Wolfgang Ipolt, im Interview mit der „Sächsischen Zeitung“ Ende Juli: „Meine persönliche Kritik an dieser Partei würde ich so zusammenfassen: Sie ist zu stark national, zu wenig international orientiert. (...) Wenn Fremde zuerst als Gefahr angesehen werden, kann ich dem nicht zustimmen. Die AfD schürt zu sehr die Ängste, die Chancen der Freiheit, auch der offenen Grenzen, werden zu wenig gesehen und wertgeschätzt. Dafür aber habe ich 1989 demonstriert.“

Er hoffe, dass sich die Christen bei der Wahl „von der Sorge um die Demokratie und um den Zusammenhalt in unserer Gesellschaft leiten lassen“, so Ipolt, dessen Bistum in beide Bundesländer hineinreicht. Mit Blick auf Katholiken, die AfD wählen, sagte er: „Das muss jeder vor seinem Gewissen verantworten.“

Der Wahlaufruf der Laienvertretung im Bistum Görlitz, des Diözesanrats der Katholiken, erinnert an die Errungenschaften der friedlichen Revolution, die es zu bewahren gelte: „Vor 30 Jahren befreiten sich die Menschen in den neuen Bundesländern von der Diktatur des Proletariats und forderten freiheitliche und demokratische Rechte ein.“ Die Christen stünden in einer „besonderen Verantwortung“, sich „mit Toleranz und Respekt den Herausforderungen gegen Hass und Populismus zu stellen“.

Dresdens Bischof Timmerevers: Ehrliches Gespräch wichtig

Auch Bischof Heinrich Timmerevers (Dresden-Meißen) und der evangelische Bischof Carsten Rentzing erinnern an die friedliche Revolution von 1989, die „viel Gutes gebracht, aber andererseits auch tiefe Spuren in Biografien von Menschen hinterlassen“ habe, betonten Timmerevers und Rentzing. Auch heute gebe es viele gesellschaftliche Veränderungen etwa in wirtschaftlichen und sozialen Bereichen. „Das kann auch zu Unsicherheiten und zu einem verstärkten Suchen nach Orientierung führen“, erklärten die Geistlichen mit Blick auf gesellschaftlichen Zusammenhalt, Migration, soziale und wirtschaftliche Zukunft sowie Umweltschutz.

Bei der anstehenden Wahl gelte es deshalb besonders, „auf eine umsichtige und pragmatische Politik zu achten, verantwortungsvoll für die Gegenwart und Zukunft zu handeln und mit allen in einem ehrlichen gesellschaftlichen Gespräch zu bleiben“, so die Bischöfe weiter. Freiheit sei und bleibe „ein unschätzbar großer Wert, den auch die Bibel betont“. Der christliche Glaube ermutige nach dem Gewissen „verantwortungsvoll und gelassen in dieser Welt zu handeln und zu wählen.“

Berlins Erzbischof Koch: Beten allein genügt nicht

Noch pointierter formulierte es Erzbischof Koch: „Ich bitte Sie alle, sich in Gesellschaft und Politik zu engagieren. Brandenburg braucht uns. Dass wir für die Menschen hier beten, ist richtig und wichtig. Aber Beten allein genügt nicht. Mit allen Menschen guten Willens wollen wir dieses Land tatkräftig und kreativ mitgestalten.“

Er und sein evangelischer Amtsbruder Dröge hatten gut eine Woche vor der Wahl Spitzenpolitiker und Fachleute zum öffentlichen „Gespräch über die Zukunft Brandenburgs“ nach Potsdam eingeladen. Auch auf Gemeindeebene gab es vereinzelt solche Angebote. So veranstalteten etwa katholische und evangelische Kirchengemeinden in Leipzig ein „Wahlcheck“-Podium mit allen Direktkandidaten des Wahlbezirks.

Mit dem „SachsenSofa“ über Land

Das wohl kreativste und umfänglichste Projekt zur Landtagswahl, das auch über die eigene Stammklientel hinaus Menschen erreichte, kam von der Katholischen Akademie Dresden. Mit ihrem „SachsenSofa“ zog sie knapp ein halbes Jahr über die Dörfer. Das Konzept: An die Orte gehen, wo die Menschen sich unverstanden und abgehängt fühlen, und dort über aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen und Lösungsoptionen aus christlicher Sicht diskutieren. Mit dabei Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU), der sächsische Oppositionsführer Rico Gebhardt (Linke), Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), ZDF-Chefredakteur Peter Frey und Ex-Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD).

Daneben veröffentlichten die Kirchen in Sachsen zusammen einen Wahlaufruf und eine „Handreichung“, um „unter wichtigen Gesichtspunkten des christlichen Glaubens den Blick für die Wahlprogramme der Parteien zu schärfen“. Und weil Beten nie schadet, streute das Bistum Dresden-Meißen noch Flyer mit einem eigenen Gebet vor der Wahl: „Lenke Du die persönlichen Überlegungen und Wahlentscheidungen, dass unser Land heute und morgen verantwortungsvoll regiert wird.“