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Joachim Frank zur Reformdebatte und Luthers Auftritt vor dem Reichstag in Worms 1521

Protestantisierung der katholischen Kirche? Mehr davon!

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Gegner von Reformen in der katholischen Kirche werfen deren Vertretern gern vor, ihre Forderungen seien nicht mehr katholisch. Oder sie sehen eine "Protestantisierung" am Werk. Der Kölner Journalist und Theologe Joachim Frank sieht darin in seinem Gast-Kommentar wenig Gefahr - eher im Gegenteil.

„Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen.“ Genau 500 Jahre ist dieser Satz Martin Luthers alt. In Worms wurde am vorigen Wochenende an den Auftritt des Reformators vor Kaiser Karl V. und den Fürsten des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation erinnert.

Wenn in Rom und vorgelagerten Außenstellen bis heute das Gespenst der „Protestantisierung“ umgeht, hat das nicht wenig mit Luthers Ausspruch zu tun: An der unerschütterlichen Bindung eines Christenmenschen an sein Gewissen prallt der Autoritätsanspruch einer Institution ab. Nicht dass die Kirche und die Theologie das schon zu Luthers Zeiten nicht auch gewusst hätten: „Jede Entscheidung des Gewissens, sei sie richtig oder falsch, ist verpflichtend, sodass es immer Sünde ist, gegen sein Gewissen zu handeln“, schreibt der heilige Thomas von Aquin.

Der Spleen und der Heilige Geist

Der Autor
Joachim Frank ist Chefkorres­pondent der DuMont Mediengruppe und Mitglied der Chefredaktion beim „Kölner Stadt-Anzeiger“. Er wuchs in Burgsteinfurt auf, studierte katholische Theologie, Philosophie und Kunstgeschichte in Münster, München und Rom. Er pflegt in seiner Arbeit enge Verbindungen zur Universität Münster und seinem Heimatbistum. Seit 2015 ist Joachim Frank Vorsitzender der Gesellschaft katholischer Publizisten und Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken.

Nun könnte es aber sein, dass man sich mit der Berufung auf sein Gewissen verrennt und den eigenen Spleen als Walten des Heiligen Geistes ausgibt: Hier stehe ich, ich kann nicht anders … – Ja, gut, aber warum eigentlich?

In Luthers Fall ist es hilfreich, auf die gesamte Begründung zu schauen, mit der er den Widerruf seiner reformatorischen Schriften ablehnt: „Wenn ich nicht mit Zeugnissen der Schrift oder mit offenbaren Vernunftgründen besiegt werde, so bleibt … mein Gewissen gefangen in Gottes Wort. Denn ich glaube weder dem Papst noch den Konzilien allein, weil es offenkundig ist, dass sie öfters geirrt und sich selbst widersprochen haben.“

Lehre und Letztverbindlichkeit

Gefangen in Gottes Wort, nicht gebunden an fehlbare (kirchliche) Autoritäten – das macht die Stärke der lutherischen Position aus. Wenn das die vielbeschworene „Protestantisierung“ ist, dann braucht die katholische Kirche mehr davon.

In Worms hielt Kaiser Karl V. dagegen: Ganz sicher müsse Luther irren, „wenn dies gegen die der ganzen Christenheit steht, wie sie seit mehr als tausend Jahren gelehrt wird“. Unschwer lässt sich dieses Argument in aktuellen kirchlichen Debatten wiedererkennen.

Aber auch Luthers Erwiderung bleibt triftig. In einer sich wandelnden Welt kann die „immer gleiche Lehre“ keine Letztverbindlichkeit beanspruchen. Vielmehr muss die Kirche stets neu darauf hören, was Gottes Wort und die Zeichen der Zeit ihr sagen. Das ist Auslegungssache, ja. Dazu muss diskutiert und argumentiert werden. Wie in einem Parlament. Wenn manche darin wiederum eine Protestantisierung zu erkennen glauben, dann gilt 500 Jahre nach Luther und dem Reichstag zu Worms auch hier: Mehr davon!

Hinweis:
Die Positionen der Gastkommentare spiegeln nicht unbedingt die Meinung der Redaktion von „Kirche+Leben“ wider.

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