Rosmarie Leroy war Mitbegründerin des ersten Angebots

Seit 25 Jahren ökumenische ambulante Hospizarbeit in Rheine

Als Rosmarie Leroy in den 1990er Jahren mitten in der Nacht am Bett einer Sterbenden saß, wurde sie von einer Krankenschwester gefragt, was sie da eigentlich mache. „Sie dachte, ich würde ihr Konkurrenz machen, würde ihre Arbeit erledigen.“ Die Begegnung damals zeigt, wie neu der Gedanke der Hospiz-Arbeit war, als die heute 80-Jährige begann, in ihrer Freizeit zu Menschen zu gehen, die todkrank sind.

In diesem Jahr feierte der ökumenische ambulante Hospizkreis in Rheine sein 25-jähriges Bestehen. Leroy war Gründungsmitglied. Sie trieb die Idee der Hospizarbeit mit voran, knüpfte Kontakte, begeisterte andere Freiwillige. Heute, nach hunderten Begleitungen von Sterbenden, nach immer neuen Fortbildungen und nach jahrzehntelanger Reflexions-Arbeit ist sie immer noch nicht an einem Punkt, an dem sie sich auf ihre Routine verlassen kann, wenn sie zu Sterbenden geht. Sie sagt, dass sich jedes Mal eine unbekannte Situation öffnet. „Und die sind so unterschiedlich, wie die Menschen, die sterben.“

Unsicherheit bei den Angehörigen

Leroy war Pastoralreferentin in Rheine und hatte bei ihrer Arbeit immer wieder Kontakt zu Menschen, deren Angehörige schwerkrank waren. „Ich erlebte häufig ihre Unsicherheit, wie sie mit dieser Situation umgehen sollten.“ Wie sie ihre Arbeitszeit darauf abstimmen sollten. Wie sie es schaffen sollten, zu Tages- und Nachtzeit für die Kranken da zu sein. Und nicht zuletzt wie sie in dieser Zeit selbst mit ihren Gefühlen umgehen sollten.

Ein Gedanke setzte sich bei Leroy fest, den sie bis heute unverändert spürt: „Wir dürfen Sterbende und Angehörige nicht allein lassen.“ Damit hatte sie einen Kernsatz der Hospiz-Bewegung für sich persönlich formuliert. Dass dieser in die Entwicklung der Sterbebegleitung jener Jahre passte, erfuhr sie schnell. „Ich traf immer wieder auf Frauen, die ähnlich dachten und aktiv werden wollten.“

Hospizarbeit ist vor allem Frauensache

Es waren vor allem Frauen, die diesen Gedanken damals umsetzten, weiß auch Anna Zeitler. Sie ist beim Caritasverband Rheine heute für die Koordination der ehrenamtlichen Hospizarbeit zuständig. „Vielleicht, weil eine besondere Feinfühligkeit beim Zugehen auf die Sterbenden wichtig war.“

Das ist bis heute so geblieben, sagt sie beim Blick auf ihre aktuelle Helfergruppe. 37 Frauen sind dort aktiv – und drei Männer. Diese drei seien aber wichtig. „Wer sich in einem Bereich engagiert, in dem er ein Exot ist, kommt mit einer besonderen Motivation.“ Es gebe durchaus Situationen, in denen ein sterbender Mann bewusst einen männlichen Begleiter wünsche. „Dann liegen besondere Themen an, etwa Erlebnisse aus dem Krieg.“

Grundsätzlich geht es um die Talente, die jeder ins Team einbringen kann, sagt Zeitler. „Rosmarie hat eine wunderbare Ruhe.“ Zeitler bewundert die Art, mit der ihre Freiwillige auf die Sterbenden zugeht. „Sie kommt in den Raum, schaut, nimmt wahr – sie kann abwarten.“ Damit strahlt sie eine Ruhe aus, die in dieser Situation enorm wichtig ist. Denn sie zeigt: „Ich habe Zeit, ich komme wieder, ich laufe vor den Ereignissen nicht davon.“

Religiöse Ansprechpartnerin

Leroy hat festgestellt, dass ihr auch ihr religiöser Hintergrund viele emotionale Türen öffnet. Die Sehnsucht nach Antworten aus dem Glauben heraus sei bei vielen Sterbenden vorhanden. „Im Umfeld gibt es aber oft keinen, der die richtigen Fragen stellt.“ Wenn sie sieht, dass im Krankenzimmer ein Rosenkranz an der Wand hängt, bietet sie irgendwann ein gemeinsames Gebet an. „Ich habe eigentlich noch nie erlebt, dass das nicht dankbar angenommen wurde.“

Sie begegnet nicht nur in religiösen Dingen immer wieder einer großen Unsicherheit bei den Angehörigen. Das Verdrängen der Situation, das Verharren in Ängsten und Sorgen oder das hilflose Schweigen am Bett zählt sie dazu. „Oft setzen allein die Besucher die Themen, können die Gefühle des Sterbenden nicht verstehen oder ertragen.“ Leroy erzählt die Geschichte der todkranken Frau, deren Töchter ihr immer wieder sagten, dass sie nicht sterben dürfe. „Dadurch war der Tod die ganze Zeit das tragende Thema.“ Als sie als Sterbebegleiterin am Bett saß, erfuhr sie, dass im Gespräch ganz andere Dinge wichtig wurden: „Die Erinnerungen an Urlaube oder an die Kindheit.“

Sie signalisiert, dass sie den Tod akzeptiert

Es klinge vielleicht paradox, aber bei solchen Erinnerung an gute Zeiten signalisiere sie, dass sie den Tod akzeptiere. „Manchmal bin ich die erste Gesprächspartnerin, bei denen die Patienten das spüren.“ Es gehe dann nicht darum, die Situation zu verleugnen, sagt sie. „Es geht darum, sie zu kennen, aber nicht an ihr zu zerbrechen.“

Dass das auch für sie oft ein Sprung über den eigenen Schatten ist, leugnet Leroy nicht. „Ich muss mich manchmal vor dem Zimmer auf einen Stuhl setzen und erst einmal tief durchatmen.“ Vielleicht helfen ihr die eigenen Erfahrungen „von der anderen Seite“ dabei, sagt Leroy. Sie selbst hat ihren Mann lange Zeit gepflegt, bevor er vor einigen Jahren starb. „Ich kann die Tragik durchaus mitfühlen.“

Kraft der Leichtigkeit

Sie kennt aber auch die Kraft der Leichtigkeit, die dann hilft. Die erlebt Leroy oft genug. Immer dann, wenn es der Sterbende ist, der zeigt, dass seine Situation den Blick auf die Dinge gedreht hat. Dass neben Ängsten und Sorgen auch die guten Gefühle ihren Platz haben. Eine Patientin bat zum Beispiel ihren Mann, noch einmal die Vögel hören und sehen zu können. Der stapelte Holz auf der Terrasse, um einen Stuhl darauf zu stellen. Nur so war der Blick auf die Bäume im Garten frei. „Die Frau war glücklich und  starb am folgenden Tag mit diesem Gefühl.“

Der Stuhl auf dem Holzstapel ist für sie ein Bild für die vielen Kleinigkeiten, die entscheidend werden, wenn der Tod naht. „Das Leben wird dadurch wertvoller.“ Es ist ein Wert, den Leroy mit in ihren Alltag nimmt. „Sonst würde ich die Aufgabe als Sterbebegleiterin nicht so lange machen“, sagt sie. „Durch meinen Einsatz aber lerne ich jedes Mal von Neuem, wie viele bereichernde Momente das Leben doch bereithält.“

Deutscher Hospiztag 2019
Der Deutsche Hospiztag findet jedes Jahr am 14. Oktober statt. Zahlreiche Hospiz- und Palliativeinrichtungen nutzen ihn, um auf die Situation schwerstkranker und sterbender Menschen aufmerksam zu machen. Dazu gehören Infostände, Fortbildungsveranstaltungen und Konzerte. Im Bistum Münster beteiligen sich Einrichtungen in Kleve, Kevelaer, Kamp-Lintfort, Dinslaken, Recklinghausen, Datteln, Selm, Werne, Hamm, Lüdinghausen, Dülmen, Ahaus, Emsdetten, Ochtrup, Dinklage, Vechta, Cloppenburg, Varrel und Wilhelmshaven. Der Termin steht immer in zeitlicher Nähe zum Welthospiztag am 12. Oktober, der in diesem Jahr unter dem Motto „Buntes Ehrenamt Hospiz“ steht.