Interview mit Winfried Verburg

„Unsere Schulen sind kein Selbstzweck“

Im NRW-Teil des Bistums Münster hat die Schule wieder begonnen. 68 Schulen unterschiedlicher Formen sind in der Diözese in Trägerschaft von Bistum, Ordensgemeinschaften oder anderen kirchlichen Einrichtungen. Katholische Schulen sind beliebt, aber in der Gesellschaft spielt die Kirche eine immer geringere Rolle. Braucht es da noch katholische Schulen? Eine Frage, die der Leiter der Abteilung Schulen im Bischöflichen Generalvikariat Osnabrück beantwortet.

Kirche+Leben: Herr Verburg, haben katholische Schulen in der heutigen Gesellschaft ein Identitätsproblem?

Winfried Verburg: In der Vergangenheit haben katholische Schulen Bildungsmöglichkeiten vor allem dort angeboten, wo der Staat noch nicht für ein vielfältiges Bildungsangebot sorgte: im Bereich der Förderschulen, in der beruflichen Bildung, hier vor allem in sozialen Berufen, und im ländlichen Raum mit Real­schulen und Gymnasien, wo der Staat nur Volksschulen vorhielt. Die Zeiten sind zum Glück vorbei, denn die öffentlichen Schulträger sorgen in Deutschland für ein differenziertes Bildungsangebot. Neu ist nun, dass zurückgehende Schülerzahlen zu einer bisher nicht gegebenen Konkurrenzsituation zwischen öffentlichen und kirchlichen Schulen führen. Daher ist es richtig zu fragen, welche Aufgaben katholische Schulen in unserem Land heute und morgen haben und wie wir sie aufstellen müssen, um diesen Aufgaben gerecht werden zu können.

Was rechtfertigt noch das Engagement der Kirche im Bereich der Schulen?

Schulen gehören für die katholische Kirche nicht zur Kür, sondern zur Pflicht. Dafür hat sich das Zweite Vatikanische Konzil deutlich ausgesprochen. Der Staat darf nicht der einzige Schulträger sein, sondern "jedwedes Schulmonopol" muss ausgeschlossen sein. Auch das Kirchenrecht spricht eine eindeutige Sprache: Es ist Aufgabe des Diözesan­bischofs, dafür zu sorgen, dass katholische Schulen  gegründet werden. Zudem stehen alle Gläubigen in der Pflicht, die katholischen Schulen zu fördern, indem sie nach Kräften zu ihrer Gründung und Erhaltung beitragen. Also: Katholische Schulen gehören zum Kernbereich des kirchlichen Engagements und sind wichtige Schnittstellen zwischen Kirche und Gesellschaft: Wo sonst hat Kirche den Kontakt mit so vielen Kindern und Jugendlichen und an rund 200 Schultagen pro Schuljahr?

Öffnung für alle oder Rückzug auf christliche Inhalte und Strukturen: Welchen Weg sollten katholische Schulen dabei gehen?

Katholische Schulen sind kein Selbstzweck. Sie dienen den jungen Menschen, die sie besuchen. Das Ziel muss es sein, diesen jungen Menschen gute Voraussetzungen zu geben, damit sie ihr Leben selbst gestalten können, indem sie Verantwortung für sich selbst, für andere und für das Gemeinwesen übernehmen. Neben dem Fachunterricht bedarf es daher an katholischen Schulen auch der Zeit, um über den Sinn des Gelernten nachzudenken. Weiter sind Anlässe über den Religionsunterricht hinaus nötig, die Frage nach Gott zu stellen. Zudem sind Möglichkeiten unerlässlich, Freiheit einzuüben, zunehmend Verantwortung für sich selbst zu übernehmen und sich für andere, vor allem Benachteiligte, einzusetzen. Eine Schule, die dies bietet, ist katholisch, unabhängig von der religiösen Zusammensetzung der Schulgemeinschaft.

Warum ist die katholische Kaderschmiede kein aktuelles Modell mehr?

Die jungen Menschen, die heute katholische Schulen besuchen, stehen vor der Aufgabe, eine Gesellschaft zu gestalten, die weltanschaulich plural sein wird. Sie werden überall auf Menschen anderer Religionen treffen. Wenn wir nicht wollen, dass Religion dort zum Tabu wird, über das man nicht spricht, müssen junge Menschen lernen, über die eigenen religiösen Überzeugungen mit Menschen anderer Überzeugungen zu sprechen. Wo könnte man das besser vorbereiten als in der Schule?  Daher bin ich davon überzeugt, dass katholische Schulen sich auch für Schülerinnen und Schüler anderer Konfessionen, Religionen oder Weltanschauungen öffnen sollen.

Was sagen Sie katholischen Eltern, die Sorge haben, ihr Kind könnte an Schulen mit einen größeren Anteil an nicht katholischen Schülern und Lehrern den eigenen Glauben nicht mehr lernen und leben können?

Die Schulstiftung im Bistum Osnabrück hat vor vier Jahren eine Grundschule gemeinsam mit der jüdischen Gemeinde und muslimischen Verbänden gegründet mit getrenntem Religionsunterricht und Projekten des gemeinsamen Lernens. An dieser Schule spielt Religion eine große Rolle, vielleicht eine größere als an manchen katholischen Grundschulen. Erste Erfahrungen zeigen: Die jüdischen, christlichen und muslimischen Kinder lernen die eigene religiöse Tradition gerade auch an den Unterschieden zu den anderen. Daher teile ich als Verantwortlicher von katholischen Schulen mit islamischem Religionsunterricht und als Vater diese Sorge nicht.

Sollten zuerst katholische Kinder an kirchlichen Schulen einen Platz bekommen und erst dann Andersgläubige?

Es ist immer eine schwierige Entscheidung, Eltern, die ihr Kind an eine katholische Schule schicken wollen, eine Absage zu geben. Das Kriterium der Entscheidung sollte aus meiner Sicht aber sein, für wen das Angebot der jeweiligen Schule notwendiger ist. Die Konzilsväter haben den katholischen Schulen die Sorge aufgetragen für die Bedürfnisse derjenigen, "die an zeitlichen Gütern arm sind, die Hilfe und Zuneigung der Familie entbehren oder dem Geschenk des Glaubens fernstehen" (Erklärung über die religiöse Freiheit des Zweiten Vatikanischen Konzils, 9,3). Zur Zeit kommen Kinder in unser Land, die alle drei Kriterien erfüllen, nämlich unbegleitete minderjährige Flüchtlinge, die meist nicht katholisch sind. Die nehmen wir auf. Wenn wir katholischen Kindern eine Absage geben, dann nicht, weil ein muslimisches Kind den Platz bekommt. Grund für die Absagen sind eher vertragliche Regelungen mit den Kommunen, um öffentliche Schulen zu stärken. Denn auch ein kirchliches Schulmonopol wäre nicht im Sinne des Konzils.