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Fotostrecke zum 80. Geburtstag von Franziskus

Unterwegs in Buenos Aires: Wo der Papst groß geworden ist

Am 17. Dezember wird Franziskus 80 Jahre alt. Reportage und Fotostrecke aus Flores, einem Stadtteil der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Dort hat der Papst seine Kindheit und Jugend verbracht.

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Mit einem Klick auf das Bild öffnet sich eine Fotostrecke.

Vor 80 Jahren hatte der Barrio Flores noch große, brach liegende Flächen und Wiesen zwischen den Siedlerhäusern. Dort konnten die Jungen stundenlang Fußball spielen“, erklärt Ernesto Röll. Auch der berühmte Sohn des Stadtviertels von Buenos Aires sei ein begeisterter Fußballer gewesen. „Wenn auch ein durchschnittlicher. In Flores liegen das Geburts- und Elternhaus von Jorge Mario Bergoglio, der Kindergarten, die Grundschule und die Kirche, in der er zum Priester berufen wurde.“

Röll ist Guia, Fremdenführer. Er hat sich auf die Herkunftsgeschichte von Papst Franziskus spezialisiert. An diesem Tag leitet er eine Kirche+Leben-Reisegruppe aus dem Bistum Münster durch die Straßen. Der Barrio Flores, dem Blumen den Namen gaben, sei das bevorzugte Stadtviertel italienischer Einwanderer gewesen, erzählt er. Auch Jorges Großeltern seien 1929 aus der Region Piemont dorthin nach Argentinien ausgewandert. Rund sieben Jahre vor der Geburt von Bergoglio.

Mittelstands-Häuser mit gepflegten Vorgärten

Ernesto Röll stammt selbst aus Flores. Er liebt die Gegend, die auch heute hübsch anzusehen ist. Hellbraune und rote Mittelstands-Häuser mit schmalen, gepflegten Vorgärten reihen sich diskret aneinander. Die mit Alleebäumen bestandenen Straßen wirken still, nahezu dörflich.

Mittagsruhe liegt auf der Membrillar, wo der Papst einst mit seinen Eltern und den vier Geschwistern lebte. Während Bergoglio im Elternhaus neben Spanisch auch Italienisch lernte, musste Röll Deutsch sprechen: „Sonst gab es kein Mittagessen“, erzählt der 63-Jährige. Das habe damals zu einer typisch argentinische Migranten-Kindheit dazugehört: „das neue Einwanderungsland zu erobern und die Verwurzelung in der Herkunftskultur zu erhalten“.

Ein „Kind des Viertels“

Franziskus sei auch als Papst ein Kind des Viertels geblieben. „Als er nach seiner Wahl in Rom nicht mehr zurückkehren konnte, rief er seinen Zeitungsmann an, um sein Abo zu kündigen“, weiß Röll und kennt viele weitere Anekdoten, die man sich in Flores erzählt.

So habe Franziskus mit dem befreundeten Silberschmied im Viertel telefoniert, um sich einen Kelch für sein neues Amt anfertigen zu lassen. Leider kann sich der breite Reisebus nicht durch die schmale Straße quetschen, um am Geschäft Station zu machen. Nächster Stop ist deswegen Bergoglios staatliche Grundschule: La Escuela Nº 8 D.E. 11 Cnel. Ing. Pedro Antonio Cerviño in der Straße Varela 368.

Die Schule

Zum Jubiläum der Schulgründung vor hundert Jahren im November 2015 hatten Kinder und Lehrer den berühmten Absolventen eingeladen. „Leider vergeblich“, bedauert Directora Roxana Domínguez. Stolz führt sie die Gruppe durch das weite Foyer entlang an verglasten Rippenfenstern zu beiden Seiten. Dahinter folgen weiß bekittelte Grundschüler dem Unterricht.

Domínguez' Ziel ist das Klassenzimmer, in dem Jorge Mario Bergoglio das ABC gelernt hat. An der Wand vor der Eingangstür hängt eine Gedenktafel und daneben ein Klassenfoto mit ihm aus dem Jahr 1943. Jorges Kopf ist mit einer Umrandung markiert. Der Raum ist freundlich und voller Kinderbänke. Die Wände schmücken bunte Zeichnungen.

Schulleiterin Roxana Domínguez und Pförtnerin Andrea Domínguez – sie tragen denselben Nachnamen, sind aber nicht verwandt – haben noch weitere Schätze zu bieten: Das Registro de Grado (Klassenbuch) sowie das Registro y plantillas aus dem Jahr 1945, in dem die Abschlussnoten aller entlassenen Schüler dokumentiert sind. „Suficiente“ steht neben dem Namen von Jorge Bergoglio in der fünften Reihe – „befriedigend“. Wie bei fast allen Klassenkameraden seines Jahrgangs. „Jorge war ein Durchschnittsschüler“, sagt die Schulleiterin mit freundlichem Lächeln.

Das Geburtshaus

Die nächste Station ist das Geburtshaus in der Varela 268 – ein unscheinbares, mit schmuddeligem Weiß verputztes einstöckiges Haus, das nach hinten ausgebaut ist. „Casa chorizo, Wursthaus, nennen wir so etwas. Hier erblickte Bergoglio mit Hilfe einer Hebamme das Licht der Welt“, sagt Röll und weist auf die Gedenktafel mit dem Geburtsdatum 17. Dezember 1936 und dem Tauftermin 26. Dezember 1936 hin.

Jorge war der Älteste von fünf Geschwistern, der schon früh Verantwortung übernahm. Die Großmutter sei streng katholisch gewesen, erzählt Röll zurück im Bus auf den Weg zum Elternhaus in der Straße Membrillar 531. Sie sei es gewesen, die seinen religiösen Weg geformt habe. Der Vater war in der Verwaltung einer Strumpffabrik tätig. „Ein solider Job. Das Erforderliche für die Familie brachte er nach Hause. Luxus gab es aber nicht.“

Heute lebe nur noch eine Schwester des Papstes in Ituzaingó, etwa 60 Kilometer von Buenos Aires entfernt. Jeden Samstag teleforniere sie mit ihren Bruder, erzählt Röll. Nicht ganz chronologisch exakt, aber dem komplizierten Einbahnstraßensystem von Flores geschuldet, macht der Bus erst noch einen Abstecher zum Instituto Señora de la Misericordia (etwa: Unsere liebe Frau der Barmherzigkeit) in der Avenida Directorio 2138. „Dort waren der Kindergarten und die Kirche, in der Jorge die erste heilige Kommunion empfing“, sagt Röll und lässt für einen kurzen Fotostopp anhalten. Heute ist hier unter anderem ein Lehrerbildungs-Institut untergebracht.

Das Elternhaus

Wenige Busminuten später steht die Reisegruppe vor dem roten bürgerlichen Elternhaus des Papstes, das die Stadtoberen von Buenos Aires vor kurzem unter Denkmalschutz gestellt haben. Ein Handwerker auf einer Leiter führt gerade Reparaturarbeiten an den Gittern der Fenster aus. Auch hier hinein kann die Gruppe nicht gehen. Das Haus ist bewohnt.

Ernesto Röll will erfahren haben, dass dort zurzeit ein Seminarist lebt, der es sich kurz vor der Priesterweihe anders überlegt hat. Mythos, Anekdote oder Gerede – für Röll steht diese Erzählung dem großzügigen argentinischen Papst gut zu Gesicht. „Zudem sieht das Haus heute anders aus als zu Jorges Zeiten“, sagt der Guia. Früher sei es einfacher gewesen und habe keinen solchen Balkon gehabt.

Röll führt seine Gruppe ein paar Schritte die stille Membrillar-Straße entlang bis zur Herminia Brumana, einem schmalen Platz, auf dem sich Jorge nachmittags mit den Nachbarskindern zum Kicken und Spielen traf. Jetzt stehen hier Bänke um ein gepflastertes Rondell. Im Boden ist eine riesige metallene Platte mit den Insignien des Papstes eingelassen. Der einstige Bolzplatz ist Touristen-Point geworden.

Die Basilika der Priesterberufung

Doch einen Höhepunkt gibt es noch: die Basilica San José de Flores, die neugotische Kirche aus den 1885er Jahren in der Avenida Rivadavia. Nach einem Beichtgespräch und inbrünstigen Gebeten soll Bergoglio hier seine Berufung zum Priester gespürt haben. Die Kirche ist dem heiligen Josef geweiht, dem Patron der Arbeiter. Er trägt in einer Seitenkapelle das Jesuskind auf dem Arm – ein ungewöhnliches Bild, steht diese Rolle doch meist der Muttergottes zu. Der Raum ist gefüllt mit Betern.

Touristen bewundern das prachtvoll bemalte Kreuzrippengewölbe in der Hauptkirche. Der 13-jähriger Jorge habe als Reinigungskraft nach der Schule in der Fabrik seines Vaters gearbeitet. Als er seine Berufung zum Priester vernahm, hatte der 17-Jährige gerade in einem Labor eine Ausbildung zum Chemietechniker begonnen. Die Mutter, nach dem fünften Kind gelähmt, wollte, dass ihr ältester Sohn Arzt wird. Auf die Entscheidung Jorges, Priester zu werden, gar Jesuit, habe die Familie zuerst kritisch reagiert, erzählt Röll.

Das Elendsviertel

Die weiteren Lebensstationen führen Bergoglio bald aus seinem Viertel heraus. Und doch ist der Papst bis heute mit Flores verbunden, nicht zuletzt durch seinen Lieblingsfußballverein. Röll lässt den Bus deswegen extra an dem gigantischen Stadion vom Club Atlético San Lorenzo de Almagro mit seinen blauroten Vereinsflaggen vorbeischleichen.

Direkt gegenüber dem Komplex beginnt Bajo Flores – das Elendsviertel. Die Reisegruppe erhascht einen kurzen Blick auf dicht aneinander gepresste Hütten und verwahrloste Häuser mit unzähligen Antennen. Die Wege sind ungepflastert, die hölzernen Strommasten kaum höher als die niedrigen Häuserdächer. „Dort ist er allein hineingegangen, hat mit den Familien geredet und ihnen die persönliche Taufe versprochen“, weiß Röll. „Heute traut sich die Polizei nur mit kugelsicheren Westen und Panzerfahrzeugen hinein.“ Bajo Flores sei wegen der Gewalt und Drogenkriminalität eines der unsichersten Villas der Hauptstadt.

Die Kathedrale

Am Ende der Führung erzählt Röll noch, dass er Bergoglio „selbst drei oder vier Mal“ begegnet ist. Einmal am Plaza de Mayo im Herzen von Buenos Aires. Dem Maiplatz, wo die weiße stattliche Kathedrale des späteren Erzbischofs nahe dem roten Präsidentenpalast und der weißen Stadthalle steht. „Er hat immer stillschweigend und schwer gearbeitet“, berichtet Röll, „nie die Aufmerksamkeit der Menschen und Medien gesucht“.

Deswegen seien die Argentinier auch überrascht gewesen über seine Wahl zum Papst. „Damit hatte keiner von uns gerechnet.“ Als der Erzbischof von Buenos Aires Antonio Quarracino 1998 starb, habe sich sein Nachfolger Bergoglio nicht einmal neu für das Amt eingekleidet. „Er ließ die alten Sachen seines Vorgängers einfach länger und enger machen“, sagt Röll.

„Ich habe ihn mit der Zeitung unterm Arm gesehen, wie er einen der grünen Busse anhielt und mit der Magnetkarte bezahlte.“ Jorge Mario Bergoglio sei oft mit dem Bus nach Bajo Flores gefahren. Er sei schon immer ein Mann der Armen und einfachen Leute gewesen.

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