Die Mauritzer Franziskanerinnen erinnern sich

Warum Helmut Kohl inkognito in Haltern war

„Als gläubiger Katholik ist es immer ein Trost gewesen, ein Grab zu haben, an dem wir trauern konnten und an dem ich beten konnte. Wann immer ich am Grab meines gefallenen Bruders gestanden habe, ist mir vieles durch den Kopf gegangen, vor allem die Sinnlosigkeit des Krieges“, sagte Helmut Kohl 2013 in einem Gespräch mit der „Halterner Zeitung“ über seine Besuche am Grab seines Bruders Walter, der Ende November 1944 nach einem Fliegerangriff in Haltern starb und auf einem Gräberfeld für gefallene Soldaten begraben liegt.

Der vor einigen Wochen verstorbene Altbundeskanzler, 1930 geboren, ließ sich bis zu seiner schweren Erkrankung 2008 einmal im Jahr von seinem Chauffeur und Freund Ecki Seeber nach Haltern fahren, um meist inkognito das Grab seines vier Jahre älteren Bruders zu besuchen.

Grab Walter Kohl
Auf dem katholischen Friedhof in Haltern ist das Grab von Helmut Kohls Bruder Walter, der 1944 bei einem Fliegerangriff zu Tode
kam. | Foto: Johannes Bernard

Viele Jahre kümmerten sich Mauritzer Franziskanerinnen um das Grab aus dem Friedhof von St. Sixtus. Besonders Schwester Werneris legte oft eine Blume ans Grab und hielt die Anlage sauber. Schwester Werneris hatte auch wohl deshalb eine Beziehung zum Soldatengrab, weil ein Bruder von ihr ebenfalls als junger Mann im Zweiten Weltkrieg fiel.

Innige Beziehung zum Bruder

An eine Begegnung mit Helmut Kohl 1989 erinnert sich Schwester Hildeborg noch heute gut: „Wir hatten ein Kaffeetrinken vorbereitet. Helmut Kohl bedankte sich bei den Schwestern, die sich um das Grab kümmerten. Es war eine gemütliche Stunde und eine angenehme Unterhaltung.“

Wie Helmut Kohl in Zeitungsgesprächen sagte, verband ihn eine innige Beziehung zu seinem Bruder Walter: „Mein Bruder war vier Jahre älter als ich. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis. Der Moment, als ich zum letzten Mal von ihm Abschied nahm, gehört ebenfalls zu den prägnanten Bildern meines Lebens. Ich hatte ihn, als er nach einigen Tagen bei uns zu Hause wieder in den Krieg musste, sehr früh am Morgen noch zur Straßenbahnhaltestelle begleitet, die fünfzig Meter von unserem Haus entfernt war. Beim Einsteigen drehte er sich um und sagte plötzlich und ohne jede Vorwarnung: ›Pass auf dich auf, ich komme nicht wieder. Und kümmere dich vor allem um Mama.‹“

Walter Kohl sollte recht behalten. Als er am 19. November 1944 im Rahmen eines Militärtransports in den Halterner Bahnhof einfuhr, wurde dieser von Alliierten bombardiert. Walter Kohl erlitt schwere Verletzungen und starb Tage später.