Erklärt: Die Gesten in der Liturgie

Was bedeuten geöffnete Hände im Gottesdienst?

Der Mensch ist ein Macher, in vielerlei Hinsicht. Nicht aber, wenn es um das Leben selbst geht. Oder um das Sakrament, das Jesus selbst ist. Daran erinnert eine wichtige Geste im Gottesdienst.

Es ist schon erstaunlich, was wir Menschen meinen, aus uns machen zu können. Dabei hat das Wesentliche des Lebens gerade nichts mit Machen zu tun. Im Gegenteil.

Keiner kann etwas dafür, dass er auf der Welt ist. Positiv formuliert: Dass wir leben, ist ein Geschenk. Auch wenn man nicht zu Unrecht sagt, es sei die Mutter, die einem Kind das Leben schenkt – und das für gewöhnlich unter großem Schmerz und gewaltiger Anstrengung: Dass ein Mensch Mensch wird, bleibt bei aller biologischen und medizinischen Erkenntnis geheimnisvoll. Staunenswert ohnehin.

Die erste Geste des Lebens

Aber dies hier ist wichtig: Die erste große Geste des Lebens ist das Empfangen. Und damit ist weit mehr gemeint als die Auslieferung eines Pakets zu quittieren, für dessen Inhalt meist irgendwer bezahlt hat. Das erste Empfangen, das Ur-Empfangen noch vor der „Empfängnis“ also, ist einerseits kostenlos und andererseits unbezahlbar. Und das heißt: Was wirklich wichtig ist im Leben, das lässt sich nicht erarbeiten, verdienen oder durch Leistung erwerben. Das heißt aber auch: Keiner hat einen Anspruch darauf.

Das gilt für das Leben, das gilt für die Liebe. Darum, nebenbei gesagt, ist es fürchterlich dumm und banal zu meinen, Liebe ließe sich machen. So wie der Flower-Power-Slogan riet: „Make love, not war.“ Krieg kann man in der Tat machen, er geschieht nicht einfach so, sondern ist immer eine bewusst gesetzte Aggression. Liebe hingegen geschieht, ist auf einmal da. Sie mag wachsen mit der Zeit, wenn sie gut gepflegt und achtsam gehütet wird. Aber sie ist und bleibt ein Geschenk.

Das Wichtigste wird empfangen

Liebe und Leben – das Wichtigste wird empfangen. Und darum ist das Empfangen, wie gesagt, die erste Ur-Geste des Lebens, die menschlichste aller Gesten, die darum auch etwas Grundlegendes über den Menschen aussagt: Mach dir nichts vor! Tun, Machen und Leisten sind nicht alles. Du verdankst dich nicht dir selbst.

Natürlich sagt sich das so leicht, weil unser Alltag etwas ganz anderes zeigt. Da gilt es, Geld zu machen, sich einen Namen zu machen, zu schaffen, zu bauen, zu verdienen. Und es ist reichlich naiv zu meinen, das alles hätte letztlich keinen Sinn, wäre ja doch ziemlich oberflächlich und daher eines Christen nicht würdig. Das ist grober Unfug. Denn selbstverständlich hat jeder auch eine Verantwortung für sein Leben und für das Leben des und der Nächsten.

Die passende Geste

Allerdings machen Einkommen, Ansehen, Erfolg, Geld und ein Dach über dem Kopf keinen Menschen aus. Und umgekehrt gilt: Natürlich ist auch ein um Stimme, Stellung, Heimat oder Besitz gebrachter Zeitgenosse ein würdevoller und wunderbarer Mensch wie jeder andere. Offenkundig muss man das in diesen Tagen wieder ins Gedächtnis rufen. Arme wie Reiche eint, dass keiner sich das Leben selber geben konnte.

Bezeichnenderweise kehrt sich die Aussage da ins Gegenteil, wo sich ein Mensch selber das Leben nehmen will. Nein, jeder Mensch ist zuallerst Empfangender. Wie wunderbar, dass die dazugehörende Geste der ineinandergelegten, nach oben offenen Hände genau dies ausdrückt. Im katholischen Gottesdienst vor allem bei der Kommunion, die so die Ur-Geste des Menschseins wiederholt: Ich empfange das Leben, den Schöpfergott.

„Gratis“ und „gratia“

Und das natürlich und selbstverständlich bedingungslos, ohne Vorleistung, ohne Kleingedrucktes. Vor allem aber kostenlos, gratis. „Gratis“ hat mit „gratia“ zu tun, dem lateinischen Wort für Gnade. Biblisch gesprochen: „Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade.“

Darum müssen alle selbstgemachten (und sei es kirchlich selbstgemachten) Voraussetzungen für den Empfang dieses Gottes, der das Leben in Fülle ist, so unglaublich kleinkariert wirken. Wie gut, dass immer mehr Bischöfe betonen, dass die Kommunionbank keine Richterbank ist.

Das Beschenkt-Werden zulassen

Umso wichtiger ist es, dies einzuüben: Wo ich empfange, wo ich das grund- und bedingungslose Beschenkt-Werden zulasse und annehmen kann, da werde ich immer mehr das, was ich bin. Ein Mensch, der sich selber und anderen geschenkt ist. Von einem, dessen Wesen es ist, sich selbst zu geben. Immer und ganz.