Geistlicher Leitartikel von Chefredakteur Markus Nolte

Weihnachten – das Fest der Zugehörigkeit in einer Zeit voller Fremdheit

Anzeige

Kein Weihnachten ohne Krippe, ohne Christkind, Maria und Josef. Und darüber ein Engelschor, der vom Frieden in der Welt singt. Was hat das mit unserer Realität zu tun? Sicher, wir könnten uns in diese Idylle flüchten und uns ein Wohlgefühl gönnen in dieser schweren Zeit. Oder einfach wirklich Weihnachten feiern. Ein geistlicher Leitartikel von Chefredakteur Markus Nolte.

Letzten Endes war es ein fremdes Jahr. Was hatten wir gehofft, dieses vermaledeite Virus hinter uns lassen zu können, all die Abstandhalterei, die Grund­skepsis, die im anderen immer auch etwas Bedrohliches fürchten muss. Gut, wir sehen uns wieder mehr ins Gesicht und sehen wieder mehr vom Gesicht, wir sind wieder mehr beieinander, geben uns die Hand und herzen uns. Das ist gut, wirklich gut.

Und doch bleibt Ansteckung in der Luft – jetzt dann Grippe wie lange nicht, üble Erkältungen, heftige Infektionen mit dem RS-Virus, das vor allem Kindern massiv zusetzt. Es ist, als würden wir einfach nicht gesund. Wir leben ein fremdes Leben.

Die guten Jahre sind vorbei

Zu allem Übel brach Krieg aus, überfiel Russland die Ukraine, sterben Menschen, leben in Angst, auf der Flucht, in fremden Ländern, versuchte Putin Europa auseinanderzubringen, entstehen aus militärischen Drohungen, Inflation, Energieverknappung, unterbrochenen Handelsketten und taktischen Desinformationen Angstkulissen wie seit 77 Jahren nicht mehr.

Zeitenwende ist das Wort des Jahres: Vieles ist nicht mehr, wie es war, wird es womöglich nie wieder. Die guten Jahre sind vorbei, sagen viele. Wir leben ein fremdes Leben.

Nicht mal an Weihnachten volle Kirchen

Und in der Kirche geht der Abbruch weiter. Die Austrittszahlen auf Rekordniveau, kaum minder das Unverständnis vieler Engagierter darüber, wie langsam – wenn überhaupt – es mit so notwendigen Reformen vorangeht, wie unbeirrbar die Verantwortlichen in Rom den Anstoß für alle Reformnotwendigkeit ignorieren: den tausendfachen Missbrauch von Priestern an Kindern.

Und: Da dachte man, wenigstens an Weihnachten kämen die Leute noch zum Gottesdienst, und sei es der heimeligen Atmosphäre wegen, der Kerzen und Lieder, der Tradition und der Rituale. Nicht einmal mehr das. Zur ersten Christmette ohne Lockdown zieht es gerade einmal 15 Prozent der Bundesbürger. Wir leben ein fremdes Leben.

Der Gesang der Engel bleibt ein Sehnsuchtslied

Lange nicht war die Sehnsucht so groß, wen wundert's. Nach Vertrautem und Vertrauen, Sorglosigkeit und Gesundheit, nach Frieden und Ruhe – nach dem, was die Bibel so groß und großartig  und umfassend „Heil“ nennt. Und den, der es bringt, den „Heiland“ – herzlich besungen in vielen Weihnachtsliedern.

Doch was bringt er denn wirklich? Es ist doch beileibe nicht so, dass mit seiner Geburt im Stall vor den Toren von Betlehem der Weltfriede ausgebrochen wäre. Im Gegenteil. Die Botschaft der Engelschöre „Friede auf Erden!“ – dieser Gesang ist ein Sehnsuchtslied geblieben, das älteste der Welt womöglich, steht längst im Ruf, die ewige Hitparade der kitschigsten, naivsten Schlager alter Zeiten anzuführen.

Weihnachten ist kein Machtfest

Gleichwohl: Wer Weihnachten so versteht, macht es sich zu leicht. Wollte und würde Gott eingreifen in all das Unheil dieser Welt, er hätte wohl einen anderen Weg gewählt, einen „effektiveren“, wenn man so will. Nein, Weihnachten ist kein Machtfest, da kommt kein Dreinschläger, kein Haudegen, kein Führer, der mal ordentlich aufräumt – und dann wären Ruhe und Frieden und so.

Gottes Machtwort: Er selber. Seine Machttat: Er entäußert sich all seiner Gewalt. Gott gesellt sich zu uns und rührt damit an unsere größte Sehnsucht – die nach Zugehörigkeit, nach Ansehen, nach Geborgenheit. Sehnsucht aber sehnt nie nach etwas Unbekanntem, sondern nach etwas, das wir erlebt, erfahren haben, das uns jedoch abhanden gekommen ist, das wir verloren haben oder verlassen mussten.

Der Engel des Vergessens

Allem voran die Erfahrung einer unbedingten Liebe. Die großen Weisheitstraditionen lehren, dass die Erinnerung an diese Grunderfahrung mit unserer Geburt in Vergessenheit gerät; manche erzählen gar von einem Engel, der gewissermaßen unter der Geburt herniederschwebt, uns mit dem Finger auf den Mund schlägt (daher die Kerbe über der Oberlippe ...), sodass diese tiefe Erinnerung unaussprechbar bleibt.

Das spüren wir als Sehnsucht, die uns von Anfang an bewegt, zumal jede Geburt einer Vertreibung aus dem Paradies gleicht. So kommt der Mensch zur Welt – ganz und gar angewiesen auf Begegnung, Zugehörigkeit, Ansehen.

Dass Gott Kind wurde, ist nicht allein entscheidend

Ob uns darum das Kind in der Krippe so anrührt – der große Gott als kleines Wesen, der Mächtige in völliger Ohnmacht, der Schöpfer der Welt als wehrloses Geschöpf? – Doch eine solche Sicht auf Weihnachten und in die Krippe bliebe immer noch zu sehr beim Offensichtlichen – und das wäre zu wenig.

Das Entscheidende ist nicht allein, dass Gott Kind, Mensch wurde. Das Entscheidende ist, dass er zu uns kommt, sich zu uns gesellt, in dieser Welt, in dieser Zeit, auch und gerade in dieser fremden Zeit und Welt und Kirche.

Das Christkind will nicht angebetet werden

„Gott naht sich mit neuer Huld“ – diesen Vers aus der zweiten Strophe des wunderbaren Adventslieds „Kündet allen in der Not“ haben wir über dieses Weihnachtsfest geschrieben. Das zeigt auch das Gemälde oben aus der Werkstatt von Botticelli ganz grandios: Das Christkind will nicht angebetet werden, nicht uns zu Demut verleiten, zum gebeugten Knie vor aller Macht.

Gottes Menschwerdung verlangt von uns kein Gloria. Sie verlangt überhaupt nichts. Sie will nichts. Erwartet nichts. Sie ist schon gar nicht die dumpfe Aufforderung, es ihm gleichzutun und „einfach Mensch“ zu werden. Sie ist überhaupt keine Aufforderung.

Das Kind berührt die Mutter

Sandro Botticelli (Werkstatt), Madonna mit Kind und Johannesknaben (ca. 1490-1500, Detail).Sandro Botticelli (Werkstatt), Madonna mit Kind und Johannesknaben (ca. 1490-1500), Städel-Museum, Frankfurt.

Sie ist nichts als Gabe. Auf dem Gemälde ist es denn auch weniger Maria, die sich um ihren Neugeborenen kümmert – wenngleich dies zugegebenermaßen kein Weihnachtsbild ist, sondern einen schon etwas älteren Jesus (in Gänze mit Johannes dem Täufer, siehe kleines Bild) zeigt. Nicht Maria jedenfalls ist hier die, die schützt und umsorgt; es ist vielmehr das Kind, das die Mutter berührt, sich ihr naht, sie anschaut und ihr Ansehen schenkt.

Das ist das schlichte, große Zeichen von Weihnachten: dass Gott uns nah ist, der Immanuel, Gott mit uns. Liebe. Ohne Macht. Nähe inmitten alles Fremden, das uns in dieser Zeit umgibt: „Gott naht sich mit neuer Huld. Ewig soll der Friede währen.“ An Weihnachten blitzt die uralte Erinnerung an den Grund unserer Sehnsucht auf – wie ein Stern, dessen Funkeln aus unerdenklicher Zeit kommt.

In der Ankunft Gottes in unserer Zeit nähert sich uns so gesehen unsere eigene Herkunft. Und das Christkind in der Krippe, Immanuel, „Gott mit uns“ ist unsere Zugehörigkeit.

Das muss reichen. Das ist alles.