Jury-Mitglied Gabriele Cramer zur Bekanntgabe des Preisträgers am 15. März

Wie das beste katholische Kinder- und Jugendbuch gefunden wird

Morgen wird das Sieger-Buch des Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises bekannt gegeben. Die Religionspädagogin Gabriele Cramer aus Ascheberg-Herbern im Kreisdekanat Coesfeld gehört seit 2007 zur Jury. Im Interview sagt sie, wie die Jury vorgeht und welche Gesichtspunkte wichtig sind.

„Kirche+Leben“: Frau Cramer, was reizt Sie als Mitglied der Jury an dem Auswahl-Prozess für den katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis mitzuwirken?

Gabriele Cramer: Die hoch engagierte, emotional dichte Diskussion der neun Personen der Jury! Für mich hat die Mitarbeit schon während meiner schulischen Berufstätigkeit den Blick geweitet. Es war beglückend, in diesem Expertenkreis diskutieren zu können und das Feld Schule auch mal ein wenig verlassen zu dürfen. Ich arbeite wegen dieser qualifizierten Diskussionen gern dort mit.

Gabriele Cramer ist seit 2007 Mitglied der Jury für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis.Gabriele Cramer ist seit 2007 Mitglied der Jury für den Katholischen Kinder- und Jugendbuchpreis. | Foto: Privat

Dann gibt es auch die Momente, wenn man plötzlich merkt: Das wäre mir so nie aufgefallen – was für ein Schatz ist dieses Buch! Es ist für mich eine beglückende Erfahrung, dass alle Jury-Mitglieder die Bücher intensiv und unterschiedlich lesen. Der Austausch ist heftig, und man ist enttäuscht, wenn man sich von einem liebgewonnenen Buch verabschieden muss.

Wie lesen Sie die vielen Bücher? Am Schreibtisch oder gemütlich auf dem Sofa?

Es gibt unterschiedliche Lese-Phasen. In der ersten Phase, in der ich detailliert etwas Schriftliches vorlegen muss, lese ich und notiere, was mir auffällt. Das mache ich am Computer. In der zweiten Phase, wenn ich  mich darauf vorbereite, in der Gruppe gut zu argumentieren, lese ich anders. Das ist emotionaler. Dann liege ich auch mal auf dem Sofa. Ich lese auch gern in Cafés.

Welche Kriterien sind Ihnen beim Lesen besonders wichtig?

Die Kriterien, die die Deutsche Bischofskonferenz aufgestellt hat, sind: „Die Bücher, die ausgezeichnet werden, sollen religiöse Erfahrungen vermitteln, Glaubenswissen erschließen und christliche Lebenshaltungen verdeutlichen. Sie sollen das Zusammenleben von Gemeinschaften, Religionen und Kulturen fördern. Dabei muss die transzendente und damit religiöse Dimension erkennbar sein.“

Letzteres ist mir besonders wichtig und gibt für mich die Legitimation für die Empfehlung mancher Bücher.

Wie meinen Sie das?

Es ist wichtig, dass die Bücher den genannten Kriterien entsprechen. Das heißt eben nicht, dass es ausschließlich dezidiert christliche Themen, Motive und Inhalte sein sollten. Deshalb habe ich immer im Blick: Welche Bücher sind offen für religiöse Fragestellungen? Auf religiös relevante Literatur kommt es an. Als Beispiel möchte ich das Thema „Lüge und Wahrheit“ nennen. Das eröffnet – natürlich vor einem christlichen Hintergrund –  ganz vielseitige Fragestellungen.

Wie beurteilen Sie die Qualität von Kinderbibeln, religiösen Bilderbüchern und Gebetbüchern, die bei der Jury eingereicht werden?

Da ich vom Deutschen Katechetenverein als Religionspädagogin in die Jury berufen worden bin, habe ich einen Blick gerade darauf. In diesen Sparten findet sich so viel Banales und künstlerisch Triviales! Es wird viel kaputt gemacht, wenn diese Dinge – womöglich beim Discounter – gekauft werden und nicht nur Kinder, sondern auch Eltern da­raus religiöses Wissen beziehen. Wir sind mit drei Religionspädagogen in der Jury vertreten. Da schauen wir sehr genau hin: Wie wird ein biblischer Text dargestellt? Wird er als Geschichte erzählt oder als Tatsachenbericht?  Wie gehen die Bilder mit der biblischen Botschaft um? Wir haben da eine große Aufgabe, deutlich zu machen, was wirklich lesenswert ist und was zur religiösen Entwicklung von Kindern beiträgt.

Am 15. März wird das preisgekrönte Buch bekannt gegeben. Sie wissen seit Anfang des Jahres, wer das Rennen gemacht hat. Ist es auch Ihr Lieblingsbuch?

Ich war zuletzt schwankend – sehr schwankend, aber das Preisbuch gehörte zu meinen drei großen Favoriten. Jetzt bin ich über die Entscheidung glücklich. Das Buch wird einen großen Anklang finden.

Der lange Weg zum preisgekrönten Buch
Jedes Jahr ab April bekommen die neun Jury-Mitglieder des katholischen Kinder- und Jugendbuchpreises große Bücherkisten. In diesem Jahr haben die Verlage 241 Bücher eingereicht.
Das Auswahl-Verfahren für den Preis gliedert sich in drei Etappen. Zunächst werden die Jury-Mitglieder als Erst- beziehungsweise Zweitleser eines Buches eingeteilt. Sie beschäftigen sich intensiv damit und schreiben dazu eine Inhaltsangabe und Stellungnahme. Jedes Jury-Mitglied bearbeitet zunächst 30 bis 40 Bücher in dieser Weise.
Es folgen Sitzungen im September und Dezember. Dort versuchen die Erst-Experten für die Bücher die anderen Jury-Mitglieder zu überzeugen, ob das betreffende Buch in die engere Auswahl kommt oder nicht. Oft haben zu dem Zeitpunkt auch andere Jury-Mitglieder diese Bücher aus persönlichem Interesse gelesen.
Aus der Arbeit der ersten beiden Sitzungen bleiben 60 bis 80 Bücher übrig. Diese Bücher sind Pflichtlektüre für alle Beteiligten.
Die entscheidende Sitzung ist Anfang Januar in Köln. Dazu bringt jedes Jury-Mitglied eine Liste von 15 Büchern mit, die seiner Meinung nach auf die Empfehlungsliste kommen sollten.
Über die 60 bis 80 Bücher aus dem zweiten Durchgang wird in der letzten, entscheidenden  Sitzung auf jeden Fall intensiv gesprochen. Das Gremium macht sich die Auswahl auch in der fortgeschrittenen Diskussion nicht leicht: Es stellt sich auch zu dem Zeitpunkt immer wieder die Frage, ob vielleicht ein wichtiges Buch übersehen wurde.
Die endgültige Entscheidung über den Preisträger fällt  in geheimen Wahlgängen.