Besuch in einer internationalen Förderklasse in Rheine

Wie die deutsche Sprache Flüchtlinge verbindet

Das Wörterbuch Arabisch-Deutsch liegt neben dem Etui. Auf dem Nachbartisch ist die Version Persisch-Deutsch aufgeschlagen. Eine Schulbank weiter gibt es die Übersetzungen für das Albanische. Das sind längst nicht alle Sprachen, die hier gesprochen werden. Pastunisch aus Afghanistan ist dabei. Oder Tigrinya aus Eritrea.

Ein Sprachengewirr herrscht trotzdem nicht in der Internationalen Förderklasse am Josef-Pieper-Berufskolleg in Rheine. „Deutsch ist ihre Schnittmenge“, sagt Ortrun Niethammer. „Sie sprechen alle unsere Sprache – unterschiedlich gut und mit unterschiedlichen Akzenten.“ Seit Schuljahresbeginn ist sie die Klassenlehrerin der 23 Schüler. Und sie ist ihre Deutschlehrerin. „Eine anstrengende und schöne Aufgabe.“

Deutsch- und Kulturunterricht sind nicht zu trennen. Den Flüchtlingen ist noch vieles fremd in ihrer neuen Heimat. Heute soll es eigentlich um Trennungen von Verben gehen. Erstes Thema ist aber die Pünktlichkeit. „Wenn die Stunde beginnt, müssen wir in der Klasse sein.“ Mit diesem Satz lässt sich nicht nur die deutsche Disziplin lernen, auch die Sprache. Vier Schüler sind vom Tischtennisspielen zu spät aus der Pause zurückgekommen. Bei ihren Erklärungen sollen sie Satzbau und Endungen beachten.

Die Unterrichtsstunden in dem Bischöflichen Berufskolleg schaffen für die Jugendlichen zwischen 16 und 18 Jahren eine völlig neue Perspektive. Alle sind sie aus ihrer Heimat geflüchtet, alle ohne ihre Familien. „Unbegleitete Minderjährige“ heißen sie. Sie wohnen in verschiedenen pädagogischen Einrichtungen im Umkreis von Rheine. Jetzt haben sie die Chance, einen Schulabschluss zu machen, um einen Ausbildungsplatz zu finden.

Schicksale als Impuls

Wie weit entfernt diese Chance für sie noch vor wenigen Monaten war, erzählt Khadijeh Ghasemi. Die 17-jährige Afghanin kam vor einem Jahr über den Iran, die Türkei und die Balkanroute nach Deutschland. Ihr Vater wollte sie verheiraten, sie weigerte sich. Nur noch die Mutter hielt zur ihr. „Sie war sehr traurig, als sich mich gehen ließ“, sagt die junge Frau. „Aber es war die einzige Chance, mein Leben zu leben.“ Zwei Monat zu Fuß, mit dem Boot und der Bahn folgten. Mit viel Heimweh, Ängsten und Ungewissheiten. Jetzt sitzt sie in der ersten Reihe der Klasse neben dem Mädchen aus Eri-trea, dass sich gegen die deutsche Kälte in eine Wolldecke gehüllt hat.

Schicksale wie diese gaben den Ausschlag im Lehrerkollegium der Berufsschule. Es kam keine offizielle Anfrage von Behörden. Die Idee hatten die Pädagogen der Schule selbst. Obwohl sie mit den 400 Schülern der Fachschule für Heilpädagogik, Sozialpädagogik und Heilerziehungspflege ihren Arbeitsalltag eigentlich ausreichend gefüllt haben. „Die Entwicklungen in Europa im vergangenen Jahr waren für uns Aufforderung genug“, sagt Helga Streffing. „Wir wollten in dieser Situation unseren Beitrag für die Flüchtlinge leisten.“

Übersetzungshilfe: Wörterbuch Deutsch-Persisch.
Übersetzungshilfe: Wörterbuch Deutsch-Persisch. | Foto: Michael Bönte

Streffing gehört zur achtköpfigen Lehrergruppe, die in der Klasse unterrichtet. Auch das übrige Kollegium sprach sich von Beginn an für die Idee aus. Stunden mussten aufgestockt werden, um die Anforderungen für die Internationale Förderklasse erfüllen zu können. Das Bistum Münster als Träger der Schule unterstütze organisatorisch und finanziell. Als das Schuljahr im August startete, fehlten noch die Schüler. Nach Gesprächen mit Städten und Kommunen sowie mit den Wohlfahrtsverbänden erschienen lediglich sechs Jugendliche in der Schule. Erst als sie direkt auf die pädagogischen Wohneinrichtungen zugingen, kamen mehr. „Wir starteten ins absolut Ungewisse“, sagt Streffing. „Und tun das heute eigentlich immer noch jedem Morgen.“ Die Politiklehrerin beschreibt die Klasse als „lebendig, unruhig, aber voll Motivation“. Das hinterlässt Spuren bei ihr. „Ich bin nach den Stunden absolut geschafft, aber auch mindestens einen halben Tag fröhlich.“

Der Grund: Die Lehrer erleben junge Menschen, die erkannt haben, welche Chance sich ihnen bietet. „Natürlich sind die kulturellen Hintergründe und persönlichen Voraussetzungen sehr unterschiedlich“, sagt Klassenlehrerin Niethammer. „Aber es gibt Dinge, die sie eint: ihr Schicksal und ihr Ziel.“ Streitereien sind die Ausnahme, gegenseitige Hilfe die Regel.

So auch im heutigen Politikunterricht. Wer Probleme hat, bekommt Unterstützung – über Sprachgrenzen hinaus. Hände kommen dabei zum Einsatz, Übersetzungsprogramme auf dem Smartphone, Bilder in den Lehrbüchern. „Was ist in der Schule erlaubt?“, fragt Streffing. „Und was ist in den Schulen in eurer Heimat erlaubt?“ Die Schüler kommen ins Reden. „Das ist entscheidend“, sagte die Lehrerin. „Reden ohne Angst, etwas Falsches zu sagen.“

Druck der Vergangenheit

Über die Flucht-Hintergründe wissen die Lehrer bislang wenig. Dass die jungen Menschen alle Schreckliches erlebt haben, ist ihnen bewusst. Im Unterricht erleben sie manchmal die Folgen. „Es gibt Momente, in denen jemand weint oder vor die Türe rennt“, sagt Klassenlehrerin Niethammer. Der Druck, den die Schüler von ihrer Flucht mitgebracht haben, bricht dann durch. Sie kommen trotzdem jeden Morgen, manche mit einer Anreisezeit von fast zwei Stunden. „Das zeigt, welche Bedeutung die Schulstunden für sie haben.“

Die Aufarbeitung ihrer Vergangenheit läuft derzeit an. Ein Lehrer widmet sich der sensiblen biografischen Arbeit. Dann wird es in den wöchentlichen Konferenzen auch Rückmeldungen an das Kollegium geben. Gleichzeitig sollen die deutschen Schüler mehr und mehr Gemeinsames mit der Förderklasse unternehmen. Patenschaften sind geplant, gemeinsame Projekte und Freizeitgestaltung. Gekocht haben sie schon zusammen. Und Fußball gespielt.

Im Politikunterricht geht es derweil im Gleichklang von deutscher Sprache und Kultur weiter. Es geht um Mülltrennung, und das mit den richtigen Vokabeln. Zwei Schüler schütten den Abfalleimer der Klasse auf das Pult. Dann wird sortiert. „Bananenschalen, Papier, Getränkedosen...“ Und: „Blaue Tonne, weiße Tonne, gelbe Tonne ...“ Die Worte sitzen längst. Das Verständnis für die deutsche Eigenart, Abfall zu ordnen, braucht sicher noch etwas.