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Michael Rottmann über Adventskalender mit Socken, Gin oder Möbelhaus-Gutscheinen

Wir haben das Warten auf Weihnachten verlernt

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Zu den fragwürdigen Erscheinungen unserer Zeit zählt wohl die Vielzahl der Adventskalender im Handel, gefüllt mit Krimskrams jeder Art. Michael Rottmann hat sich einen Überblick verschafft und fragt sich: Braucht man das? Und: Was sagt das über unsere Zeit aus?

Sie suchen kurzfristig noch einen Adventskalender? Na, dann machen Sie sich mal auf einiges gefasst. Schon der flüchtige Blick ins Internet zeigt: Fast jede Branche hat die Wartezeit vor dem Fest als Verkaufsplattform entdeckt. Da finden sich Kalender mit Socken, Bier, Müsli-Portionen, Kaffee, Gesichtscremes, Parfum-Flacons, Gewürzen, Erotik-Spielzeug (Stichwort Wartezeit) und sogar mit Proteinpulver für Fitnessbegeisterte.

Wer möchte, kostet vier Wochen lang täglich von Pralinen, Lakritz, Feinkostzutaten, Low-Carb, Gin, gemischten Schnäpsen (Vorsicht Suchtgefahr!), Nüssen, veganen Snacks, Kartoffelchips, Gummibärchen, Bio-Tees oder ausgesuchten Weinen. Manches auf Wunsch auch zucker- oder laktosefrei.

Von Werkzeug bis Saatgut

Die Reihe des Unerwarteten geht aber noch weiter. Wer rechnet schon mit Adventskalendern voller Werkzeug, Bastelmaterial, Saatgut, Modell-Bausätzen, Rätseln, Weihnachts-Deko, Möbelhaus-Gutscheinen, Schmuck, Spielsachen oder Quizfragen? Da passt die „Schwangerschafts-Countdown-Box“ immerhin noch thematisch zum Advent.

Es gibt Kalender zum An-die-Wand-Hängen oder zum Hinstellen. Außerdem in Luxus-, Large-, Medium- oder Small-Variante oder – „für Globetrotter“ – in To-Go-Version für die Westentasche. Ich frage mich: Wer braucht das alles? Die Antwort: scheinbar genügend Kunden, die mit dem Kauf nicht nur Adventsglöckchen, sondern auch Kassen klingeln lassen.

Täglich ein vorgezogenes Geschenk

Zugegeben, das kleine Stückchen Schokolade beim Öffnen eines Türchens kann dabei helfen, den besonders geprägten Charakter der Adventszeit wahrzunehmen. Aber das reicht dann auch. Vielleicht liegt es an frühen Kindheitserfahrungen. Advent bedeutete Wartezeit und nicht täglich ein vorgezogenes Geschenk.

Einer meiner ersten Adventskalender (etwa 1966) hatte Türchen aus Papier. Wir waren jedes Mal gespannt auf das Bild dahinter. Zu Beginn der Adventszeit meist Schäfchen, Sterne und Kerzen. Und wie schön war es, wenn wir an Heiligabend das – meist etwas größere – 24. Türchen aufklappten, mit dem Christkind in der Krippe dahinter. Dann wussten wir: Jetzt ist Weihnachten – und strahlten.

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