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Simon Harhues zog es aus Münster in die Gemeinschaft

Zukunftsmodell Kommune? So lebt die Gemeinschaft Schloss Tempelhof

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Er möchte neben seinem Beruf mehr Zeit für sein Ehrenamt haben. IT-Experte Simon Harhues arbeitet deshalb nur mit 60 Prozent bei einem Konzern nahe Nürnberg. Für den 33-Jährigen ist es kein Verzicht, weniger Geld zu haben. Wichtig ist ihm das Zusammenleben in einer solidarischen Dorfgemeinschaft.

Gelebte Idylle, Aussteigerkommune oder experimentelles Wohnen und Arbeiten? Die Gemeinschaft Schloss Tempelhof in Kreßberg zwischen Stuttgart und Nürnberg liegt irgendwo dazwischen. 150 Menschen, davon 50 Kinder, leben hier nach dem Solidaritätsprinzip auf 30 Hektar, davon 26 Hektar landwirtschaftliche Anbaufläche.

Mittendrin der gebürtige Münsteraner Simon Harhues. „Eigentlich bin ich durch Zufall hier gelandet“, sagt der junge Mann mit Bart und Zopf hinter dem Computer-Bildschirm in seinem WG-Zimmer. 2007 ging es für sein duales Informatik-Studium von Münster nach Passau. In zehn Jahren ist er dann studien- und berufsbedingt zwölfmal umgezogen.

„Wie will ich eigentlich leben?“

Die Frage „Wie will ich eigentlich leben?“ ist immer mal wieder aufgetaucht, und nach zwei Jahren Gesprächen, Praktika und intensivem Austausch mit den Dorfbewohnern hat er sich auf dem Tempelhof niedergelassen. Ein umfangreiches Kennlernverfahren, dem sich jeder Neue stellen muss, lag damit hinter ihm.

„Grundsätzlich leben hier ganz normale Leute mit ganzen normalen Berufen“, sagt Simon Harhues. In seiner WG wohnt noch ein alleinerziehender Vater mit seinen Töchtern, der bei der Hausmeisterei des Dorfes angestellt ist.

Selbstversorgung und achtsamer Umgang

32.000 Euro müssen alle einmalig in die Genossenschaftskasse einzahlen, 10.000 Euro gibt es im Falle eines Austritts zurück. Dafür ist die Miete günstig. Für das Bio-Essen in der Dorf-Kantine zahlen die meisten einen selbst gewählten Solidar-Beitrag um die 350 Euro im Monat. Die Bewohner können aber auch zu Hause kochen.

Ökologische Selbstversorgung, digitales Arbeiten und achtsamer Umgang miteinander – das Dorf mit eigener Bäckerei, Gärtnerei, einem Geschäft, Hühnern, einer Imkerei, einem Kindergarten und einer Schule lebt vor allem vom gemeinsamen Entscheiden, das über Basisdemokratie hinausgeht.

Keine abgeschottete Aussteiger-Kommune

„Das kann auch anstrengend sein“, weiß Simon, der die Dorfgemeinschaft als Moderator in den regelmäßigen Treffen unterstützt. Denn bei den Entscheidungsprozessen, die die Belange des Dorfes betreffen, werde immer auch der Langsamste mitgenommen, sogar nur ein Veto der Gruppe kann den Prozess stoppen und es wird neu diskutiert und abgestimmt. „Bis die Schule gebaut wurde, sind zum Beispiel zwei Jahre vergangen“, berichtet Simon Harhues. Dafür stand am Ende aber auch eine Entscheidung, die von allen mitgetragen wurde.

„Wir wollen hier keine Insel sein“, betont Simon Harhues. Vorbild vielleicht, Zukunftswerkstatt für alternatives Leben auch, aber keine abgeschottete Kommune nur für Aussteiger. Mit ihrer unter dem Aspekt der Permakultur geführten Landwirtschaft zum Beispiel weckt die Dorfgemeinschaft auch das Interesse von Forschung und Agrarvertretern.

Selbstverpflichtung fürs Gemeinwohl

Simon Harhues. | Foto: Roland Pretz
Simon Harhues. | Foto: Roland Pretz

Alle Mitglieder der Gemeinschaft leisten ein „Commitment“, eine Selbstverpflichtung für das Gemeinwohl, auch solche, die außerhalb des Dorfes arbeiten wie der IT-Experte: „Einige putzen die Kantine oder unsere Kulturkapelle, unser Veranstaltungszentrum. Ich kümmere mich vier Stunden die Woche um die PCs und technische Infrastruktur“, sagt Simon Harhues.

Außerdem arbeitet er ehrenamtlich mit den Kindern an der Dorfschule, die sich unter anderem an den Leitlinien der Reformpädagogin Rebeca Wild und Maria Montessori orientiert. Vereinfacht gesagt steht dahinter der Gedanke, die Kinder in einer vorbereiteten Umgebung beim eigenständigen Lernen zu begleiten.

Drei-Tage-Arbeitswoche

Simon Harhues erzählt begeistert von einem Beispiel: „Ein Jugendlicher kam mit seinem Anliegen auf mich zu, ob wir einen 3D-Drucker bauen könnten, also einen computergesteuerten Drucker, der dreidimensionale Produkte erstellen kann. Das hat zwar etwas gedauert, aber jetzt läuft er“, berichtet er nicht ohne Stolz. Die Schule begleitet die Kinder bis zum Realschulabschluss.

Eigentlich könnte Harhues mit seinem IT-Studium, unter anderem in Wirtschaftsinformatik, richtig viel Geld verdienen in seinem Job bei einem 6.000-Mitarbeiter-Konzern. Doch er hat seine Arbeit auf eine Drei-Tage-Woche reduziert.

„Ich verzichte nicht – ich gewinne Zeit“

„Was ist der Preis dafür, dass du so leben kannst?“, wurde er neulich auf einem Online-Abend des Bildungswerks der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) im Bistum Münster gefragt. Die KAB stellte in der Vortragsreihe mit unterschiedlichen Referenten die Frage nach einer zukunftsfähigen Gesellschaft, die Ehrenamt, Erwerbsarbeit und Familienarbeit gleichwertig anerkennt.

Für Simon Harhues ist die Sache klar: „Ich verzichte nicht – ich gewinne freie Zeit. Für andere und für mich.“ Das sei so vielleicht nur möglich, weil er in einer Branche mit einem hohen Lohnniveau tätig sei. „Da bin ich mir meiner Privilegien bewusst.“

Fluch und Segen

Die damit einhergehende Flexibilität von Homeoffice und Teilzeit sei aber Fluch und Segen zugleich. An seinen freien Tagen checkt er zwischendurch Dienstmails, um auf dem Laufenden zu bleiben. „Es ist eine Balance zwischen Geben und Nehmen.“

Warum er sich für dieses Leben entschieden hat? „Nach meinem Bachelor habe ich mich gefragt: Wie bekomme ich wieder mehr Mensch in mein Studium?“ Das reine fachbasierte Arbeiten reichte ihm nicht.

Katholische Wurzeln in Münster

Eine Haltung, die auch von seinen Eltern geprägt wurde. Seine Mutter leitet das Bildungswerk der KAB im Bistum Münster. Im Abitur belegte er die Leistungskurse Physik und Erziehungswissenschaften: „Ich möchte Dingen gerne umfassend verstehen“, sagt er über sich und diese ungewöhnliche Kombination. „Ich habe auch immer schon gerne mit Menschen gearbeitet.“

In seiner damaligen Gemeinde Christus König (Erpho) in Münster, heute St. Mauritz, hat er Messdienergruppen geleitet, Ferienlager mit organisiert und gute Kontakte zur Effata-Jugendkirche gehabt. „Eine Kirche, die sich der Schöpfungsbewahrung verschreibt, da kann ich auch heute noch mitgehen“, meint er.

Die Werte der Gemeinschaft

Spiritualität sei in seiner jetzigen Lebensphase nicht sein größtes Thema, „aber die Erlebnisse und die progressive Art von Pfarrer Hubertus Krampe sind mir in guter Erinnerung geblieben“, sagt er. In der Gemeinschaft Schloss Tempelhof schätzt er vor allem die die Vision der Vielfalt, wo unterschiedliche Weltanschauungen gleichberechtigt und friedlich nebeneinander stehen.„Wir vertreten kein geistiges oder politisches Dogma“, sagt er.

Die Gemeinschaft habe sich sechs weiteren Werten verschrieben. Er zählt auf: „Gemeinschaft im Wir“, in dem der Einzelne gestalterisch frei ist, das „All-Leader-Prinzip“, das jeden Menschen mit seinen Fähigkeiten anerkennt, Nachhaltigkeit, eine solidarische Ökonomie und Verantwortung sowie eine achtsame Kommunikationskultur.

Keine Sekte

Lästern ist beispielsweise tabu: „Hört sich für Außenstehende komisch an, aber wir versuchen zum Beispiel über Dritte, wenn wir über sie reden, so zu sprechen, als ob die Person dabei wäre“, gibt er einen Einblick in den wertschätzenden Umgang miteinander.

Wenn er scherzhaft gefragt wird „Na, wie geht’s in deiner Sekte?“, kann Simon Harhues damit umgehen: „Es spiegelt mir zurück, wie unsere Gemeinschaft vielleicht von außen gesehen wird.“ Dann bringt er schon mal das Beispiel vom Carsharing. „Gemeinsam ein Auto nutzen, das kennst du auch aus deiner Stadt, das machen wir hier auch. Und zusätzlich machen wir hier auch noch Waschmaschinen-Sharing.“

„Wir müssen dahin kommen, mit Ressourcen schonender umzugehen“, ist Simon Harhues überzeugt. Dahinter steht für ihn die Frage „Wie geht das mit den Menschen? Und wie kann es gut gehen?“ Eine Frage, auf die er offensichtlich in der Gemeinschaft Schloss Tempelhof eine Antwort gefunden hat.

Das Schloss Tempelhof
Auf dem ehemaligen Adelssitz mit Lustschloss aus dem 17. Jahrhundert betrieb die evangelische Diakonie bis in die 1990er Jahre ein Kinderheim. Bis 2006 befand sich eine Behinderteneinrichtung auf dem Gelände. Nach einigen Jahren Leerstand kauften die Gründungsmitglieder aus München die Anlage. „Wir wollen mithelfen, dass immer mehr Projekte, Initiativen und Dörfer entstehen können, die Vielfalt, Nachhaltigkeit, ein freiheitliches Leben und eine Ökonomie des Gemeinwohls in ihrer Vision tragen – und dabei den Menschen und die authentische Begegnung von Menschen in den Mittelpunkt stellen wollen“, heißt es in der Satzung. Das Kommunikationsprinzip basiert unter anderem auf den Theorien des US-amerikanischen Psychiaters und Therapeuten Scott Peck. Die Stiftung ist Inhaberin des Geländes, die Genossenschaft baut, nutzt und verwaltet die Gebäude, der Verein ist unter anderem der Träger der Schule und des Kindergartens. Unter anderem wird ein Solidaritätstopf von 20.000 Euro transparent verwaltet, aus dem sich jeder ohne Angaben von Gründen bedienen kann. www.schloss-tempelhof.de/

Das Bildungswerk der KAB im Bistum Münster plant im Oktober eine Bildungsreise nach Schloss Tempelhof. Kontakt unter www.kab-bildungswerk.de/

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