Christen formulieren ihre Wünsche

Zwölf Thesen zur Zukunft der Kirche

500 Jahre nach den 95 Thesen von Martin Luther fragen wir zwölf Frauen und Männer, katholische und evangelische, was heute reformiert werden sollte, damit morgen eine überzeugende Kirche besteht.

Barbara Hendricks

Bundesumweltministerin

Barbara Hendricks, BundesumweltministerinBarbara Hendricks, Bundesumweltministerin.

Die Kirche der Zukunft sollte geprägt sein von Offenheit, Toleranz und Mut. Die Kirche der Zukunft sollte Frauen mehr Raum geben. Politik und Kirche sollten sich auf dem schwierigen Weg im 21. Jahrhundert gemeinsam auf ihre Verantwortung für die Bewahrung der Schöpfung und die Würde eines jeden Menschen besinnen.

Adelheid Wolbring-Wefers und Hans-Joachim Wefers

er evangelischer Superintendent, sie katholisch

Adelheid Wolbring-Wefers und Hans-Joachim Wefers, er evangelischer Superintendent, sie katholischAdelheid Wolbring-Wefers und Hans-Joachim Wefers, er evangelischer Superintendent, sie katholisch.

Wir sind beide tief von dem Grundverständnis des Christseins geprägt, wie es die ökumenische Gemeinschaft von Taizé vorlebt. Unser Traum von der Zukunft der Kirche ist daher klar:

- Sie ist eine ökumenisch konkrete Kirche, die verschiedene christliche Traditionen in sich aufnimmt und ihnen Raum gibt, sie gleichberechtigt anerkennt, ohne Unterschiede zu nivellieren.

- Sie ist eine spirituelle Kirche, die aus den Quellen des Gebetes (gemeinschaftlich und persönlich), der Meditation und der Konzentration auf das biblische Wort beständig trinkt.

- Sie ist eine kämpferische Kirche, die entschieden auf der Seite der Armen steht und für ihr Lebensrecht konsequent eintritt.

Ökumenisch – kontemplativ – und kämpferisch, das wäre für uns ein Traum von Kirche.

Thomas Söding

Katholischer Theologie-Professor

Thomas Söding, Katholischer Theologie-ProfessorThomas Söding, Katholischer Theologie-Professor.

Mein Traum ist, dass es nicht nur ein Traum bleibt: Menschen, die der Kirche angehören, gehen raus aus der Anonymität und geben dem Glauben ihre Stimme – und finden in der Kirche Gehör. Und Menschen, die mit der Kirche nichts (mehr) anfangen können, werden neugierig, warum es diese großen Gebäude mit den hohen Türmen, die zum Himmel weisen, gibt und wer diese Häuser wohl bewohnen mag. Die Kirche hat ganz klein angefangen und ist ganz groß herausgekommen, vielleicht zu groß. Jetzt ist die Zeit, neu anzufangen – ohne Illusionen, aber mit einer Hoffnung, die nicht nur ein Traum ist.

Schwester Ilse

Evangelische Diakonisse

Schwester Ilse, Evangelische Diakonisse.Schwester Ilse, Evangelische Diakonisse.

Für mich bleibt die Kirche auch in der Zukunft ein Raum, der offen ist für Gespräche, Stille, Begegnung, Fragen, Sorgen und Zuflucht. Für all das, was wir Menschen brauchen, in unser hektischen Zeit aber oft untergeht. Wichtig bleibt, dass wir als Christen dabei nicht verwechselbar werden, sondern wahrhaftig handeln. Das heißt, dass unser Leben übereinstimmt mit unserem Reden. Und unser Reden übereinstimmt mit der biblischen Botschaft.

Kerstin Stegemann

BDKJ-Diözesanverband Münster

Kerstin Stegemann, BDKJ-Diözesanverband Münster.Kerstin Stegemann, BDKJ-Diözesanverband Münster.

Ich träume davon, dass Kirche jeden Menschen akzeptiert und gleich willkommen heißt, ohne Unterschiede in Bezug auf das Geschlecht, die sexuelle Orientierung oder die jeweilige Lebensweise zu machen. In einer Kirche der Zukunft erfahren alle Menschen eine Heimat und begegnen auf ihre Art und Weise Jesus. Für alle Kinder und Jugendlichen wünsche ich mir, dass Kirche ihnen auch weiterhin geschützte Räume bietet, in denen sie eigene Erfahrungen machen und ihnen eine Auseinandersetzung mit ihrem Glauben ermöglicht wird.

Katrin Göckenjan

Superintendentin Evangelischer Kirchenkreis Recklinghausen

Katrin Göckenjan, Superintendentin Evangelischer Kirchenkreis Recklinghausen.Katrin Göckenjan, Superintendentin Evangelischer Kirchenkreis Recklinghausen.

In meinem Traum von einer Kirche in Zukunft spielt eine neue Generation von Menschen im Pfarrdienst und von ehrenamtlich Engagierten eine wichtige Rolle. Sie leben vernetzt und entdecken die Möglichkeiten ganz neu, wie Menschen die gute Nachricht von der Liebe Gottes persönlich „liken“ und miteinander teilen können. Sie nutzen analoge und digitale Kanäle, um die Menschen zum Glauben einzuladen, Gemeinschaft zu bilden und sich einzubringen in die Diskussion um wichtige Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung. Sie feiern Gottesdienste überall, wo Menschen sich versammeln. In Kirchen, im Freien, in Schulen und Altenheimen, im Netz. Sie schauen dem Volk aufs Maul und reden so, dass die Botschaft „rüberkommt“.

Karl-Josef Laumann

NRW-Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales

Karl-Josef Laumann, NRW-Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales.Karl-Josef Laumann, NRW-Minister für Arbeit, Gesundheit und Soziales.

Ich wünsche mir eine lebendige Kirche, in der man die Freude am Glauben deutlich erfahren kann. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die frohe Botschaft von der Auferstehung mehr verwaltet wird und zu wenig spürbar ist. Wir müssen den Menschen mit Barmherzigkeit begegnen, denn Barmherzigkeit ist doch der Kern unseres Glaubens. Wenn wir uns daran halten, geht die Kirche in eine gute Zukunft.

Britta Bäker

Katholische Landjugend Lastrup

Britta Bäker, Katholische Landjugend Lastrup.Britta Bäker, Katholische Landjugend Lastrup.

Meine Vision von Kirche ist eine offenere Glaubensgemeinschaft, die sich zum Beispiel in einer anderen Gottesdienstgestaltung zeigt. Ich wünsche mir nicht nur bei Jugendgottesdiensten eine kreativere Gestaltung, wie wir dies zum Beispiel in der Landjugend Lastrup durch Lichteffekte oder Open-Air-Messen umsetzen, sondern auch bei „normalen“ Gottesdiensten. Auch das Mitwirken einer Kirchenband oder eines Chores könnte zu einer aufgelockerten Stimmung führen. Eine offene Glaubensgemeinschaft beinhaltet für mich auch die Abschaffung des Zölibats und die Anerkennung der Homo-Ehe. Vielleicht gelingt es uns dadurch, die Kirche zeitgemäßer zu gestalten und mehr Menschen für die Kirche zu begeistern.

Dorothea Sattler

Katholische Theologie-Professorin, Münster

Dorothea Sattler, Katholische Theologie-Professorin, Münster.Dorothea Sattler, Katholische Theologie-Professorin, Münster.

Ich träume von getauften Menschen, die in Gemeinschaft miteinander Arme speisen, Trauernde trösten und Feinden mit der Bereitschaft zur Versöhnung begegnen. Mein Traum ist es, dass alle Menschen in der Kirche sich kommunikative Räume öffnen, in denen sie einander von der Freude und von der Not ihres Lebens erzählen. Ich wünsche eine Kirche, die den Mut hat, die Schuldverstrickung der Menschheit zu beklagen und auf Gottes Gericht zu hoffen. Ich träume von einer Kirche, in der die Verkündigung des österlichen Evangeliums hier und heute schon die Glaubenden verwandelt – wer ängstlich ist, möge in der Kirche zuversichtlich werden.

Susanne Thum-Nolte und Ulrich Nolte

sie evangelisch, er katholisch, Münster

Susanne Thum-Nolte und Ulrich Nolte, sie evangelisch, er katholisch, Münster.Susanne Thum-Nolte und Ulrich Nolte, sie evangelisch, er katholisch, Münster.

Dass die Kirchen alle Lebensentwürfe der Menschen bedingungslos anerkennen, wo Menschen in Liebe und Verbundenheit miteinander leben – und dabei denken wir auch an konfessionelle Arbeitgeber, die Teilhabe beim Gottesdienst aber auch an viele andere Bereiche. Dass die Predigten verständlich und am heutigen Leben der Menschen ausgerichtet sind.Dass wir miteinander Abendmahl oder Eucharistie feiern können und auch beide (Ehe-)Partner zum Mahl eingeladen sind.

Christian Jung

Leiter Familienbildungsstätte Bocholt

Christian Jung, Leiter Familienbildungsstätte Borken.Christian Jung, Leiter Familienbildungsstätte Bocholt.

In Borken haben wir eine Woche lang ein ökumenisches Kirchenfest gefeiert. Mich hat eine Veranstaltung um das gemeinsame Abendmahl besonders angesprochen. Es ist das zentrale Thema aller ökumenischen Bemühungen. In Bezug auf die theologische Deutung des Abendmahls und der Eucharistie sind sich die beiden Konfessionen schon sehr nahe. Da kommt es jetzt darauf an, dass wir in den Gemeinden die aufgezeigten Perspektiven aufgreifen und in unsere Glaubenspraxis integrieren. Dann hätten wir schon ganz viel erreicht. Mir persönlich hat in dieser Woche wieder einmal gut getan, dass viele kleine Gesten, Abläufe und Handlungen hier vor Ort schon zur echten Selbstverständlichkeit, zum Alltag geworden sind. Wir reden hier eben nicht nur von Geschwisterlichkeit, wir leben sie auch. Zumindest kann ich das für mich persönlich so sagen. Ich lebe diese Geschwisterlichkeit mittlerweile. Ich sehe die ökumenische Entwicklung durchweg optimistisch. Inhaltlich sehe ich gute Möglichkeiten, dass wir in unterschiedlichen liturgischen Formen in Zukunft weiter zusammen gehen werden, stärker als bisher, zum Beispiel beim Evensong, bei Frühschichten, Meditationen und Pilgerwegen.

Maria Wübbeler

Pfarreirats-Vorsitzende in Wildeshausen

Maria Wübbeler, Pfarreirats-Vorsitzende in Wildeshausen.Maria Wübbeler, Pfarreirats-Vorsitzende in Wildeshausen.

Die Kirche der Zukunft sollte ihr pastorales Handeln an der heutigen Lebenswirklichkeit der Menschen orientieren und Hilfe im alltäglichen Leben vorbehaltlos anbieten. Eine Kirche des Beistands. Sie muss den Menschen geistige und geistliche Heimat sein, offen für neue Ideen. Dann können christlich-religiöse Erfahrungen der zunehmenden Konfessionslosigkeit auch entgegenwirken.Sie muss sich von der Fokussierung auf den Priester trennen, das Ehrenamt und die Rolle der Laien stärken. Priester müssen nicht zwangsläufig die Gemeindeleitung inne haben. Die Rolle der Frau muss dabei gleichberechtigt sein.